Kultur

Tropenhitze, existenzielle Wucht und die Verdammung des „Neuköllner Biedermeier“

Tropenhitze, existenzielle Wucht und die Verdammung des „Neuköllner Biedermeier“

Klagenfurt, in dem Namen ist der Konflikt bereits angelegt. Schon Ingeborg Bachmann, berühmtestes Kind der Stadt, schrieb in ihrem Roman „Malina“: „Warum gibt es nur eine Klagemauer, warum hat noch nie jemand eine Freudenmauer gebaut?“

Grund zur Freude gibt es in der kärntnerischen Hauptstadt genug, trotz der kläglichen Hitze. Mit dem 100. Geburtstag Bachmanns und der 50. Ausgabe des nach der dichtenden Diva vom Wörthersee benannten Literaturpreises begeht die Stadt „heuer“ ein Doppeljubiläum.

Es war Marcel Reich-Ranicki, der drei Jahre nach Bachmanns römischem Feuertod 1976 die Literaturtage zu Ehren der nur 47 Jahre alt gewordenen Bachmann anregte. Damals wie heute gelten die „Tage der deutschsprachigen Literatur“, wie der Wettbewerb offiziös heißt, als wichtigster Showroom für schreibende Jungtalente im deutschen Sprachraum.

Dessen neuestes Exponat heißt Lena Schätte und ist 32 Jahre alt. Mit ihrem Text „Was wir tragen“ gewinnt die Autorin die Jubiläumsausgabe des Bachmannpreises und nimmt das Preisgeld von 30.000 Euro mit in ihre Lüdenscheider Heimat. Auch der mit 7000 Euro ausgeschriebene BKS-Publikumspreis geht an Schätte. Die siebenköpfige Jury, der auch WELT-Kulturchefin Mara Delius angehörte, lobte Schättes Beitrag über zwei übergewichtige Mädchen für dessen „existenzielle Wucht“. Der Text schaffe es, die Thematiken von Ausgrenzung und Selbstbehauptung zu verdichten, ohne dabei anklagend oder belehrend zu wirken.

Die Juroren gaben ihre Entscheidung am Sonntag nach drei Lesetagen mit insgesamt 14 Autorinnen und Autoren bekannt. So ganz konnte Schätte ihren Doppelsieg zum Doppeljubiläum noch nicht fassen. „Es ist wie ein Fiebertraum“, war ihre erste Reaktion.

Begonnen hatten die 50. Tage der deutschsprachigen Literatur am Mittwochabend als Klassentreffen der Literaturszene mit viel „bussi“ und „baba“ im Ingeborg-Bachmann-Park auf dem Gelände der Klagenfurter ORF-Zentrale. Dort ließ man es sich bei Häppchen und Spritzwein gut gehen.

Die Schlacht am angesichts der tropischen Temperaturen nur halbkalten Buffet unterbrach dann als Erstes Klaus Kastberger. Der Leiter des Grazer Literaturhauses, der seit zölf Jahren in der Jury sitzt und seit 2024 deren Vorsitz innehat, scheidet nach der diesjährigen Ausgabe freiwillig aus. In seiner „Wunder geschehen“ betitelten Ansprache zeigte sich Kastberger angesichts der Erhöhung des Preisgelds für den Hauptgewinn um 5000 Euro auf nunmehr 30.000 Euro zuversichtlich für die Zukunft des Wettbewerbs. Einige Nadelstiche setzte der grantelnde Kastberger in Richtung des „nördlichen Nachbarn“ – gemeint ist Deutschland –, wo vehement Gerüchte über ein Ende des Bachmannpreises die Runde machen.

Dass der Weg nach Klagenfurt nicht immer geradlinig verläuft, machte im Anschluss Helga Schubert in ihrer „Rede zur Literatur“ deutlich, mit der der „Bewerb“ traditionell eröffnet wird. Die heute 86 Jahre alte Gewinnerin von 2020 erzählte, wie sie bereits 1980 als DDR-Autorin eine Einladung nach Klagenfurt erhielt, das SED-Regime ihr jedoch die Ausreise verweigerte.

Den Auftakt machte am Donnerstagmorgen Fiona Sironic mit einem recht freundlich besprochenen Text. Bereits hier zeichnete sich die Grunddynamik der folgenden Tage ab: Juror Philipp Tingler schoss mit disruptiver Wollust quer und nahm mit seinen pointierten wie schonungslosen Kritiken mehr als einmal einen agonalen Gegenstandspunkt ein.

Für die Autoren, die bei der Auslosung der Lesereihenfolge mit einem frühen Auftritt gesegnet waren, hieß es bereits ab Donnerstagmittag entspannen. Nachdem etwa Jovana Reisinger gleich am Donnerstagmittag ihren zynisch-schrägen Text „Die Rosen blühen, die Sonne scheint, die Erde dreht sich, nur Maria ist unglücklich“ vorgelesen hatte, war die Autorin bereits kurze Zeit später in einer nahegelegenen Bar anzutreffen, in der sie ihre Outfit-Wahl besprach. „Die Handtasche gestern Abend war Fendi, heute Gucci“, so Reisinger, während sie auf Instagram die ersten Reaktionen auf ihren Auftritt checkte. „Und mein Seidenkleid ist Vintage und von Strenese.“ Cheers.

Doch wie sieht es eigentlich generell in Zeiten von Social Media aus, ist der Bachmannpreis bei jüngeren Leuten überhaupt noch ein Thema? Nur wenige Meter vom Kärtner ORF-Studio entfernt saßen im hippen Lendhafen-Areal an diesem Donnerstagmittag rund 80 Leute. Auch hier Fächerwedeln und angeschwitzte Nackenhaare. Gebannt blickte das überwiegend junge Publikum auf den Bildschirm, über den die wohl anachronistischste TV-Show im deutschsprachigen Raum lief.

Gemurmel ging durch den Lendhafen, als die Autorin Slata Roschal nach ihrer Lesung das Studio verließ, ohne sich der Diskussion der Jury auszusetzen. Die zuvor angekündigte Aktion war als Protest gegen den Literaturbetrieb und den Wettkampfcharakter von Preisverleihungen gedacht.

„Ich ärgere mich sehr oft über Leute im Literaturbetrieb“, erklärte Roschal wenige Minuten nach ihrer Studioflucht draußen auf der Bühne bei Moderatorin Cecile Schortmann. Besprechungen von Texten seien nichts, was ins Fernsehen gehöre, ohnehin sei es oft nur eine Frage des Zufalls, wer auf der Seite der Jury und wer Kandidat sei. Zu oft seien Autorinnen nur das letzte Glied in der Verwertungskette, bei denen finanziell nicht viel übrig bleibe.

Mit ihrer etwas literaturbetriebsrathaft wirkenden Protest-Note ruderte Roschal draußen auch zurück, und so erhitzte dieses „Skandälchen“ nicht wirklich die Gemüter, zumal die Leiber bei diesen Temperaturen ohnehin bereits glühten. Nach Ende des ersten Lesetags war daher die große Frage unter den Kandidaten und beim Fachpublikum: Ab ins Strandbad oder doch geschwind in der Henselstraße vorbeischauen?

Dort fand vor dem Haus mit der Nummer 26 an diesem Spätnachmittag ein Straßenfest anlässlich des 100. Geburtstags von Bachmann statt. Das Haus selbst – ein Reihenhäuschen, das im Stile der sozialreformerischen Gartenstadt-Bewegung in den 1920er-Jahren gebaut wurde – ist seit letztem Jahr ein Museum. Vor wenigen Tagen wurde im Vorgarten eine neue Bachmann-Statue enthüllt, von Anselm Kiefer. Draußen auf der Straße Bierbänke, Spritzwein und ein Akkordeonspieler – drinnen Massen-Literatourismus. Unzählige Besucher drängten sich an diesem Spätnachmittag durch die engen Zimmer des Häuschens mit Infotafeln an den Wänden oder stiegen hinauf in die Dachkammer, wo Bachmanns Klavier und Schreibmaschine stehen.

Der Freitag begann, wie der Donnerstag geendet hatte, nämlich mit Slata Roschal. Vor der ersten Lesung am Freitag tritt ORF-Justiziar Andreas Sourij vor die Kameras. Aktuell lägen Vorwürfe gegen die Autorin Roschal vor, dass Auszüge ihres Bachmanntextes vorab online veröffentlicht worden seien, was ein Ausschlussgrund wäre. „In dubio pro reo“ verbleibe die Autorin im Bewerb, da die Vorwürfe nicht eindeutig verifiziert werden konnten.

Einmal mehr hitzig ging es bei der Diskussion um den Text des Berliner Autors Ozan Zakariya Keskinkilic zu. Fand dessen anspielungsreicher Text „Vater ohne Sohn“ zunächst viele lobende Worte, grätschte Juror Philipp Tingler einmal mehr in die allgemeinen Lobgesänge. Keskinkilics Text sei für ihn ein bestes Beispiel für das, was Tingler „Neuköllner Biedermeier“ in der deutschen Gegenwartsliteratur nenne: der Rückzug in eigene diskursive Welten, dekorative Erwähnung radikaler Versatzstücke und sentenziöse Weisheiten. Am deutlichsten widersprach ihm Jurorin Mithu Sanyal, die Tingler gar indirekt vorwarf, dieser hege ein grundsätzliches Ressentiment gegen Texte mit „postmigrantischem Personal“. Den Vorwurf nahm Sanyal später am Tag öffentlich zurück. Für seinen Text gewann Keskinkilic später den mit 12.500 Euro dotierten „Deutschlandfunk“-Preis.

Im Anschluss las die Österreicherin Magdalena Schrefel ihren Text über eine Ich-Erzählerin, die überlegt, wie sie Freunden und Familie von ihrer Krebserkrankung berichten soll. Dafür wurde sie am Sonntag bei der Preisverleihung mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet (7.500 Euro).

Wie sehr Klagenfurt nicht nur geografisch, sondern auch programmatisch eine Brücke zu anderen Sprachräumen ist, wurde dieses Jahr an der ungarischen Autorin Kinga Toth deutlich. Kastberger lobte am Text „OstblockMädl“ der 43-Jährigen, er sei in der Lage, „Österreich daran zu erinnern, dass wir eine imperiale Vergangenheit haben“. Anderer Meinung war einmal mehr Philipp Tingler. Sein Kommentar zum Beitrag sowie zur anschließenden Diskussion: „Das ist der Moment, wo man früher vielleicht mal rausgegangen ist, um Kaffee zu holen.“ Dennoch konnte Toth die Jury überzeugen, sie durfte sich am Sonntag über den mit 15.000 Euro (im Vorjahr nur 10.000 Euro) dotierten Kelag-Preis freuen.

Am Samstagfrüh dann erneutes Klagen. Justiziar Sourij musste zu Beginn des letzten Lesetags abermals die Bühne betreten, um in virtuoser Amtsgerichtsprosa zu verkünden: „Eine erste Überprüfung des Sachverhalts hat ergeben, dass kein Verstoß gegen die Statuten vorliegt.“ Szenenapplaus aus dem Publikum, aber was war jetzt wieder los? Nachdem die Autorin Caroline Rosales am Freitagnachmittag ihren Text über den „female gaze“ auf einen männlichen Stripper aus dem Prekariat vorgelesen hatte, regte sich am Abend in den sozialen Medien Protest. Der Text ähnele stark einem Artikel, den Rosales im letzten Jahr in einer großen Wochenzeitung veröffentlicht habe. Eine Bearbeitung eines bereits veröffentlichten Texts ist aber erlaubt.

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