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Mehr Geduld wagen

In dieser Woche soll die Gesundheitsreform verabschiedet werden, als NĂ€chstes ist die Steuerreform an der Reihe, danach die Sozialstaatsreform und dann die Rentenreform. Das sind ziemlich viele Reformen dafĂŒr, dass die Regierung angeblich nichts zustande bringt und Friedrich Merz noch unbeliebter ist als sein VorgĂ€nger.

Aber vielleicht hat das eine mit dem anderen zu tun – jedenfalls fĂ€llt auf, dass die steigende ReformaktivitĂ€t der Regierung mit sinkendem Ansehen korreliert. Ohnehin gibt es nur wenige Beispiele fĂŒr Reformpolitiker, die von ihrer Bevölkerung bejubelt wurden. Fragen Sie Gerhard Schröder. Womöglich ist es so, dass die Mehrheit zwar Reformen will, gern auch im Paket. Außer derjenigen, von der man selbst betroffen ist.

Die Notwendigkeit von Reformen ergĂ€be sich dann gerade aus der Unbeliebtheit der zu ergreifenden Maßnahmen. Wenn die Leute freiwillig lĂ€nger arbeiten wĂŒrden, brĂ€uchte man keine Rentenreform. Das tun sie aber oft nicht, und deshalb ist eine solche Reform notwendig, um den Zusammenbruch der Rentenfinanzierung zu verhindern. Es ist aber nicht ganz einfach, aus einem Ereignis, das nicht stattfindet, politisches Kapital zu schlagen. Das PrĂ€ventionsparadox gibt es nicht nur in der Medizin.

Und auch das gehört zur Wahrheit: Keine Reform der Welt kann die Blockade der Straße von Hormus ungeschehen machen. Durch den Angriff auf den Iran hat sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland grundlegend verĂ€ndert. Der Aufschwung ist vorerst abgesagt, stattdessen droht eine Rezession. Konkret: Die Arbeitslosenzahlen werden wahrscheinlich steigen, die Preise auch, und der Flug in den Urlaub fĂ€llt möglicherweise komplett aus, weil das Kerosin fĂŒr die Flieger fehlt oder das Geld fĂŒr das Ticket.

Weder Merz noch Klingbeil sind schuld an der Krise – sondern Trump

Es ist eine absurde Vorstellung, dass sich ein solches Szenario abwenden ließe, wenn nun möglichst schnell möglichst viele Sozialleistungen gestrichen oder ein paar Feiertage abgeschafft wĂŒrden. Wer das behauptet, weckt – absichtlich oder unabsichtlich – Erwartungen, die nicht erfĂŒllt werden können. Diese Krise haben nicht Friedrich Merz oder Lars Klingbeil verursacht, das war Donald Trump. Und der interessiert sich nicht fĂŒr die Beitragsbemessungsgrenze. Was Reformen tatsĂ€chlich können: einen Beitrag dazu leisten, dass das Land zukunftsfĂ€hig und krisentauglich aufgestellt ist. Denn die Folgen des Krieges im Nahen Osten treffen die exportorientierte deutsche Wirtschaft in einer Phase, in der ihr das GeschĂ€ftsmodell abhandenzukommen droht: Die Chinesen brauchen unsere Autos nicht mehr, sie bauen selbst welche. Billigere – und manchmal sogar bessere.

Das Problem besteht vielleicht darin, dass es dem Kanzler bislang nicht gelungen ist, den WĂ€hlern zu vermitteln, wie diese Zukunft aussehen soll. NatĂŒrlich muss angesichts der aufgelaufenen Milliardendefizite im Haushalt gespart werden, aber nur mit KĂŒrzungslisten ist noch kein Staat reich geworden. Ein Unterbietungswettlauf ist keine ĂŒberzeugende Reformstrategie, weder in ökonomischer noch in politischer Hinsicht.

Dabei gĂ€be es ein paar Dinge, die man positiv hervorheben könnte: Deutschland ist ein reiches Land mit innovativen Unternehmen. Durch das Sondervermögen fĂŒr die Infrastruktur ist erstmals Geld da, um Straßen und Schienen zu modernisieren, man muss nur darauf achten, dass es auch fĂŒr diese Zwecke ausgegeben wird. Die politische Mitte verliert zwar hierzulande wie ĂŒberall auf der Welt an Zustimmung, dennoch bleibt sie vergleichsweise stabil.

DĂ€nemark hat in einer Ă€hnlichen Lage mit einer Kombination aus hoher unternehmerischer FlexibilitĂ€t (zum Beispiel durch lockere Regeln bei Arbeitszeiten und KĂŒndigungsschutz) und großzĂŒgiger sozialer Absicherung gute Erfahrungen gemacht. DafĂŒr hat sich der Begriff Flexicurity eingebĂŒrgert, und er könnte eine Leitlinie fĂŒr die deutsche Reformdebatte sein. Man kann sich andere Leitlinien vorstellen, aber ein wenig Orientierung wĂ€re schon gut.

Auch diese Krise wird irgendwann ĂŒberwunden sein. Es kommen wieder bessere Zeiten und neue Krisen. Doch die Zuspitzung der Lage verlangt nicht nur der Regierung, sondern uns allen etwas ab. Selbst im besten Fall kommen ein paar Ă€ußerst schwierige Monate (hoffentlich nicht Jahre) auf das Land zu. Und vielleicht erfordern sie neben vielem anderen eine Tugend, die ĂŒberhaupt nicht in die Zeit zu passen scheint: Geduld.

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