Main news

Ist das Leben ein Zufall, Jack Szostak?

DIE ZEIT: Ist das Leben nur ein Zufall?

Jack Szostak: Das ist eine sehr interessante Frage und sie ist schwer zu beantworten. Es gibt GrĂŒnde, mit Ja zu antworten. Aber auch welche, die fĂŒr Nein sprechen.

ZEIT: Nein wÀre die interessantere Antwort.

Szostak: Es wÀre ein Nein in dem Sinne, dass die Entstehung des Lebens den Gesetzen der Physik und Chemie folgte. Bei all diesen einzelnen Prozessen gibt es nichts ZufÀlliges. Andererseits: Wenn man am Ende eine lange Kette von unwahrscheinlichen Ereignissen hat, dann ist die Entstehung des Lebens in gewissem Sinn doch ein Zufall. Aber selbst das wissen wir nicht, weil wir nicht wissen, ob Leben etwas ist, das sehr leicht entsteht, also fast unvermeidlich wÀre, oder ob es etwas sehr Seltenes ist.

ZEIT: Fangen wir ganz vorn an. Was ist Leben?

Szostak: Ich mag diese Frage eigentlich nicht besonders, weil wir das Wort Leben fĂŒr so viele verschiedene Dinge verwenden. Wenn wir von Biologie sprechen, ist das Kennzeichen die darwinsche Evolution. Aber es gibt andere Systeme, selbst Computersysteme, die sich in diesem Sinn entwickeln. Ich finde es daher interessanter, den Weg, den das Leben bei seiner Entstehung genommen hat, zu verstehen als zu versuchen, eine wasserdichte Definition fĂŒr Leben zu finden. Von der Planetenentstehung ĂŒber die frĂŒhen Umweltbedingungen bis an den Punkt, wo ein Haufen Chemikalien lebendig wurde, und wie das zu dem Leben fĂŒhrte, das wir jetzt ĂŒberall um uns herum sehen – diesen ganzen Weg zu verstehen, das ist fĂŒr mich das Interessante. Das Problem: Verschiedene Leute werden an verschiedenen Stellen auf diesem Weg unterschiedliche Meinungen dazu haben, ab wann etwas als lebendig gilt.

ZEIT: Kann man sagen: Wenn ich Leben sehe, weiß ich, dass es Leben ist?

Szostak: Wenn Sie etwas Biologisches sehen, einen Wal, einen Schmetterling, Kinder, ist es offensichtlich, dass das Leben ist. Aber wenn Sie einfachere Systeme betrachten, nÀher am Ursprung des Lebens, dann kommt man in einen Graubereich.

ZEIT: Ist die SelbstvervielfÀltigung, die Replikation, eine der GrundsÀulen des Lebens? Wenn ich lebe, bin ich in der Lage, mich zu replizieren, also Kopien von mir zu machen, oder?

Szostak: Das ist eines dieser klassischen, aber wenig geeigneten Beispiele. Gegenfrage: Ist ein Maultier lebendig? Es kann sich nicht fortpflanzen, weil es unfruchtbar ist. Es gibt viele unfruchtbare Tiere. Oder was ist mit alten Menschen, die sich nicht mehr fortpflanzen können? Das zeigt, wie schwierig der Versuch ist, das Leben auf eine Definition festzunageln.

ZEIT: Ist ein Virus lebendig?

Szostak: Das ist eine dieser Fragen, die mich wahnsinnig machen. Ein Virus ist ein Parasit des Lebens. Ein Virus ist abhÀngig von lebenden Organismen, um sich vervielfÀltigen zu können.

ZEIT: Wenn wir herausfinden wollen, wie das Leben entstanden ist, mĂŒssen wir eine Vorstellung davon haben, wohin wir wollen. Was sind die grundlegenden Ideen?

Szostak: Alles biologische Leben auf unserem Planeten besteht aus Zellen. Sie haben genetisches Material, das vervielfĂ€ltigt wird, damit man Informationen von Generation zu Generation weitergeben kann. Jede Zelle hat außerdem eine HĂŒlle, eine Zellmembran, die das Innere von der Umgebung abtrennt. Wir versuchen uns nun zu ĂŒberlegen: Was ist das einfachste System dieser Art, das spontan aus der Chemie der frĂŒhen Erde entstehen konnte?

Diese wirklich einfache Art von Zelle nennen wir Protozelle: Sie besteht aus einer primitiven Zellmembran und wahrscheinlich sehr kleinen StĂŒckchen genetischer Information, von denen wir annehmen, dass sie wahrscheinlich aus RNA bestanden. Und dann muss irgendwie – und das ist das grĂ¶ĂŸere Problem – diese Zelle mit ihrer Membran wachsen und sich in Tochterzellen teilen. Zugleich muss das genetische Material kopiert und jeweils auf die Tochterzellen verteilt werden – und das alles nur mithilfe von Chemie und Physik. Denn am Anfang gab es keine Enzyme, also Proteine, die chemische Reaktionen katalysierten. Wir mĂŒssen vorsichtig sein damit, wie man die einfachsten, frĂŒhesten AnfĂ€nge des Lebens nennt, und das unterscheiden von Eigenschaften, die sich dann spĂ€ter entwickelt haben.

ZEIT: Wie sieht Ihre Vorstellung vom Startpunkt aus?

Szostak: Der beste chemische Ausgangspunkt, um letztlich alle Bausteine der Biologie herzustellen, ist Cyanid, also BlausÀure.

ZEIT: Das Leben beginnt mit Gift?

Szostak: Es klingt ein bisschen ironisch und deswegen mag ich das auch so: Es stimmt, Cyanid ist nicht gut fĂŒr uns, aber es ist ein großartiger Weg, um Leben in Gang zu bringen. Cyanid ist eine Verbindung, die viel Energie in ihrer chemischen Struktur speichert. Sie ist daher ein guter Ausgangspunkt fĂŒr eine ganze Reihe chemischer Reaktionen, die am Ende kompliziertere MolekĂŒle liefern. Mein Kollege John Sutherland hat Reaktionswege aufgezeichnet, die im Wesentlichen bei Cyanid beginnen und ĂŒber viele Schritte hinweg Nukleotide liefern, die Bausteine von RNA und DNA. Das ist ein großer Teil des Puzzles bei der Suche nach dem möglichen Startpunkt des Lebens. Der andere Teil ist die Zellmembran: FettsĂ€uren sind MolekĂŒle, die primitive Membranen bilden können. Aber das ist ein Bereich, der noch viel mehr Forschung bedarf.

Auf der frĂŒhen Erde gab es Gegenden, wo sich diese chemischen Verbindungen an der ErdoberflĂ€che konzentrieren konnten. Wenn dann noch Energie von der Sonne, also ultraviolette Strahlung, hinzukam, konnten sich RNA und FettsĂ€uren bilden und man hatte einen guten Ausgangspunkt fĂŒr die Evolution komplexerer Systeme.

Hier wollen wir vor allem wissen, wie sich diese Systeme selbst organisiert haben. Wenn Sie FettsĂ€uren, wie beispielsweise ÖlsĂ€ure, die auch in Olivenöl enthalten ist, einfach in Wasser schĂŒtten, das vom pH-Wert nicht zu sauer, nicht zu basisch ist, dann wird sie sich spontan zu Membranen zusammenlagern. Das ist wunderschön zu beobachten, das ist einfach Chemie und Physik. Dasselbe mit RNA: Wir wissen, dass man RNA-Ketten herstellen kann. Wir wissen im Grunde, wie man sie kopiert, um eine doppelstrĂ€ngige Helix als Produkt zu erhalten. Wir haben eine Vorstellung davon, wie die Zyklen beim Kopierprozess aussehen mĂŒssen. Wir sind nahe dran, zumindest ein GrundgerĂŒst des gesamten Prozesses zu verstehen.

ZEIT: Warum benötigte das Leben eine Membran? Löst sich sonst alles auf?

Szostak: Genau. Die Membran hĂ€lt die MolekĂŒle im Inneren zusammen. Wenn Sie RNA-MolekĂŒle im Inneren der Zelle haben und die sich replizieren, dann werden die MolekĂŒle, nach der Teilung der Mutterzelle, jeweils auf die Tochterzellen verteilt. Ohne Membran könnte Replikation zwar stattfinden, aber alles wĂŒrde einfach davonschweben und sich vermischen. Die Membran ist entscheidend fĂŒr die darwinsche Evolution. Stellen Sie sich vor, es passiert eine Mutation in der RNA-Sequenz, die etwas Gutes bewirkt, die vielleicht eine nĂŒtzliche Reaktion katalysiert, die wiederum ihre eigene VervielfĂ€ltigung fördert. Wenn das in einem Kompartiment passiert, das wachsen und sich teilen kann, dann kann diese Sequenz davon profitieren, weil sie sich schneller oder besser vervielfĂ€ltigt. Ohne Membran wĂŒrde diese Mutation auch all den anderen Nachbar-RNA-MolekĂŒlen helfen – aber dann gĂ€be es keine Selektion und keine Evolution.

You may have missed