Deutschlands und Europas Schicksal sind miteinander verwoben. In seiner Rede bei der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz beschrieb Bundeskanzler Friedrich Merz das mit drastischen Worten: "ZerreiĂt es Europa, zerreiĂt Deutschland!" Um aber Europa zu stĂ€rken, braucht die deutsche Regierung Partner von Gewicht. Traditionellerweise blicken sie da nach Paris. Europa, so lautet der Gemeinplatz, kommt nur voran, wenn der deutsch-französische Motor lĂ€uft. Aber der brummt schon lĂ€nger nicht mehr, er stottert, faucht und knallt.
Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron hĂ€lt zwar immer noch kraftvolle proeuropĂ€ische Reden. Es fehlt ihm allerdings die Gestaltungsmacht. Die französische Gesellschaft ist polarisiert, die Politik blockiert, der Schuldenberg des Staates immens. Und Macron ist nur noch eineinhalb Jahre im Amt. Wer auch immer ihm 2017 folgen wird â europĂ€ischer als Macron wird der nĂ€chste französische PrĂ€sident vermutlich nicht sein.
Deswegen richtet sich der Blick Berlins auf der Suche nach Partnern zunehmend nach SĂŒden, nach Rom. Dort regiert seit dreieinhalb Jahren ĂŒberraschend gerĂ€uschlos Giorgia Meloni. Das ist schon allein deshalb eine kleine Sensation, weil Italien jahrzehntelang ein Hort politischer InstabilitĂ€t war. Das scheint Geschichte zu sein. Wenn nicht etwas Unvorhergesehenes passiert, wird Meloni bis Ende der Legislaturperiode 2027 regieren. Stand heute wird ihre Partei auch die dann anstehende Wahl gewinnen. Die Fratelli d'Italia liegt weit vor den zweitplatzierten Sozialdemokraten des Partito Democratico.
Es gibt also eine Reihe von GrĂŒnden fĂŒr die Bundesregierung, in Meloni die Partnerin der Stunde zu sehen. Â
Ende Januar trafen sich Merz und Meloni samt zahlreichen Ministern beider Regierungen in Rom zu Konsultationen. Die Stimmung war dem Vernehmen nach prĂ€chtig. Zwei Wochen spĂ€ter prĂ€sentierten sie bei einem informellen Treffen der Staats- und Regierungschefs der Union ein gemeinsames Arbeitspapier. Das Ziel: Europa wettbewerbsfĂ€higer machen.Â
Angesichts so viel Harmonie, angesichts so viel Kooperation ist bereits von einer neuen Achse Berlin-Rom die Rede. Italienische Zeitungen nennen sie "Merzoni". Aber wie tragfĂ€hig ist diese Verbindung ĂŒberhaupt?
Eine taktische Verbindung, kein ideologisches Projekt
Ob EntbĂŒrokratisierung, WettbewerbsfĂ€higkeit, Ukraine, Russland und vor allem Migration â zwischen der deutschen und der italienischen Regierung gibt es bei vielen Themen groĂe NĂ€he, wenn nicht völlige Ăbereinstimmung.
Um Merzoni in seiner politischen Tiefe zu erfassen, sollte man sich in das Jahr 2022 versetzen. Damals gewann Giorgia Meloni die Wahl, und in vielen europĂ€ischen HauptstĂ€dten war man besorgt. Immerhin hat Meloni ihre politischen Wurzeln im italienischen Neofaschismus, hatte noch wĂ€hrend des Wahlkampfes gegen die Eurokraten in BrĂŒssel gewettert und pflegte viele Jahre enge Beziehungen zum ungarischen MinisterprĂ€sidenten Viktor OrbĂĄn, dem Gott-sei-bei-uns der EU. Doch sie hatte nun einmal die Wahl in Italien gewonnen, in einem GrĂŒndungsmitglied der EU und der drittgröĂten Volkswirtschaft der Union.
Es war Manfred Weber, der Fraktionschef der EuropĂ€ischen Volkspartei (EVP), der sich eilends nach Rom aufmachte, um mit Meloni erste GesprĂ€che zu fĂŒhren. Rechts von der EVP war vieles in Bewegung geraten. Das wollte Weber nicht ignorieren. FĂŒr sein frĂŒhes Treffen mit Meloni musste er sich viel Kritik anhören. Doch Webers Besuch war nur der Auftakt fĂŒr eine binnen kurzer Zeit sich gut entwickelnde Beziehung zwischen Meloni und den deutschen Konservativen. Eine Fortsetzung fand sie in Gestalt von Ursula von der Leyen. Die EU-KommissionsprĂ€sidentin und die italienische MinisterprĂ€sidentin fanden schnell zueinander und kooperieren seither in einer Reihe von Politikfeldern.Â
"Merzoni" hat also eine gewichtige Vorgeschichte.
Daraus lĂ€sst sich allerdings nicht der Schluss ziehen, dass wir es mit einer belastbaren und fĂŒr Europa fruchtbaren Verbindung zu tun haben. Trotz aller AnnĂ€herung der letzten Jahre bleiben die ideologischen Unterschiede zwischen Merz und Meloni erheblich. Das wurde gerade in den letzten Tagen deutlich. WĂ€hrend Merz auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz die US-amerikanische Maga-Bewegung hart kritisierte und dort eine Art europĂ€ische UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung formulierte, war Meloni in anderer Mission unterwegs, nĂ€mlich in Ăthiopien beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union.Â
WĂ€hrend ihres Aufenthalts dort wurde sie von einem Journalisten der Tageszeitung gefragt, ob sie denn in Bezug auf Maga mit Merz einer Meinung sei: "Nein, ich denke gewiss nicht!", antwortete Meloni entschieden und fĂŒgte hinzu, dass es sich bei Merz' Urteilen ĂŒber Maga "um die politische Meinung von Parteien" handle. Mit Europa habe das wenig zu tun.
TatsĂ€chlich pflegt Meloni seit jeher gute Beziehungen zu Donald Trump. Selbst als Trump nach Grönland griff, blieb Meloni ihrer Linie treu. WĂ€hrend andere europĂ€ische Staaten Soldaten nach Grönland schickten, um ein zumindest symbolisch deutliches Zeichen der SolidaritĂ€t mit dem bedrĂ€ngten DĂ€nemark zu setzen, hielt sie sich zurĂŒck. Ihr Verteidigungsminister machte sich sogar lustig ĂŒber die europĂ€ischen Soldaten in Grönland. Am Rande ihres Besuches in Ăthiopien teilte Meloni nun auĂerdem mit, dass Italien nach ihrem Willen als Beobachter am sogenannten Friedensrat von Trump teilnehmen soll. Die USA hĂ€tten eine entsprechende Einladung ausgesprochen.
Merzoni ist also ganz bestimmt kein gemeinsames ideologisches Projekt. Es ist der Versuch der Regierungschefs zweier groĂer Nationalstaaten, in der Union Tempo zu machen. Eine taktische Verbindung zur Durchsetzung bestimmter Ziele, mehr aber auch nicht.
Da Meloni die merzsche Kritik an der Maga-Bewegung nicht teilt, stellt sich allerdings die Frage: Welches Europa hat sie eigentlich im Sinne, wenn sie von Europa spricht? Der US-AuĂenminister Marco Rubio sagte auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz, dass er ein starkes Europa wolle â eine starke EuropĂ€ische Union erwĂ€hnte er nicht. Das ist nicht verwunderlich, denn fĂŒr die US-Regierung ist offenbar die Existenz der EU die Ursache fĂŒr die SchwĂ€che Europas. Man wĂŒsste gern, ob Meloni auch dieser Ăberzeugung ist.