Die Stimme ist ruhig, aber scharf. Der Mann klingt wie einer, der ĂŒberzeugt ist, dass er schon gewonnen hat. Die Aufnahme von seiner Ansprache ist genau 15 Minuten lang. Sie soll aus dem Iran stammen. Die ZEIT erreichte sie aus einem kleinen Kreis ehemaliger iranischer Politiker, die sich bereits vor Ausbruch des Krieges vom Regime abgewandt und ins Ausland abgesetzt hatten. Im Iran hatten sie gute Beziehungen zu der Revolutionsgarde. Einer ihrer Kommandeure soll es sein, dessen sonore Stimme auf der Aufnahme zu hören ist. Er sagt: "Die Amerikaner sollen nur kommen. (Es wĂ€re) ein Geschenk Gottes fĂŒr den Iran (...) Bislang suchen wir verzweifelt nach Amerikanern, die wir angreifen könnten. Wenn plötzlich Tausende hier und damit in Reichweite sind â das ist genau das, was wir brauchen!"
Die Aufnahme ist eine Art Lagebericht von der Kriegsfront, eine Ansprache, wie sie Kommandeure der Revolutionsgarde regelmĂ€Ăig per iranischem Messengerdienst an ihre Kollegen verschicken. Das bestĂ€tigen iranische MilitĂ€rexperten gegenĂŒber der ZEIT. Sie halten es fĂŒr plausibel, dass sie tatsĂ€chlich aus den RĂ€ngen der Revolutionsgarde stammt. AbschlieĂend lĂ€sst sich das aber nicht verifizieren.
Ob hier eine interne Nachricht durchgestochen oder eine vermeintliche Ansprache in die Welt gesetzt wurde â beides hĂ€tte denselben Zweck. Die iranische FĂŒhrung prĂ€sentiert sich als Gewinner. Die Islamische Republik bleibt auch ohne ihre erste FĂŒhrungsriege standhaft, die USA unter ihrem erratischen PrĂ€sidenten verrennen sich â dieses Bild wird hier gezeichnet.
Das Irre ist: Auf den ersten Blick stimmt's. TatsÀchlich steht der vermeintlich unterlegene Iran einen Monat nach Kriegsbeginn zwar deutlich geschwÀcht da. Aber dennoch als der StÀrkere. Als derjenige, der vorbereitet war, der einen Plan hatte.
Aktuell deuten in diesem Konflikt alle Zeichen auf weitere Eskalation hin. Der Iran hĂ€lt an der Sperrung der Meerenge von Hormus nicht nur in Reden fest, er kann sie auch durchhalten â und droht, als NĂ€chstes den Seeweg durchs Rote Meer zu blockieren.
Die USA bereiten den Einsatz von Bodentruppen vor â und dĂŒrften sich, sollte es dazu kommen, noch stĂ€rker in diesem Krieg verheddern. Unterdessen bombardiert Israel verstĂ€rkt zivile Ziele im Iran â und dessen MilitĂ€r wiederum zielt auf Atomanlagen in Israel. Wenn US-PrĂ€sident Donald Trump jetzt von möglichen Verhandlungen spricht, dann als Bittsteller.
Warum erweist sich das iranische Regime als so unerwartet stark, und was hat es noch in der Hinterhand? Gibt es SchwÀchen, an denen es doch noch zerbrechen könnte?
In der Sprachnachricht, die von dem iranischen Frontkommandeur stammen soll, lobpreist dieser nicht etwa die eigene militĂ€rische FĂŒhrung. Vielmehr beschwört er die Klugheit des ganzen Systems und betont die Bedeutung der niederen RĂ€nge. Der Iran, sagt er, sei eben deshalb so stark, weil seine KĂ€mpfer nicht nur ausfĂŒhrten, was Obere anordneten. Sondern weil sie eng miteinander vernetzt seien und auch mal selbst entschieden. Agile Partisanen bezwingen die tumbe GroĂmacht USA â das ist das Selbstbild.