Als der Ăltanker Ende Januar im russischen Hafen Primorsk am Finnischen Meerbusen seine Reise beginnt, sieht die Welt noch ganz anders aus. Der Iran und die USA wollen erst einmal verhandeln. Rohöl ist weltweit im Ăberfluss vorhanden. An den internationalen Börsen wird der Rohstoff gerade so gĂŒnstig gehandelt wie seit der Coronapandemie nicht mehr. Und die russischen Ăleinnahmen brechen dermaĂen ein, dass die Regierenden in Moskau langsam nervös werden.
Etwa ein FĂŒnftel des russischen Tagesexports an Rohöl hat der KapitĂ€n der am 24. Januar in den Rumpf seines Schiffes pumpen lassen, rund 750.000 Barrel. Ob sich dafĂŒr ein KĂ€ufer finden wird, ist aber ungewiss. Die steht als Schattenflottentanker auf den Sanktionslisten der EU und GroĂbritanniens. Das schreckt Kunden ab. Selbst Indien, einer der wichtigsten Abnehmer Russlands, will wegen Druck aus den USA weniger russisches Ăl kaufen.Â
Das Schiff macht sich dennoch auf den Weg ĂŒber das Mittelmeer und den Suezkanal Richtung Asien. Als nach drei Wochen noch immer kein Abnehmer gefunden ist, bricht der KapitĂ€n seine Fahrt ab. Die bleibt vor der KĂŒste des Oman stehen. Fast zwei Wochen lang dreht der 250 Meter lange Tanker ziellos Kreise im Ozean, wie Schiffs- und Navigationsdaten zeigen, die die ZEIT ausgewertet hat. So geht es akkurat bis zum 28. Februar.
Dann beginnt der Krieg gegen den Iran.
Seit die USA und Israel das Land mit Raketen und Bomben beschieĂen, blockiert der Iran die StraĂe von Hormus. Iranische Drohnen greifen immer wieder Ăltanker an, die diesen Seeweg benutzen wollen. Rund ein FĂŒnftel des weltweit gehandelten Ăls wird normalerweise ĂŒber diese Meerenge aus der Golfregion abtransportiert. Riesige Ălmengen stecken nun fest. Von einem Tag auf den anderen ist russisches Ăl deswegen wieder gefragt. Die Preise fĂŒr die russische Ălsorte Urals stiegen innerhalb weniger Tage um mehr als 60 Prozent. Und nicht nur das: Auch andere russische Exportwaren wie DĂŒngemittel, Aluminium, Edelmetalle und Erdgas sind teurer geworden. Am 6. MĂ€rz sahen sich die USA sogar gezwungen, den Verkauf von sanktioniertem russischen Ăl fĂŒr zunĂ€chst 30 Tage zu erlauben, um den weltweiten Preisanstieg einzudĂ€mmen.
Es ist ein GlĂŒcksfall fĂŒr Wladimir Putin. Gerade erst musste Russlands Herrscher hilflos zusehen, wie sein VerbĂŒndeter angegriffen und die FĂŒhrung des Iran getötet wurde. Nun aber steht er plötzlich als wirtschaftlicher Gewinner des Konflikts da. Könnte Trumps Krieg Russland gar aus der finanziellen Schieflage befreien?
Erst toxisch, nun begehrt
FĂŒr die ist die Ălblockade des Iran ebenfalls ein GlĂŒcksfall. Gleich am Tag nach Kriegsbeginn im Iran setzt sich das Schiff wieder in Bewegung. Es geht nun Richtung indischer KĂŒste. Am 10. MĂ€rz landet das russische Ăl schlieĂlich in der Vadinar-Raffinerie im Nordwesten Indiens. Mindestens drei weitere Schiffe, die zuvor wochenlang Abnehmer fĂŒr das geladene russische Ăl gesucht hatten, haben seitdem ebenfalls indische HĂ€fen angesteuert. Eines davon, die hatte seit Dezember vergeblich versucht, ihre Ladung loszuwerden.
Russlands Ăl ist ĂŒber Nacht von Ramschware zu einem ĂŒberaus gefragten Gut geworden. FĂŒr das Land sei es seit Beginn des Irankriegs erheblich einfacher geworden, sein Ăl an den Mann zu bringen, bestĂ€tigt auch Johannes Rauball, Experte fĂŒr Ălhandel beim Datenanbieter Kpler, der die globalen Warenströme analysiert. "Indien ist in den letzten Tagen als aggressiver KĂ€ufer von Spotladungen aufgetreten", sagt Rauball.
Als Spotladungen werden Mengen bezeichnet, die kurzfristig an einem bestimmten Ort, etwa vor Indiens KĂŒste, zur VerfĂŒgung stehen, so wie das Ăl von der . Es befindet sich im Moment des Kaufs schon in der Region und muss nicht erst wochenlang transportiert werden. Einige solcher Ladungen russischen Ăls wurden zuletzt nicht mehr wie jĂŒngst ĂŒblich mit einem Rabatt, sondern mit einem Aufschlag von bis zu fĂŒnf Dollar pro Barrel zur internationalen Referenzsorte Brent verkauft. "Das zeigt die Dringlichkeit fĂŒr KĂ€ufer, sich prompte Mengen zu sichern. WĂ€hrend der Blockade am Golf fungiert russisches Ăl als essenzielle Sofortalternative", erklĂ€rt der Ălanalytiker.
Die Tragweite dieser Entwicklung wird beim Blick auf die vergangenen Monate deutlich. Denn die Aussichten fĂŒr Russlands Ălbranche waren zu Jahresbeginn dĂŒster. Sowohl die USA als auch die EU haben seit Herbst die Sanktionen gegen Russland deutlich verschĂ€rft. Im November hatten die USA die beiden gröĂten russischen Ălförderer Rosneft und Lukoil auf die Sanktionsliste gesetzt. Seitdem wird russisches Ăl mehrheitlich von undurchsichtigen ZwischenhĂ€ndlern verkauft, die an dem Handel mitverdienen und so die Einnahmen der Konzerne mindern.
Im Februar entfielen mehr als 50 Prozent der russischen Ălausfuhren auf dem Seeweg auf drei bis dato unbekannte Firmen, Redwood, Moreexport und RusExport, wie Analysen von Kpler zeigen. Nur elf Prozent wurden von den sanktionierten Ălkonzernen direkt verkauft. Gerade diese Ladungen fanden kaum Abnehmer. Immer mehr russisches Ăl schlummerte deshalb in Tankern, die bewegungslos auf KĂ€ufer hofften.
Obendrein hat die EU im Januar 2026 ein Einfuhrverbot fĂŒr Treibstoff verhĂ€ngt, fĂŒr dessen Herstellung russisches Ăl benutzt wurde. Einige Raffinerien in der TĂŒrkei und in Indien hatten sich in den vergangenen Jahren eben auf dieses lukrative GeschĂ€ft spezialisiert. Wenn eine Raffinerie nun Diesel in die EU verkaufen will, muss sie russisches Ăl in einer getrennten Produktionslinie verarbeiten. "Russisches Ăl ist deswegen fĂŒr KĂ€ufer weniger attraktiv geworden, weil es fĂŒr die Verarbeiter weniger universell einsetzbar ist", erklĂ€rt Benedict George, Experte fĂŒr den europĂ€ischen Treibstoffmarkt bei der Preisagentur Argus.