Am Anfang steht ein Plan. Der bläht das durch den Boom der Textilfabriken rasant wachsende Barcelona ab den 1860er-Jahren gewaltig auf. So wie in Paris der berühmtere Baron Haussmann einen Masterplan vorlegte, um die zum Teil noch mittelalterlich anmutende Metropole der Franzosen baulich zukunftsfähig zu machen, so streckte auch das architektonische Rasterrankwerk des Ingenieurs Ildefons Cerdà Block um Block und Plätzchen um Plätzchen seine Tentakel aus.
Am Ende war diese schöne neue Wohnwelt einer aufstrebenden Bourgeoisie zehnmal so groß wie das beengte Barri Gòtic, die Keimzelle der katalanischen Hauptstadt im Preußen Spaniens. Heute freilich ist Barcelona längst umschlungen von der seit dem neuerlichen Schub der Olympischen Spiele 1992 weiterwuchernden, nicht immer nur schönen Stadt.
Und auch die in der Münchener Ausstellung „Barcelona Moderna“ in einer gezeichneten Vedute noch weitläufig leer zu sehende Umgebung der 1882 begonnenen Sagrada Família, der nach weit über hundert Jahren in Kürze fertiggestellten Kirchenbauutopie Antoni Gaudìs, hat sich heute längst in den Touristenproblemfall eines ganzen, gentrifizierten Stadtviertels verwandelt.
Die Kunsthalle der Hypo Bank hat sich in ihrer Ausstellungsgeschichte immer wieder mit dem Spanien der Jahrhundertwende beschäftigt, sei es in Retrospektiven etwa mit Joaquín Sorolla (2016) oder Ignacio Zuloaga (2023). Nun widmet man sich dem künstlerischen Aufbruch einer ganzen Stadt, eben Barcelona, in die Moderne.
Was gerade in München Sinn macht. Hat doch diese stolze Kunststadt, die bisweilen, wie Thomas Mann spöttelte, mehr „leuchtete“ als strahlend kreierte, ebenfalls um die Jahrhundertwende in der Kunstgeschichte außerordentlich gepunktet. Nicht nur mit dem nach der gleichnamigen, Münchener Zeitschrift benannten Jugendstil wie auch der Künstlergruppe „Blauer Reiter“.
So ungewöhnlich der Spitze ist das Kunstwollen im Barcelona am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht gewesen, aber doch in seiner faszinierenden Breite auf spezifischem und besonderem Niveau. Skurril war bereits, das wird schon in den ersten Räumen von „Barcelona moderna“ (man vermeidet den Begriff „Modernisme“) deutlich, wie sehr man sich in der Ornamentik, sei es in der Grafik oder dem Kunstgewerbe, selbst in der Architektur, hier noch vom Mittelalter inspirieren ließ. Gern gepaart mit floraler Behübschung.
Das gilt etwa für den jungen Gaudì, aber auch für die organisch-ornamental gestaltenden Architekten Lluís Domènech i Montaner (gipfelnd in dessen hinreißend graziösem Palau de la Música Catalana) und Josep Puig i Cadafalch. Gleiches gilt auch für das Interieur des beliebten Künstlerlokals „Zu den vier Katzen“ („Els Quatre Gats“), das aussah wie eine auf Drogen entworfene Rittertrinkstube.
An solchen Plätzen wurden kulturelle Konstellationen sichtbar, so wie auch im legendären Cau Ferrat des Malers Santiago Rusiñol (dessen El-Greco-„Büßende Magdalena“ auch nach München kam) in Sitges. All diese Orte waren nicht bloß pittoreske Treffpunkte einer kunstbeflissenen Gesellschaft, sondern Laboratorien einer neuen kulturellen Identität.
Barcelona um 1900
Das ist die Stadt als Ort, an dem die Zukunft bereits begonnen hatte, während die Gegenwart noch damit beschäftigt war, ihre sozialen Verwerfungen zu verwalten. Überall wurde gebaut, spekuliert, produziert, gefeiert und protestiert. Das Bürgertum ließ sich prächtige Fassaden errichten, die Arbeiterschaft aber hauste auf den Schattenseiten der industriellen Expansion.
Eine neue Generation von Künstlern hatte beschlossen, dass die Welt nicht länger so aussehen müsse, wie sie bislang gemalt worden war. Eine Zeit der Nervosität also, der Eleganz, der Dekadenz und des Vorwärts. „Von Gaudí bis Picasso“, so lockend sind in der Kunsthalle und kuratiert von Carlos Alonso Pérez-Fajardo, Nerina Santiorius und Franziska Stöhr, 160 Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Möbel und Architekturmodelle als Begegnung mit dem katalanischen Modernisme versammelt, der sich zwischen 1880 und 1914 entwickelte.
Zwischen diesen beiden touristisch wie museal bestens verwertbaren Namen finden sich weit weniger bekannte, höchst sehenswerte Künstler. Wer sich besonders auf die gezeigten Bilder einlässt, wird feststellen, dass es vor allem drei Maler sind, die dem katalanischen Aufbruch ein Gesicht geben: Ramon Casas, Hermen Anglada Camarasa und Isidre Nonell.
Ramon Casas ist der Mann der urbanen Moderne. Er beobachtet, registriert, seziert – und zwar mit jener Selbstverständlichkeit, die jemand besitzt, der sich in der Gesellschaft, die er porträtiert, gut auskennt. Seine Bilder sind elegante soziologische Diagnosen. Casas ist der Chronist einer Bourgeoisie, die sich gerade selbst erfunden hat und dabei großen Wert darauf legt, möglichst selbstverständlich auszusehen. Auch weil sie gerade dabei ist, Restspanien abzuhängen, das mit Kuba seine letzte Kolonie verloren hat.
Augenfällig wird dieses Lebensgefühl in seinem berühmten Bild „Ramon Casas und Pere Romeu auf einem Tandem“ von 1897. Zwei Männer auf einem Fahrrad, in schräger Balance zwischen Fortschrittsglauben, viriler Kameradschaft und artistischer Selbstinszenierung. Das Tandem wird zur Chiffre einer neuen Zeit.
Casas war freilich nicht nur ein begnadeter Beobachter des urbanen Lebens, sondern auch ein Meister der psychologischen Distanz. Seine Porträts und Interieurs zeigen Menschen, die sich ihrer gesellschaftlichen Position bewusst sind, ohne sie eigens vorführen zu müssen. Besonders sein auch von den Impressionisten vielfach gezeigtes „Moulin de la Galette“ von 1901/02 führt in jene internationale Vergnügungswelt, in der sich Barcelona und Paris, katalanische Ambitionen und französische Lebensart berühren. Casas’ Menschen sind Akteure eines gesellschaftlichen Spiels, dessen Regeln er genau kennt. Und doch wirbt eines seiner Plakate auch für eine Klinik zur Behandlung von Syphilis.
Wo Casas beobachtet, berauscht sich Hermen Anglada Camarasa. Wo jener die gesellschaftliche Oberfläche mit kühler Präzision vermisst, lässt dieser die Farbe von der Leine. Seine Malerei ist ein Fest der Sinnlichkeit, ein iberischer Triumph des Dekorativen, eine geradezu rauschhafte Verwandlung der Wirklichkeit in ein visuelles Ereignis. Seine Frauenbilder scheinen nicht mehr aus Gegenständen und Figuren zusammengesetzt, sondern aus Licht, Stofflichkeit, Farbflächen und rhythmischen Bewegungen. Die Wirklichkeit wird nicht abgebildet, sie wird orchestriert.
Mit Isidre Nonell verändert sich die Temperatur der Ausstellung. Plötzlich ist Schluss mit dem gesellschaftlichen Amüsement, dem dekorativen Rausch und dem eleganten Spiel der Farben. Nonell führt in eine Welt, die im glänzenden Selbstbild der modernen Metropole nicht vorgesehen ist. Da feierte gerade noch Casas in der „Autofahrerin“ aus dem Club des Liceu, der zum Glück den Brand des angrenzenden Opernhauses (wo auch Richard Wagner einer der Heroen des Modernisme wurde) überstanden hat, die teure, aber grenzenlose, sogar emanzipierte Technik.
Und plötzlich blicken wir in das schlierenhafte Graugrün von Nonelles „Gitana“. Dessen Figuren sind Arme, Ausgegrenzte, gesellschaftliche Außenseiter, häufig Frauen aus der Roma-Gemeinschaft. Er malt Menschen, die nicht zum dekorativen Inventar der aufstrebenden Stadt gehören, sondern deren Existenz die Kehrseite ihres Fortschritts sichtbar macht. Ihre Gesichter wirken verschlossen, die Körper scheinen in sich selbst zurückzusinken, die Farben sind gedämpft, mitunter geradezu erdig und düster. Hier bleibt der Mensch eine verletzliche, widersprüchliche Existenz.
Und von Nonell ist es dann auch nur ein kleiner Schritt zu einem den Parcours zu Recht beschließenden, als 13-Jähriger aus Málaga kommend in Barcelona sich als Künstler entdeckenden und neun Jahre später in Paris als Kubist zum Revoluzzer werdenden ganz Großen: Pablo Picasso.
„Barcelona moderna. Von Gaudí bis Picasso“, bis 21. Februar 2027, Kunsthalle München; Katalog 45 Euro