Acht Minuten, das sind zum Beispiel einmal von Led Zeppelin â viel Zeit fĂŒr einen Song ĂŒber die Suche nach Hoffnung, Lebensfreude und persönlicher Erleuchtung. Acht Minuten sind, anderes Beispiel, aber doch recht wenig fĂŒr die Rede eines Kulturstaatsministers zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am gestrigen Mittwochabend im Gewandhaus. Jedenfalls wenn man den KlĂ€rungsbedarf zum MaĂstab nimmt, den der aktuelle AmtstrĂ€ger Wolfram Weimer selbst im Vorfeld der Messe produziert hat. Ein wenig Erleuchtung mindestens wĂŒrde helfen, zumindest dem Publikum zum VerstĂ€ndnis.
Da war zuletzt vor allem die Sache mit den drei mittlerweile deutschlandweit bekannten Buchhandlungen mit vermeintlich demokratiegefÀhrdendem Linksdrall: Weimer lieà sie von der PreistrÀgerliste des von ihm ausgelobten Deutschen Buchhandlungspreises entfernen, nachdem er beim Verfassungsschutz hatte nachfragen lassen, ob dort etwas "Verfassungsschutzrelevantes" aktenkundig ist. Ergebnis: Das ist es, nur weià keiner, was genau da geschrieben steht, weil der Verfassungsschutz es nicht sagen darf. Und zwar nicht mal dem Kulturstaatsminister, der es offenbar doch genau wissen wollte, jetzt aber nur verlautbart, dass er nichts Genaues wisse.
Dennoch belegt er die drei Buchhandlungen neuerdings mit dem Begriff des "Extremismus", der eine staatliche Förderung ausschlieĂe. So geschehen in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der ZEIT ("Das ist die denkbar sanfteste Form, in der der Staat ausdruÌcken kann, dass er Extremisten nicht auch noch foÌrdert und auszeichnet") und noch am gestrigen Mittwoch, als Weimer vor seiner Abfahrt nach Leipzig in Berlin im Kulturausschuss des Deutschen Bundestags Fragen der Abgeordneten beantwortete: "In polarisierten Zeiten wollen wir den Extremismus zuruÌckdrehen, nicht foÌrdern", sagte Weimer dort, und dass "die Auszeichnung" des Deutschen Buchhandlungspreises nicht "an Extremisten" erfolgen könne.
In der Angelegenheit ist sich Weimer also offenbar mittlerweile sicher. Nicht so sicher scheint er sich hingegen dabei zu sein, ob er das mit dem Verfassungsschutz bei Förderfragen so weiter handhaben möchte. Zuerst hielt er das öffentlich fĂŒr eine gute Idee, dann sollte es die absolute Ausnahme bleiben. Viel KlĂ€rungsbedarf, wie gesagt, wohl auch fĂŒr ihn selbst.
Dasselbe gilt fĂŒr die Zukunft der Deutschen Nationalbibliothek: Der Leipziger Sitz braucht dringend einen neuen, klimatisierten Erweiterungsbau, um die ganzen BĂŒcher, die die Nationalbibliothek als deutscher Kulturspeicher gesetzlich verpflichtet ist zu sammeln (ein Exemplar jedes veröffentlichten Buches geht nach Leipzig, eines in die Dependance nach Frankfurt am Main), auch sicher aufzubewahren. Doch dann hat Weimer wenige Tage vor der Buchmesse in Leipzig genau diesen Leipziger Erweiterungsbau gestrichen (mit 100 Millionen Euro sei er angeblich zu teuer) und verkĂŒndet: Die Deutsche Nationalbibliothek solle sich lieber selbst digitalisieren.
Das kam in der deutschen Kulturindustrie und speziell in Leipzig nicht gut an. Da war man schlieĂlich gerade noch dabei, den auf die freiheitliche demokratische Grundordnung zusammengestrichenen Buchhandlungspreis samt kurzfristig abgesagter Verleihungszeremonie bei der Leipziger Buchmesse zu verstoffwechseln. Noch kurzfristiger strich Weimer nun auch den fĂŒr einen Kulturstaatsminister doch recht ĂŒblichen Messerundgang. Wolfram Weimer, so scheint es, legt aktuell keinen groĂen Wert auf breiten Kontakt mit der Buchbranche. Und schlug dann doch gleich noch einen Haken und verkĂŒndete: Nein, nein, der Leipziger Erweiterungsbau der Nationalbibliothek sei noch nicht final gestrichen, es handele sich nur um ein "Moratorium". Sachsens CDU-MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer bot noch im Gewandhaus seine Hilfe beim Auftreiben des nötigen Geldes an und sprach den bemerkenswert klaren Satz: "Wir hören erst auf, BĂŒcher zu sammeln und zu archivieren, wenn es sie nicht mehr gibt â und nicht schon vorher."
Leipzig, die Buchmesse, die deutsche Kulturlandschaft â es hĂ€tte also ausreichend Interessenten bei der Festveranstaltung im Gewandhaus gegeben fĂŒr eine KlĂ€rung der Frage, wo sie dran sind bei diesem Kulturstaatsminister und parteilosen Politikquereinsteiger, der bei seinem Amtsantritt im Mai 2025 von weiten Teilen der Kulturszene mindestens mit Skepsis empfangen wurde und diese seither alles andere als zerstreut hat. Er wird sich erklĂ€ren, hieĂ es vor der Leipziger Rede. Womöglich, das war vielleicht nur eine Hoffnung, wĂ€re aber eine gerechtfertigte Erwartung gewesen, wĂŒrde er nicht nur ein GruĂwort sprechen, sondern GrundsĂ€tzliches sagen.