Es ist immer eng im Bayerischen Hof. So soll es sein. Wo es eng ist, entsteht im besten Falle NĂ€he. Austausch und GesprĂ€che können sich auch spontan ergeben, ohne langen Vorlauf. So will es die MĂŒnchner Sicherheitskonferenz (MSC) seit 1963. Nur, dass das Treffen von Staats- und Regierungschefs, von Politikern, Diplomatinnen, Think-Tankern und Journalistinnen damals bedeutend kleiner war. An diesem Wochenende kamen allein mehr als 60 Staats- und Regierungschefs nach MĂŒnchen, was das Reden ĂŒber Geopolitik in Momenten wie ein Brettspiel erscheinen lĂ€sst. Auf wenigen Quadratmetern verschieben die MĂ€chtigen der Welt politische Rahmen wie Spielsteine. Oder versuchen es.
War MĂŒnchen lange Zeit auch Selbstversicherungsort fĂŒr die transatlantische Freundschaft, sind diese Zeiten seit der RĂŒckkehr von Donald Trump ins WeiĂe Haus vorbei. Laut wurde das schon im vergangenen Jahr von US-VizeprĂ€sident JD Vance im Saal des Bayerischen Hofs in die Welt gerufen. Vielleicht ein wenig leiser, aber nicht weniger deutlicher wurde der transatlantische Riss nach den Auftritten von Bundeskanzler Friedrich Merz und US-AuĂenminister Marco Rubio. Europa verschiebt seine innere Landkarte, nachdem der US-PrĂ€sident sie fĂŒr Amerika schon lange verschoben hat. Das Thema dominierte in MĂŒnchen. Andere, wichtige und eng damit verbundene Themen wie der russische Angriffskrieg in der Ukraine, die Lage im Nahen Osten, die Krise im Iran â in MĂŒnchens Innenstadt demonstrierten Hunderttausende gegen das Regime â wurden dadurch etwas in den Hintergrund gedrĂ€ngt. Auch wenn sie vielfach bei Podien und Diskussionsrunden auf der Agenda standen. FĂŒnf Beobachtungen von der Sicherheitskonferenz.
Europas StÀrke, Amerikas Forderungen
Der Kanzler und die Bundesregierung waren zufrieden mit dem Verlauf der Konferenz â und das konnten sie auch sein. Merz hatte zum Auftakt eine Rede gehalten, die in jedem möglichen Rubio-Szenario Bestand gehabt hĂ€tte. Wir besinnen uns auf unsere StĂ€rken und kĂŒmmern uns um unsere Defizite, das war eine Kernbotschaft. Die andere: Wir bieten den USA eine Partnerschaft auf Augenhöhe an, basierend auf Interessen und unseren Werten. Die Rede wurde auch international aufmerksam wahrgenommen, was wiederum in der deutschen Delegation nicht ohne Stolz registriert wurde. Selbst aus der SPD, die nicht immer glĂŒcklich ist mit dem auĂenpolitischen Vorgehen des Kanzlers, war Anerkennung fĂŒr diesen Auftritt zu hören.
Nachhallen wird, dass Merz den USA zwar nicht zum ersten Mal, aber klar wie nie den FĂŒhrungsanspruch abgesprochen hat â dieser sei "angefochten, vielleicht sogar verspielt" â und diesen zeitgleich fĂŒr sich in Europa erhob. Offen ist, welche EuropĂ€er Merz dafĂŒr gewinnen kann.
Dass die Trump-Regierung sich ihren Platz auf der WeltbĂŒhne nicht nehmen lassen will, war eine Replik von Rubio auf die Rede des Kanzlers. Wie die USA ihre Rolle ausgestalten wollen, machte Rubio deutlich, wie Merz zuvor die deutsche Haltung im transatlantischen VerhĂ€ltnis. Und da passt gerade nicht mehr viel zusammen. Weshalb es irritierte, dass sich direkt nach Rubios Rede ein GroĂteil der Zuschauer im Saal zu Standing Ovations hinreiĂen lieĂ und in ersten Reaktionen von Erleichterung und einem "kollektiven Ausatmen" gesprochen wurde. Denn das, was Rubio da als AnsprĂŒche freundlich an den "Freund Europa" formuliert hatte, waren rechtspopulistische MAGA-Werte: EindĂ€mmung der "Massenmigration", weg mit Klimaschutz und verfehlter Energiepolitik und bitte eine Besinnung auf die christliche (weiĂe) Geschichte.
Im Merzâ Umfeld wollte man sich nicht blenden lassen von Rubios oberflĂ€chlich freundlichen Worten, und doch konnte man mit dem Vortrag gut leben. Damit lĂ€sst sich arbeiten, mit diesem GefĂŒhl verlieĂ man MĂŒnchen. In direkten GesprĂ€chen mit Rubio halten sich der Kanzler und auch sein AuĂenminister Johann Wadephul ohnehin nicht mit Fragen von KulturkĂ€mpfen auf. Da wird die pragmatische Arbeitsebene gesucht.
Aus deutscher Sicht ist damit zumindest Klarheit und im Idealfall etwas Beruhigung im transatlantischen VerhĂ€ltnis eingekehrt. Bis zum nĂ€chsten Truth-Social-Post von Trump. Am Rande der MSC traf Merz auch auf Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, eine halbe Stunde lang unter vier Augen, und teilte danach mit: Man sei sich einig, zusammen sei man stĂ€rker. Newsom war Teil einer groĂen Gruppe US-Demokraten, die nach MĂŒnchen gekommen waren, um das "andere Amerika" zu reprĂ€sentieren. Wir sind noch da, das Amerika, das Europa teils schmerzlich vermisst. Das wollten sie mit ihrer Reise nach MĂŒnchen zeigen. Doch der Riss zwischen Europa und Amerika bleibt zunĂ€chst.
Die Frage der nuklearen Abschreckung
Friedrich Merz sprach in MĂŒnchen offen darĂŒber, auch Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron tat es. Wie ist das also nun mit der nuklearen Abschreckung: Können sich die EuropĂ€er weiterhin auf den US-Atomwaffenschirm verlassen oder mĂŒssen sie einen eigenen aufspannen?
Elbridge Colby, StaatssekretĂ€r im Verteidigungsministerium von Pete Hegseth, hatte in einer Rede im Nordatlantikrat in BrĂŒssel in dieser Woche gesagt, dass die USA die atomare Abschreckung weiter gewĂ€hrleisten wĂŒrden. Colby ist auch in MĂŒnchen Teil der US-Regierungsdelegation. Von ihr hört man nichts, was dieser Darstellung widersprechen wĂŒrde. Aber weil das transatlantische VerhĂ€ltnis nun ist, wie es ist, scheinen die EuropĂ€erinnen und EuropĂ€er sich endlich auf alle kĂŒnftigen Szenarien vorbereiten zu wollen.
Nur scheinen in der nuklearen Abschreckungsfrage der CDU-Kanzler und sein SPD-Verteidigungsminister durchaus unterschiedlicher Meinung zu sein. WĂ€hrend Merz und Macron sich mit dem Thema befassen, sieht Pistorius da keinerlei GesprĂ€chsbedarf. Die USA stĂŒnden, so wird Pistorius nicht mĂŒde zu betonen, eindeutig zu der bestehenden Nukleardoktrin, wonach jeder Angriff auf Europa mit Atomwaffen mit einem nuklearen Gegenschlag der USA beantwortet werde.
Interessanterweise kĂŒndigte allerdings Macron in seiner Rede an, dass er bald bereits, nach GesprĂ€chen mit europĂ€ischen Partnern, GrundsĂ€tzliches zu einer "weiterentwickelten französischen Abschreckungsdoktrin" verkĂŒnden werde. Neben GroĂbritannien ist Frankreich das einzige europĂ€ische Land, das ĂŒber Atomwaffen verfĂŒgt. All das wirft gleich drei Fragen auf: Was wird Macron verkĂŒnden? Woher nimmt Pistorius die Zuversicht, dass man einem US-PrĂ€sidenten, den er selbst als erratisch und unberechenbar wahrnimmt, ausgerechnet bei der nuklearen Abschreckung vertrauen kann? Und: Droht in der schwarz-roten Bundesregierung neuer Streit â und dieses Mal um nichts Geringeres als um die wichtigste sicherheitspolitische Frage ĂŒberhaupt: eine nukleare Abschreckung, die funktioniert?