Die Abneigung gegen Friedrich Merz ist in weiten Teilen der Bevölkerung inzwischen so groĂ, dass der Kanzler nicht mal mehr anwesend sein muss, um sie auszulösen. Sie entzĂŒndet sich wie von allein, sobald das GesprĂ€ch auf »die Politik« kommt. Sie zeigt sich im Zuspruch, den jeder Kommentar bekommt, der mit Merz abrechnet. Diese Abneigung begegnet einem in GesprĂ€chen mit SchĂŒlern, die ihre eigene Regierung fĂŒr eine gröĂere Bedrohung ihrer Zukunft halten als Wladimir Putin; man trifft sie nicht mehr nur in sehr linken oder sehr rechten Kreisen, sondern an jeder Tankstelle, in Kneipen und Sportvereinen.
Wo Merz anwesend ist, stellt sich der Eindruck ein: Diesen Kanzler und sein Publikum trennt inzwischen eine Wand. Beim Deutschen Gewerkschaftsbund wurde er ausgebuht. Der Katholikentag, an Stuhlkreishaftigkeit eigentlich kaum zu ĂŒberbieten, musste ans Toleranzgebot erinnert werden, damit Merz in WĂŒrzburg zu Ende sprechen konnte. Die Fernseh-Offensive des Kanzlers â verpufft. Selbst bei vielen Arbeitgebern und Wirtschaftsvertretern kommt er kaum noch an.
In fast schon rĂŒhrender Offenheit redet Merz ĂŒber seine Probleme beim Reden
Es gab in der Bundesrepublik unpopulĂ€re Regierungen, glĂŒcklose Kanzler, verhasste Koalitionen (Hallo, Ampel!). Aber hat es einen Ansehensverlust des Regierungschefs in solcher Geschwindigkeit schon einmal gegeben?
In fast rĂŒhrender Offenheit sprach Merz in WĂŒrzburg darĂŒber, wie sehr ihn der Missmut im Land umtreibt. Mit »immer gröĂerer IntensitĂ€t« beschĂ€ftige er sich damit, warum es ihm nicht gelinge, »die Menschen hinreichend zu ĂŒberzeugen«. Und: »Ich weiĂ, dass ich in meiner Kommunikation etwas verbessern muss, damit diese Botschaft besser verstanden wird.«
Deutschland mĂŒsse sich aufraffen, sagt Merz, das soll seine Botschaft sein. Doch stattdessen wirkt das Land, als stecke es politisch fest, eingeklemmt zwischen zwei Mauern. Die erste, die sogenannte Brandmauer, soll die liberale Demokratie gegen ihre Feinde verteidigen, gegen eine Partei, die nationale KrĂ€nkungen und Ressentiments bewirtschaftet. Doch aus einem demokratischen Abwehrversprechen ist zugleich ein Schutzwall fĂŒr die AfD geworden, die, eingesperrt in ihr Reservat der Empörung, durch ZuwĂ€chse belohnt wird dafĂŒr, dass sie keine WidersprĂŒche aushalten, keine Kompromisse machen, keine Haushalte aufstellen muss.
Die zweite Mauer ist eine der Ablehnung, hinter der diejenigen sitzen, die all das mĂŒssen. Sie ist spĂŒrbar, aber nicht ausgesprochen, was womöglich noch gefĂ€hrlicher ist. Diese Abwehr gilt am stĂ€rksten ausgerechnet dem Mann, der den Aufbruch organisieren will, dem Kanzler. Doch sie richtet sich immer mehr gegen das gesamte politische Zentrum; nicht mehr nur gegen die Handelnden, sondern gegen das politische Handeln selbst. Zusammen erzeugen beide Mauern eine fatale Wirkung: DrauĂen wĂ€chst die Wut, drinnen schrumpft die LegitimitĂ€t.
Die GrĂŒnde fĂŒr den Unmut, der Merz entgegenschlĂ€gt, liegen ganz sicher nicht bei ihm allein. Fatalerweise scheint das inzwischen fast egal zu sein. Merz kann sagen, was er will, er kann es sagen, wie er will, er dringt nicht durch. Die Regierung kann doppelt so viele Gesetze machen, wie es die Ampel im gleichen Zeitraum getan hat â gegen den Willen zur Wut haben solche AufzĂ€hlungen, haben ĂŒberhaupt gute Argumente aller Art kaum eine Chance. Selbst in GesprĂ€chen mit Vertretern der CDU ist inzwischen vom »Point of no Return« die Rede, bezogen auf die Regierung. Nur scheint ein RĂŒcktritt ebenso unwahrscheinlich, wie er keineswegs ein Garant fĂŒr eine Verbesserung der Lage wĂ€re.
Gerade wer die Brandmauer verteidigen will, muss deshalb alles tun, um die zweite Mauer sehr schnell einzureiĂen. Aus Regierungsverdrossenheit droht sonst eine SystemmĂŒdigkeit zu werden, die gröĂer ist als jede Koalition.
In WĂŒrzburg dachte Merz laut darĂŒber nach, wie er den Menschen die Zukunftsangst nehmen könnte, vielleicht mĂŒsse er noch mehr und noch deutlicher ĂŒber die Zukunftschancen sprechen.
Das kĂ€me sehr auf die Tonlage an, zu viele haben ohnehin schon den Eindruck, der Kanzler wolle das Land eher disziplinieren als ĂŒberzeugen. Von einer Blut-SchweiĂ-und-TrĂ€nen-Rede, wie sie jetzt angeblich nötig ist, möchte man ihm jedenfalls dringend abraten. Eher dazu, dem verschnupften Volk mal liebevoll ein Taschentuch zu reichen.