Kiew (Ukraine) – Russlands bekannteste Militärblogger reagieren mit ungewohnt offenen Warnungen auf den neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Nach einer Auswertung des ukrainischen „Kyiv Independent“ sehen mehrere prorussische Blogger und zahlreiche Nutzer in russischen Telegram-Kanälen in General Mychajlo Drapatyj (43) einen deutlich gefährlicheren Gegner als seinen Vorgänger. „Er hasst uns – und er hasst uns konsequent“, schreibt einer der bekanntesten russischen Militärblogger über den neuen Armeechef.
Drapatyj wurde am Dienstag von Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt. Der 43-Jährige kämpft bereits seit 2014 gegen russische Truppen und prorussische Separatisten. Während der russischen Großinvasion führte er unter anderem Verbände bei der Verteidigung der Region Charkiw sowie bei der Rückeroberung besetzter Gebiete in der Region Cherson.
Russische Blogger warnen vor Drapatyj
Besonders deutlich äußert sich der russische Militärblogger Kirill Fedorow. Auf seinem Telegram-Kanal schreibt er über den neuen Oberbefehlshaber: „Er hasst uns, und er hasst uns konsequent. Das bedeutet, dass er versuchen wird, uns zu töten – unabhängig von moralischen Einschränkungen.“
Auch der prorussische Blogger Juri Podoljaka bewertet die Ernennung als schlechte Nachricht für Russland. „Das sind schlechte Nachrichten für uns. Ein General, der sich im Krieg hochgearbeitet hat und den Krieg versteht, ist ein äußerst gefährlicher Gegner.“
Podoljaka verweist außerdem auf Drapatyjs Alter. Mit 43 Jahren sei er deutlich jünger als sein Vorgänger Oleksandr Syrskyj (60) und Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow (70), habe aber bereits seit Beginn des Krieges 2014 umfangreiche Kampferfahrung gesammelt.
Auch der russische Militärblogger Alexei Semzow hält den Führungswechsel für problematisch. Anders als Syrskyj werde Drapatyj Russland kompromisslos bekämpfen. Gleichzeitig spekuliert er, Präsident Selenskyj könne den General zu einem späteren Zeitpunkt wieder entlassen.
„Jetzt wird es Armageddon“
Auch in den Kommentarspalten russischer Telegram-Kanäle sorgt die Personalie laut „Kyiv Independent“ für Nervosität. Ein Nutzer schreibt: „Jetzt wird es Armageddon.“ Andere befürchten, dass die ukrainische Armee unter Drapatyj ihre Angriffe auf russische Truppen weiter intensivieren könnte.
Bemerkenswert ist auch ein anderer Aspekt der Debatte: Einige russische Nutzer vergleichen die Protestkultur in der Ukraine mit der Situation im eigenen Land. Sie schreiben, sie würden die Ukrainer darum beneiden, dass diese gegen politische Entscheidungen auf die Straße gingen, während viele Menschen in Russland staatliche Entscheidungen widerspruchslos hinnähmen.