Hören Sie auch diese seltsame Stille? 2026 begann mit einem Knall in den internationalen Beziehungen (Donald Trump lieĂ den venezolanischen Machthaber NicolĂĄs Maduro entfĂŒhren) und wurde dann Tag fĂŒr Tag immer lauter (Trump drohte, Grönland zu annektieren). Doch seit der US-PrĂ€sident beim Weltwirtschaftsforum in Davos zurĂŒckruderte, ist es plötzlich so ruhig, dass man unterbewusst auf den Sturm wartet. Die USA lassen Russland und die Ukraine verhandeln. Dem Iran hat Trump mit einem Angriff gedroht, aber nun reden die beiden Regierungen miteinander. Und auch mit DĂ€nemark und Grönland haben die Amerikaner jetzt eine "Arbeitsgruppe".
In dieses VerhandlungsgeflĂŒster hinein findet am kommenden Wochenende die MĂŒnchner Sicherheitskonferenz statt, die, wie immer, diplomatischer Laufsteg, Hinterzimmer-Provider und transatlantisches Klassentreffen zugleich ist. Es könnte ein Moment der Aussprache werden, vielleicht sogar der WiederannĂ€herung. Oder auch der Augenwischerei.
Sie wollen ein anderes Europa, eines, das sich selbst nicht mehr kennt
Vielleicht sollte man in MĂŒnchen Beipackzettel an die EuropĂ€er verteilen, wenn da allzu viel Sedierendes gereicht wird: Nehmen Sie nicht zu viel davon. Trauen Sie den leisen Tönen nicht. Diese Medizin hat Risiken und Nebenwirkungen.
Im vergangenen Jahr â Trump war noch keinen Monat im Amt â reiste VizeprĂ€sident JD Vance nach MĂŒnchen. Er erklĂ€rte den EuropĂ€ern, die eigentliche Gefahr drohe ihnen nicht von Russland, sondern von innen. Er warf ihnen vor, die Meinungs- und Religionsfreiheit zu unterdrĂŒcken, und sagte, in Demokratien sei kein Platz fĂŒr "Brandmauern", gemeint war die Abgrenzung zur AfD. Und er forderte die EuropĂ€er auf, "unsere gemeinsame Zivilisation" zu verteidigen, in rechtspopulistischen Kreisen eine Chiffre fĂŒr eine ethnisch homogene, weiĂe und christliche Gesellschaft. Die Rede war als Schock gemeint und wurde auch so aufgenommen. Vance wollte und will ein anderes Europa, so anders, dass es sich selbst nicht mehr wiedererkennt.
In diesem Jahr kommt aus den USA AuĂenminister Marco Rubio. Viele EuropĂ€er sehen in ihm beinahe schon einen VerbĂŒndeten innerhalb der Trump-Regierung. JD Vance wird dort den Ideologen zugerechnet, wĂ€hrend Rubio als verstĂ€ndiger und rationaler gilt. Die Amerikaner schicken also "den Guten".
Ăberhaupt ist die Stille voller Beschwichtigungen und nachtrĂ€glichem Rationalisieren. "Wir wollen die Nato nicht zerstören", beteuerte in dieser Woche der amerikanische Nato-Botschafter in Berlin. "Wir sind immer noch euer Alliierter." Und Marco Rubio hat kĂŒrzlich bei einer Anhörung im Senat gesagt: "Unsere Allianz in der Nato wird sich schon zurechtruckeln." Trumps Drohungen sollen bitte als etwas krude Verhandlungstaktik verstanden werden. Die USA: spielen halt ein bisschen hĂ€rter. Die EuropĂ€er: hysterische HĂŒhner, die immer gleich ohnmĂ€chtig werden, wenn man sie scharf anguckt.
Es ist die Stunde der Normalisierer. Sie sind dafĂŒr zustĂ€ndig, das System nach innen und auĂen zu stabilisieren, indem sie das Unerhörte und den Wahnsinn zu einer Fehlwahrnehmung der Betroffenen erklĂ€ren: Was ihr seht, gibt es gar nicht. Es ist alles nur in eurem Kopf. Das ist schon keine beschwichtigende Diplomatie mehr, sondern versuchte Verdummung.
EuropÀer, die die Sicherheitskonferenz besuchen, sollten darauf nichts geben.
Erstens sind die Normalisierer Gefangene des Systems Trump und haben weniger Einfluss, als manche es hoffen. Auf Rubios Hilfe kann Europa im Ernstfall nicht zĂ€hlen. Er will selbst PrĂ€sident werden, dazu braucht er die Gunst des Amtsinhabers. Und dafĂŒr wiederum muss er mitspielen, egal, was Trump vorhat. Er ist nicht unser Mann in Washington, sondern sein Mann in MĂŒnchen.
Zudem ist der Moment der Stille gefĂ€hrlich fĂŒr Europa. Die Liebe zu den USA ist alt und tief. Eigentlich möchte man nichts lieber als alles vergeben, den Amerikanern wieder in die Arme sinken. Billiger wĂ€re es auch. Man darf unterstellen, dass Rubio das weiĂ und dass die nachtrĂ€gliche Normalisierung des prĂ€sidialen WĂŒtens strategisch ist. Das emanzipative Momentum, das die Grönland-Krise in Europa erzeugt hat, soll verlangsamt oder sogar gebrochen werden.
Die Waffen, die Europa in den vergangenen Wochen gezeigt hat â Gegenzölle, Embargos und vor allem: politischer Wille und Einigkeit â, die stecken fĂŒr den Moment wieder im Halfter. UnzugĂ€nglich verstaut werden sollten sie nicht. Das nĂ€chste Grönland kommt bestimmt.