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Talking about a revolution

Talking about a revolution

Am vergangenen Mittwochnachmittag setzt sich Karsten Wildberger im Kongresszentrum von Neu-Delhi auf ein helles Stoffsofa und fragt seine Mitarbeiter: "Was machen wir denn jetzt hier?" Der deutsche Digitalminister hat den Tag mit GesprÀchen verbracht, rastlos wie immer: Er hat am Morgen mit einem indischen Minister gesprochen, mit Wirtschaftsvertretern, mit der stellvertretenden EU-KommissionsprÀsidentin, ist in Kolonne durch den Stau von Termin zu Termin geeilt, gleich will die Tagesschau ein Interview und danach wird er mit einem zweiten indischen Minister ein KI-Abkommen zwischen Deutschland und Indien verabschieden. Aber jetzt, zum ersten Mal an diesem Tag, ist kurz unklar, wie es weitergeht im Programm. Ein paar Minuten Luft, sagen seine Leute. Also zieht Wildberger sein Jackett aus, holt seine Unterlagen aus der Tasche und beginnt, an der Rede zu arbeiten, die er am nÀchsten Tag halten soll.  

Karsten Wildberger ist fĂŒr den AI Impact Summit nach Indien gekommen, den wichtigsten KI-Gipfel der Welt. 20 Staats- und Regierungschefs waren angekĂŒndigt, der französische PrĂ€sident Macron ist in der Stadt, sein brasilianischer Amtskollege Lula, der spanische Regierungschef SĂĄnchez. Ebenso die CEOs von OpenAI und Anthropic. Auch Friedrich Merz wurde vom indischen Premierminister Modi eingeladen, der Bundeskanzler schickte Wildberger als Vertretung. Die Welt versammelt sich in Indien, um zu vermessen, wie es weitergehen soll mit der kĂŒnstlichen Intelligenz. Braucht es neue Regeln, um mögliche Gefahren abzuwehren? Wie könnten diese Gefahren aussehen? Und wie lĂ€sst KI sich gleichzeitig möglichst vielen Menschen zur VerfĂŒgung stellen?

In der Messehalle, in der Wildberger sitzt, hĂ€ngen große Plakate an den SĂ€ulen, auf denen das Motto des Gipfels steht: "Wohlstand fĂŒr alle, GlĂŒck fĂŒr alle." Die eigentliche Frage aber, die in diesen Tagen ĂŒber dem Gipfel schwebt wie der Smog ĂŒber Neu-Delhi, hat der Minister gerade auf dem Sofa gestellt: Was machen wir hier? Oder anders gefragt: sind wir wirklich vorbereitet auf das, was da auf uns zukommt?

Forschung, Infrastruktur, FachkrÀfte

Es ist ein besonderer Gipfel, der hier in der indischen Hauptstadt veranstaltet wird. Seit 2023 gibt es den KI-Summit ĂŒberhaupt erst, und nach Stationen in Großbritannien, in Seoul und Paris findet er in diesem Jahr zum ersten Mal im sogenannten Globalen SĂŒden statt. Der ewige indische Regierungschef Modi hat eingeladen und inszeniert sich auf Plakaten, die ĂŒberall in der Stadt hĂ€ngen, als Vertreter der SchwellenlĂ€nder. Er wirbt fĂŒr eine "inklusive, verantwortungsvolle und resiliente" KI und fĂŒr internationale Kooperation – vor allem natĂŒrlich mit Indien.

Und tatsĂ€chlich hat die Bundesregierung großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit der indischen Regierung. Das bevölkerungsreichste Land der Erde soll Deutschland dabei helfen, unabhĂ€ngiger von den USA und China zu werden. Erst vor wenigen Wochen hatten die EU und Indien bereits ein Freihandelsabkommen vereinbart. Auch Bundeskanzler Merz war kurz zuvor nach Indien gereist und wurde von Premierminister Modi auf großer BĂŒhne empfangen. 

In den GesprĂ€chen mit seinen indischen Kollegen vereinbart in dieser Woche nun auch Minister Wildberger eine engere Kooperation beider LĂ€nder beim Thema KI. Eine bessere Zusammenarbeit bei der Forschung und dem Aufbau von Infrastruktur soll es geben, indische FachkrĂ€fte sollen bei der Entwicklung in Deutschland helfen, der riesige indische Markt soll fĂŒr deutsche Unternehmen leichter zugĂ€nglich werden. "Die Beziehung mit Indien ist so stark wie noch nie", sagt Wildberger in Neu-Delhi immer wieder. Bei der Suche nach neuen Partnern in der Welt hat die Bundesregierung fĂŒr Indien ganz offensichtlich eine entscheidende Rolle vorgesehen. Nicht nur, aber auch im Umgang mit KI.

WĂ€hrend eines GesprĂ€chs im Regierungsflieger hatte Karsten Wildberger bereits auf der Hinreise ĂŒber die Herausforderungen durch die kĂŒnstliche Intelligenz gesprochen. Wildberger glaubt schon lĂ€nger, dass Deutschland und Europa bei der KI-Entwicklung mit aller Macht aufholen mĂŒssten auf die fĂŒhrenden Technologien aus den USA und China. Auf dem Flug wies der Minister auch noch einmal auf die Wertschöpfung durch die KI hin, auf das Wirtschaftswachstum, das durch sie entstehen werde. Und er warnte davor, bei der KI in die nĂ€chste AbhĂ€ngigkeit von GroßmĂ€chten zu laufen. "Am Ende sind wir so stark, wie wir technologisch stark sind", sagte Wildberger. Europa brauche eigene, "souverĂ€ne" KI-Modelle. Davon ist er ĂŒberzeugt. Eine sichere und regelbasierte KI aus Deutschland sei dann, so die Hoffnung, auch fĂŒr Milliarden von anderen Menschen interessant. 

FĂŒr seine PlĂ€ne sucht Wildberger auch hier in Neu-Delhi gezielt nach neuen Partnerschaften. Mit Kanada vereinbarte er zuletzt auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz eine stĂ€rkere Zusammenarbeit beim Thema kĂŒnstliche Intelligenz, nun folgt Indien.

"Da ist jetzt gerade ein Sprung zu sehen, der ist schon kritisch"

Doch in das GesprĂ€ch im Flugzeug schleicht sich dieses Mal ein neuer Ton. Wildberger spricht sonst gerne davon, "ins Machen" zu kommen. Er hĂ€lt nicht besonders viel davon, sich zu lange mit Sorgen aufzuhalten. Und er ist auch weiterhin der Meinung, dass man die Zukunft der KI nur gestalten kann, wenn man selbst an der Entwicklung teilhat. Aber auch der Minister hat beobachtet, welche Stufen die LeistungsfĂ€higkeit der fĂŒhrenden KI-Modelle in den vergangenen Wochen genommen hat.

"Da ist jetzt gerade ein Sprung zu sehen, der ist schon kritisch", sagt Wildberger. Seine Sorge bezieht sich auf die neueste Generation der Modelle, deren mögliche Auswirkungen kĂŒrzlich von einem KI-Unternehmer in einem lĂ€ngeren Text auf der Plattform X umrissen wurden. Der Autor verglich in seinem Post die aktuelle Lage mit dem Beginn der Coronapandemie. Wie damals spĂŒre man es noch nicht im Alltag, aber die Welt, wie wir sie kennen, sei dabei, sich zu verĂ€ndern. Er beschreibt, wie die KI mittlerweile eigenstĂ€ndig Software programmiere, und die meisten Aufgaben von Programmierern schon jetzt von der KI ĂŒbernommen wĂŒrden. 

Es sei nur eine Frage der Zeit, so der Autor, bis diese Entwicklung auch andere TĂ€tigkeiten ĂŒberflĂŒssig mache, die mit geistiger Arbeit zusammenhingen. "Wenn Ihre Arbeit an einem Bildschirm stattfindet", schreibt der Autor, "dann wird die KI einen Großteil davon ĂŒbernehmen." Nicht irgendwann, die VerĂ€nderung habe bereits begonnen. Der Text sorgte vor allem im akademischen Milieu fĂŒr große Aufregung und verzeichnete innerhalb weniger Tage mehr als 80 Millionen Zugriffe. Der Titel: – etwas Großes geschieht.

Es ist dieser Gedanke, der mit nach Indien reist. Der bei den GesprÀchen mit im Raum sitzt. Wie ist das, was passiert?

Was wĂŒrde es etwa mit Gesellschaften machen, wenn schon bald Hunderttausende Menschen ĂŒberall auf der Welt ihre Arbeit verlieren? Wenn in Deutschland erst die Programmierer arbeitslos wĂŒrden, dann die AnwĂ€lte oder die Unternehmensberater? Wenn Steuerberater, Controller und Sachbearbeiter plötzlich ĂŒberflĂŒssig wĂŒrden? Wenn in Indien der Dienstleistungssektor unter Druck geriete, wenn Callcenter und Kundendienste automatisiert wĂŒrden? Sind wir auf die sozialen Folgen dieser neuen Welt vorbereitet? Und was wĂ€re die Antwort auf den Einsturz ganzer Gesellschaftsmodelle?

"Realisierung des Versprechens von KI"

Karsten Wildberger sieht diese Fragen. Es werde "massive VerĂ€nderungen" geben, sagt er. In seinem Ministerium werde deshalb daran gearbeitet, die KI-Strategie auch in diesem Bereich anzupassen. "Das treibt mich total um", sagt der Minister. Aber die Möglichkeiten seines Ministeriums sind in diesen Fragen begrenzt. "Die Technologien sind weiter als die Diskussionen ĂŒber ihre Folgen", sagt Wildberger.

Es ist eine der Besonderheiten im Umgang mit der KI, dass alles gleichzeitig geschieht. Dass sich die verschiedenen Aspekte ĂŒberlagern, wie die StĂ€be beim Mikado. KI verĂ€ndert nicht nur die Arbeitswelt, sie verĂ€ndert die Sicherheitspolitik, die Energiepolitik, die Verteilungsfragen zwischen Nord und SĂŒd, arm und reich. Über einige dieser Herausforderungen wird auf dem Gipfel in Neu-Delhi zwar geredet, im vorbereiteten Abschlussdokument aber tauchen sie kaum auf. Dort werden vor allem die Chancen erwĂ€hnt: Es geht um Innovation, um Teilhabe, um die "Realisierung des Versprechens von KI". Auf viele der drĂ€ngenden Fragen, die vor ihnen liegen, bleiben die Staaten aber eine Antwort schuldig.

Am Donnerstagnachmittag hĂ€lt der Minister Wildberger im Plenum des Kongresszentrums seine Rede. Drei Minuten hat er Zeit, so wie die anderen Redner auch. Wildberger dankt dem Gastgeber Modi zunĂ€chst ausfĂŒhrlich fĂŒr die Einladung und die Organisation der Konferenz, erst dann spricht er ĂŒber KI. Die zentrale Frage fĂŒr die Weltgemeinschaft, sagt Wildberger, sei nicht, ob die KI die Zukunft gestalte. Es gehe darum, "wie wir die KI gestalten".

Der Fortschritt durch KI ist eine Revolution, die ganze Gesellschaften verĂ€ndern wird. Das GesprĂ€ch ĂŒber diese Revolution, so wirkt es in Neu-Delhi, hat gerade erst begonnen. 

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