Glaubt man Lars Klingbeil, dann sind Schulden notwendig. Nicht nur damit Deutschland sich kĂŒnftig besser verteidigen kann oder wirtschaftlich stĂ€rker wird, sondern damit es fĂŒr die Zukunft gewappnet ist. Nach Ansicht des Bundesfinanzministers kann die Regierung durch die höhere Neuverschuldung so stark wie nie zuvor in die ZukunftsfĂ€higkeit des Landes investieren. So sagte es Klingbeil, als er im vergangenen Juli seine SchuldenplĂ€ne erstmals mit einem Haushaltsgesetz ins Parlament einbrachte.
Fast ein Jahr ist es nun her, dass der Bundestag mit einem historischen Beschluss den Weg fĂŒr ein gigantisches Finanzpaket frei gemacht hat. Zusammen mit den GrĂŒnen Ă€nderten Union und SPD im MĂ€rz des vergangenen Jahres das Grundgesetz, um die Schuldenbremse fĂŒr Verteidigungsausgaben zu lockern und ein 500-Milliarden-Paket fĂŒr die Infrastruktur zu ermöglichen. Vor allem, wenn es um das sogenannte Sondervermögen geht, ist in der Regierung oft von Zukunftsinvestitionen die Rede, von denen kĂŒnftige Generationen profitieren sollen.
Doch wie zukunftsorientiert ist die Finanzpolitik der Regierung wirklich? FĂŒhrt die höhere Verschuldung tatsĂ€chlich zu deutlich mehr Zukunftsinvestitionen?
Dieser Frage haben sich Forscher des Leibniz-Zentrums fĂŒr EuropĂ€ische Wirtschaftsforschung (ZEW) gewidmet. Sie haben alle Ausgabenposten im Bundeshaushalt anhand verschiedener Kriterien bewertet, je nach Zukunftsrelevanz gewichtet und so den Anteil der Zukunftsausgaben an den Gesamtaufwendungen des Bundes berechnet. Als Zukunftsausgaben gelten dabei Ausgaben die langfristig Wachstum und Wohlstand stĂ€rken und die natĂŒrlichen Lebensgrundlagen schĂŒtzen. Dazu zĂ€hlen nicht nur Ausgaben fĂŒr Infrastruktur, sondern auch fĂŒr Bildung, Forschung oder Umwelt- und Klimaschutz.
DIE ZEIT konnte die Studie, die von der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF Deutschland beauftragt wurde, vorab exklusiv einsehen: Demnach erreichte die vom ZEW ermittelte Zukunftsquote im vergangenen Jahr einen Höchststand und lag bei 22,3 Prozent. Die absoluten Zukunftsausgaben haben sich der Studie zufolge seit Beginn der Berechnung im Jahr 2018 sogar annĂ€hernd verdoppelt â auf 125 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Gemessen daran hat Klingbeil also Wort gehalten. Nach Ansicht der ZEW-Forscher stehen diesem positiven Befund jedoch "problematische Detailergebnisse" gegenĂŒber. Wie aus der Studie hervorgeht, ist der Anstieg der Zukunftsausgaben nĂ€mlich ausschlieĂlich auf die Sondervermögen des Bundes zurĂŒckzufĂŒhren, vor allem auf das neu geschaffene fĂŒr Infrastruktur und Klimaschutz. Im regulĂ€ren Haushalt entwickelten sich die Zukunftsausgaben derweil in die entgegengesetzte Richtung, warnen die Autoren. Im sogenannten Kernhaushalt ist ihr Anteil an den Gesamtausgaben 2025 demnach bereits das zweite Jahr in Folge gesunken â und zwar auf 17,3 Prozent.
Das bedeutet: Zukunftsausgaben, etwa fĂŒr den Ausbau der Bahn, die Digitalisierung oder Klimaschutzprogramme, werden zunehmend in
schuldenfinanzierte Sondervermögen ausgelagert. Aus Sicht der Autoren ist das
ein Problem: Denn der Spielraum, der dadurch im regulÀren
Haushalt entsteht, werde zu einem wesentlichen Teil fĂŒr gegenwĂ€rtigen Konsum
verwendet, also zum Beispiel um Sozialausgaben oder ZuschĂŒsse an die Rentenversicherung zu bezahlen. Nach Ansicht der ZEW-Forscher wird das Potenzial der im vergangenen Jahr beschlossenen GrundgesetzĂ€nderung und damit verbundenen Neuverschuldung damit nicht ausgeschöpft. "Die
Zukunftsquote könnte deutlich höher sein, wenn es im Kernhaushalt keinen
RĂŒckgang gegeben hĂ€tte", sagt Friedrich Heinemann, einer der Autoren
der
Studie.
Die Neuverschuldung ist 2025 vor allem durch das Sondervermögen fĂŒr Infrastruktur und die Lockerung der Schuldenbremse fĂŒr Verteidigungsausgaben stark gestiegen. Der Studie zufolge war im vergangenen Jahr insgesamt eine Nettokreditaufnahme von rund 125 Milliarden Euro vorgesehen. Lediglich rund ein Drittel davon entfielen jedoch auf Zukunftsausgaben, haben die ZEW-Forscher berechnet. Sie sehen darin ein "deutliches MissverhĂ€ltnis". Wenn Schulden nicht in Zukunftsausgaben flieĂen, mĂŒssten kĂŒnftige Generationen die Lasten tragen, ohne davon entsprechend zu profitieren, warnen die Studienautoren.
Der Vorwurf, dass die Regierung Ausgaben verschiebt und die neuen Schulden teilweise nicht wie vorgesehen verwendet, ist nicht neu. Unter anderem der SachverstĂ€ndigenrat bemĂ€ngelte bereits im vergangenen Jahr eine Zweckentfremdung der Mittel. Ein erheblicher Teil werde gar nicht zusĂ€tzlich investiert, sondern verwendet, um Haushaltslöcher zu schlieĂen, so die Kritik. Zu Ă€hnlichen Ergebnissen kommt eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).
Die Regierung weist den Vorwurf der Zweckentfremdung seit jeher zurĂŒck und beruft sich auf die fĂŒr den Kernhaushalt geltende Investitionsquote von zehn Prozent. Sie soll eigentlich sicherstellen, dass Ausgaben fĂŒr Investitionen nicht einfach in einen anderen Topf wie das Sondervermögen verschoben werden. Ob die Quote ihren Zweck erfĂŒllt, ist jedoch umstritten. Die GrĂŒnen halten die Berechnung fĂŒr fehlerhaft und den Haushalt 2025 damit sogar fĂŒr verfassungswidrig.
Den ZEW-Forschern zufolge greift der Fokus auf Investitionen ohnehin zu kurz. Viele fĂŒr die Zukunft wichtige Ausgaben etwa fĂŒr Bildung, Forschung oder Umwelt- und Klimaschutz wĂŒrden so gar nicht erfasst. Als ein Beispiel nennen die Autoren Förderung fĂŒr frĂŒhkindliche Bildung. Die fĂŒr den Haushalt berechnete Zukunftsquote soll dies stĂ€rker berĂŒcksichtigen. "Die Zukunft eines Landes hĂ€ngt nicht nur davon ab, wie viel Beton flieĂt, sondern auch davon, wie gut wir in Bildung, Forschung und den Schutz unserer natĂŒrlichen Lebensgrundlagen investieren", sagt Heinemann
Kritiker könnten allerdings einwenden, dass die Einordnung von Ausgaben als zukunftsorientiert kaum objektiv möglich ist. Die Autoren rĂ€umen ein, dass fĂŒr die Berechnung Annahmen getroffen werden, die zwangslĂ€ufig zu UnschĂ€rfen fĂŒhren. Um diesen gerecht zu werden, haben die Forscher auch eine Variante mit einer engeren Abgrenzung durchgerechnet. In diesem Fall lag die Zukunftsquote im Gesamthaushalt im vergangenen Jahr lediglich bei 19,8 Prozent (statt 22,3 Prozent) und im Kernhaushalt sogar nur bei 14,4 Prozent (statt 17,3 Prozent).
Auch nach dieser engen Abgrenzung sind die Zukunftsausgaben insgesamt stark gestiegen. Die deutliche Schere zwischen der Zukunftsquote im Gesamthaushalt, also einschlieĂlich der Sondervermögen, und Kernhaushalt birgt nach Ansicht der Autoren jedoch ein Risiko. Sie befĂŒrchten, dass die aktuelle Wende hin zu einer zukunftsorientierten Finanzpolitik nicht von Dauer sein könnte. Zwar dĂŒrfte die Zukunftsquote durch das Sondervermögen zunĂ€chst weiter steigen. Doch die Schuldentöpfe sind zeitlich begrenzt und irgendwann aufgebracht. Es sei völlig offen, wie eine hohe Zukunftsquote anschlieĂend beibehalten werden könnte, heiĂt es in der Studie. Um dauerhaft hohe zukunftsorientierte Ausgaben zu gewĂ€hrleisten, mĂŒssten diese auch im Kernhaushalt verankert werden, fordern die ZEW-Forscher.
Trotz der Sondervermögen ist die Finanzlage im Haushalt angespannt. In den kommenden Jahren tun sich in der Finanzplanung des Bundes enorme LĂŒcken auf, die erst noch geschlossen werden mĂŒssen. Bislang hat es die Regierung weder geschafft, die Ausgaben im Haushalt deutlich zu begrenzen, noch die Einnahmen durch Steuerreformen zu verbessern. Somit ist schwer vorstellbar, wie im Kernhaushalt kĂŒnftig mehr Platz fĂŒr zukunftsorientierte Investitionen entstehen könnte.
Heinemann und sein Team wollen die Finanzpolitik der Regierung in jedem Fall weiter genau beobachten und den Anteil der Zukunftsausgaben im Haushalt regelmĂ€Ăig neu berechnen. FĂŒr ihn kann die Zukunftsquote als "Kompass im Dickicht des Bundeshaushalts" dienen. Und sie kann zeigen, ob die Politik ihren Worten auch Taten folgen lĂ€sst.