Berlin – Die Deutsche Bahn rauscht ab – einzige Konstante: das Chaos! Und nun auch das: Selbst die kleinsten Mini-Erfolge fährt sie wieder über den Haufen. Zum Beispiel den hier: Im April waren 64,4 Prozent aller Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn pünktlich. Damit hatte die Bahn unter der Neu-Chefin Evelyn Palla (53) erstmals ihr Pünktlichkeitsziel (61,9 Prozent) erreicht. Doch auf das neuzeitliche Hoch folgt jetzt nach BILD-Informationen das historische Tief: Im Juni lag die Pünktlichkeit an einigen Tagen im Fernverkehr unter 50 Prozent. Heißt: Mehr als die Hälfte aller Fernzüge kam zu spät oder gar nicht!
Verantwortlich für den Absturz: das Baustellenchaos bei der Bahn. Immer mehr Strecken werden nicht pünktlich fertig. Immer neue Baustellen kommen hinzu. Verantwortlich dafür: die Bahn-Tochter InfraGO (68.000 Mitarbeiter). Die ist zuständig für die Strecke, das Netz, Gleisanlagen, Stromtrassen, Signalanlagen – also das Herz und das Nervensystem der Bahn. Und verantwortlich für InfraGO: Ihr Vorstandschef Philipp Nagl (44). Also jener Manager, der der verdatterten Nation an diesem Mittwoch zu erklären versuchte, warum sein Bahn-Funk (Verbindung zu Leitzentralen und Zügen) in der Nacht komplett zusammengebrochen war. Und in der Folge auch der gesamte Personen- und Güterverkehr.
Hauptproblem des österreichischen Managers: die immensen Verzögerungen bei so gut wie allen Sanierungs- und Neubauprojekten bei Bahnstrecken. Bundesweit läuft fast alles aus dem Ruder, was unter Nagl als „Korridorsanierung“ von 40 Hauptstrecken groß angekündigt worden war. Eine Auswahl:
- Verzögerung bei Berlin–Hamburg, Berlin–Hannover, Hannover–Hamburg, Köln–Koblenz, München–Rosenheim, Würzburg–Ansbach).
- Und weil die Hauptstrecken Vorrang haben, bleiben auch die Nebenstrecken, die für Millionen Pendler in ländlichen Regionen lebenswichtig sind, liegen: Die Sanierung von Oberleitungen dort verzögert sich teils auf unbestimmte Zeit. Folge: Selbst wenn es bei den Hauptstrecken irgendwann irgendwie mal wieder einigermaßen laufen sollte, ist das Chaos auf den Nebenstrecken nur noch größer geworden.
Baustellen-Chaos, Funk-Totalausfall – Logistik-Wissenschaftler Nagel (Dr. an Wirtschaftsuni Wien gemacht) mausert sich zum größten Bahn-Chaoten des Landes.
Sein Kernproblem: Jeder Einzelfall lässt sich für sich erklären. Mal Wetter, mal Lieferprobleme, mal Subunternehmer. Aber die Summe ist verheerend und einem Nicht-Bahn-Manager nicht mehr zu erklären. Unions-Fraktionsvize und Verkehrsexperte Stephan Stracke (52, CSU) sagt zu BILD: „Die Deutsche Bahn ist dabei, weiteres Vertrauen in die Schiene zu verspielen. Sie muss die Probleme dringend in den Griff bekommen und das System widerstandsfähig machen.“
Die jüngste Funktionsstörung, so Stracke, sei „eine echte Bahn-Blamage. Es kann nicht sein, dass ein Funkfehler den gesamten Verkehr lahmlegt. Die Technik muss laufen, ohne Kompromisse. Das können die Tausenden von Fahrgästen, die täglich unterwegs sind, zu Recht erwarten.“