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Putins Wunderwaffe? Das steckt hinter dem Oreschnik-Paradoxon

Putins Wunderwaffe? Das steckt hinter dem Oreschnik-Paradoxon

Aus der Dunkelheit über dem russischen Waffentestgelände Kapustin Jar steigt in der Nacht zum vergangenen Sonntag eine knapp 20 Meter große Rakete auf. Ihr Feststoffmotor beschleunigt die knapp 40 Tonnen schwere Waffe in wenigen Sekunden auf Hyperschallgeschwindigkeit und schiebt sie in eine Flugbahn über den Westen Russlands hinweg Richtung Ukraine.

In der Endphase ihres Flugs erreicht die Oreschnik mutmaßlich mehr als Mach 10, über 12.000 Kilometer pro Stunde. Dann schlägt sie südlich von Kiew im Raum Bila Zerkwa ein. Ukrainische Behörden melden Brände in einem Garagenkomplex. Tote gibt es nach bisherigem Stand nicht.

Für die Zerstörung einiger Schuppen und Garagen also haben Putins Militärs eine Rakete eingesetzt, deren Herstellungskosten Analysten auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag schätzen. Der militärische Effekt blieb, gemessen am Mitteleinsatz, deutlich begrenzt.

Die Oreschnik ist extrem schnell, kann mehrere konventionelle Gefechtsköpfe mit gesamt etwa anderthalb Tonnen bis zu 5000 Kilometer weit tragen. Sie ist aufgrund ihrer Flugbahn nur schwer zu detektieren und noch schwerer abzufangen. Gleichzeitig aber ist sie offenbar nicht sonderlich präzise.

Mangelnde Präzision

Denn selbst Hyperschallwaffen können die Gesetze der Physik nicht außer Kraft setzen. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre bei Hyperschallgeschwindigkeit bildet sich um den Flugkörper eine mehrere Tausend Grad heiße Plasmaschicht. Diese kann Funk- und Satellitensignale stören oder vollständig abschirmen. Eine laufende Kurskorrektur wird dadurch schwierig, insbesondere bei extrem hohen Geschwindigkeiten.

Die Oreschnik basiert technisch auf der nuklearbewaffneten Mittelstreckenrakete „RS-26 Rubezh“. Doch da sie keinen Nuklearsprengkopf trägt, ist ihre Sprengkraft im konventionellen Einsatz begrenzt. Punktgenaue Schläge gegen einzelne militärische Ziele erfordern mit konventionellen Sprengköpfen hohe Präzision. Die hat die Oreschnik bislang nicht gezeigt, auch bei früheren Einsätzen im vergangenen Jahr war der militärische Effekt gering. Die Oreschnik eignet sich eher für Einschüchterung und politische Machtdemonstration.

Gerade das macht die Waffe paradox: Sie ist möglicherweise zu unpräzise für chirurgische Schläge und gleichzeitig extrem schwierig abzuwehren. Die Oreschnik wird von mobilen Abschussrampen gestartet und kann mehrere getrennte Wiedereintrittskörper tragen.

In Kombination mit der Geschwindigkeit ist sie für die ukrainische Luftverteidigung schwer zu fassen: Eine Hyperschallwaffe muss möglichst früh erfasst und zerstört werden – idealerweise noch außerhalb der Atmosphäre. Gelingt das nicht und die einzelnen Sprengkörper des Oreschnik-Gefechtskopfes trennen sich in der Endphase, muss die Flugabwehr mehrere extrem schnelle Ziele gleichzeitig treffen.

Klassische Flugabwehrsysteme stoßen dabei schnell an Grenzen. Systeme wie das deutsche Iris-T sind in der Ukraine gegen Drohnen, Marschflugkörper und Flugzeuge sehr wirksam im Einsatz, sind aber zur Abwehr ballistischer Hyperschallziele nicht ausgelegt.

Selbst der Patriot, das Standard-Flugabwehrsystem der Nato, kann eine „Oreschnik“ nur unter günstigen Bedingungen bekämpfen und benötigt dazu die neueste dritte Generation der Flugabwehr-Lenkwaffen. Zwar hat Patriot in der Ukraine mehrfach russische Hyperschallraketen vom Typ „Kinschal“ abgefangen. Die „Oreschnik“ fliegt jedoch höher und schneller.

Deshalb bauen westliche Hersteller eine neue Generation Flugabwehr-Lenkwaffen: Systeme wie die israelisch-amerikanischen Arrow 3 oder das US-System THAAD wirken ausschließlich gegen ballistische Raketen außerhalb der Atmosphäre – niedrig fliegende Marschflugkörper oder Flugzeuge können sie nicht abfangen.

Der Vorteil des Abfangens in großer Höhe bereits relativ kurz nach dem Start: Dort fliegt die Rakete noch auf einer berechenbaren ballistischen Bahn, bevor sich ihre Wiedereintrittskörper mit dem Sprengstoff darin trennen. In diesem kurzen Zeitfenster besteht die größte Chance auf einen erfolgreichen Abschuss.

„Unabfangbar“, wie Wladimir Putin behauptet, ist die „Oreschnik“ deshalb wahrscheinlich nicht. Doch ihre Bekämpfung verlangt Sensoren mit enormer Reichweite, Satelliten-Frühwarnung und extrem teure spezialisierte Abwehr-Lenkwaffen.

Für die Ukraine bleibt das ein gravierendes Problem. Zwar haben westliche Staaten ihre Luftverteidigung seit Jahresbeginn weiter verstärkt und zusätzliche Patriot-Abfangraketen geliefert. Doch ein echter exo-atmosphärischer Schutzschirm gegen Mittelstreckenraketen existiert dort bislang nicht.

Deshalb versucht die Ukraine zunehmend, die Bedrohung bereits am Boden zu bekämpfen – etwa durch Drohnenangriffe auf russische Start- und Vorbereitungseinrichtungen wie das Testgelände Kapustin Jar.

Deutschland verfügt mit „Arrow 3“ inzwischen tatsächlich über ein Abwehrsystem, das zumindest theoretisch genau für die Abwehr der Oreschnik-Bedrohungen entwickelt wurde. Seit Dezember 2025 ist die erste Batterie sowie ein passendes Radar auf dem Luftwaffenstützpunkt Schönewalde/Holzdorf an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg stationiert. Zwischenzeitlich meldete die Bundeswehr die „Anfangsbefähigung“. Voll einsatzfähig wird das System voraussichtlich aber erst 2030.

Der Einschlag bei Bila Zerkwa zeigt vor allem eines: Die „Oreschnik“ ist bislang weder die unaufhaltsame Wunderwaffe, als die Moskau sie darstellt, noch eine leicht beherrschbare Bedrohung. Sie verkürzt die Reaktionszeit der Verteidiger brutal und zwingt selbst modernste Luftabwehr an ihre Grenzen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Wirtschaftsredakteur Benedikt Fuest berichtet regelmäßig über das KI-Rennen, Technologie und Rüstung.

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