Main news

Wie stark ist die "Achse des Widerstands" noch?

Wie stark ist die "Achse des Widerstands" noch?

Einen Durchbruch haben die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA in Genf nicht gebracht. Dort hatten sich am Donnerstag Trumps ChefunterhĂ€ndler Steve Witkoff und Jared Kushner mit dem iranischen Außenminister Abbas Araghtschi getroffen, um vor allem ĂŒber das Atomprogramm der Iraner zu verhandeln. Zwar pries man in Teheran anschließend die GesprĂ€che als ernst und konstruktiv, doch aus den USA war kein Lob zu hören.

Beobachter fĂŒrchten deshalb, Trump könnte sich schon am Wochenende fĂŒr die andere von ihm angedrohte Variante entscheiden: Wenn der Iran den Forderungen nicht nachgibt, soll es mit militĂ€rischer Gewalt dazu gezwungen werden. Bereits vergangene Woche zogen die USA alles nicht unbedingt notwendige Personal aus ihrer Botschaft in Beirut ab, an diesem Freitag auch aus Israel. In den vergangenen Tagen ließen die USA Kriegsschiffe, Flugzeuge und Soldaten in den Mittleren Osten verlegen. Der Iran wiederum verstĂ€rkte seine Luftabwehr.

In der Region selbst ist die Sorge vor einem Angriff der USA vor allem deshalb so hoch, weil er schnell in einen großen regionalen Krieg eskalieren könnte. Das iranische Regime verfĂŒgt ĂŒber verbĂŒndete Milizen in mehreren LĂ€ndern: im Libanon, in Syrien, dem Irak, den palĂ€stinensischen Gebieten und im Jemen. Sie alle wurden jahrzehntelang vom Iran finanziert und könnten ihn im Falle eines US-Angriffs militĂ€risch unterstĂŒtzen. Doch wie viel ist von der sogenannten Achse des Widerstands noch zu erwarten?

Der Krieg der vergangenen zweieinhalb Jahre hat das KrĂ€fteverhĂ€ltnis im Nahen Osten verĂ€ndert. Nach dem Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 durch die Hamas hatte Israel einen Krieg in Gaza begonnen, einen mit der Hisbollah im SĂŒdlibanon, und die israelische Luftwaffe flog auch immer wieder Angriffe auf Syrien und den Jemen.

Die Hisbollah ist so schwach wie nie

Die proiranischen Milizen sind seitdem lĂ€ngst nicht mehr so stark wie vor dem 7. Oktober. Besonders deutlich wird das im Libanon. FrĂŒher war die Hisbollah einer der wichtigsten Akteure fĂŒr den Iran. Die militĂ€rische Schlagkraft der Miliz ĂŒberstieg die vieler Nationen. SchĂ€tzungen zufolge hatte die Gruppierung mehr als 20.000 aktive KĂ€mpfer sowie ungefĂ€hr ebenso viele Reservisten. Vor dem Krieg soll sie ĂŒber bis zu 200.000 Raketen verfĂŒgt haben – darunter neben einfachen Artillerieraketen auch ballistische, mit PrĂ€zisionssteuerung und großer Reichweite. FĂŒr den Iran war die Hisbollah vor allem durch ihre starke PrĂ€senz im SĂŒdlibanon und damit die direkte geografische NĂ€he zu Israel wichtig.

Doch im Krieg hat die israelische Armee die Hisbollah stark geschwĂ€cht: Beobachter und Expertinnen gehen davon aus, dass ein Großteil des Waffenarsenals der Miliz zerstört ist. Außerdem schaltete Israel fast die gesamte FĂŒhrungsriege inklusive des langjĂ€hrigen AnfĂŒhrers Hassan Nasrallah aus. Durch den Machtverlust konnte die libanesische Armee die Kontrolle ĂŒber das direkte Grenzgebiet zurĂŒckgewinnen. Angaben der neuen libanesischen Regierung zufolge soll die Hisbollah in diesem Teil des Landes mittlerweile entwaffnet sein.

Seit dem Waffenstillstand mit Israel im November 2024 verhĂ€lt sich die Hisbollah ungewöhnlich ruhig. WĂ€hrend die israelische Armee den Libanon weiterhin fast tĂ€glich bombardiert und laut UN-Angaben mehr als 10.000 Mal gegen das Waffenruheabkommen verstoßen hat, reagiert die Hisbollah nicht. Selbst als die libanesische Hauptstadt Beirut bombardiert wurde, wie etwa zuletzt Ende November, schlug die Miliz nicht zurĂŒck. DafĂŒr gibt es zwei ErklĂ€rungen: Entweder ist sie mittlerweile so schwach, dass sie sich nicht mehr verteidigen kann, oder sie hĂ€lt das verbliebene Waffenarsenal aus strategischen GrĂŒnden zurĂŒck.

Nicholas Blanford vom Thinktank Atlantic Council hĂ€lt hauptsĂ€chlich Letzteres fĂŒr realistisch. Der Analyst beobachtet seit mehr als 20 Jahren die militĂ€rischen AktivitĂ€ten der Hisbollah. Die Miliz habe im Krieg 2023 und 2024 so stark einstecken mĂŒssen, weil der Iran ihr nicht erlaubte, ihre starken Waffen zu benutzen, erklĂ€rt Blanford im GesprĂ€ch mit der ZEIT. "Wenn die Hisbollah Israel nun mit diesen verbleibenden Waffen angreifen wĂŒrde, könnte sie immer noch einen erheblichen Schaden anrichten", sagt er.

Trotzdem ist eine UnterstĂŒtzung Irans durch die Hisbollah nicht automatisch gegeben. Die Gruppe ist nicht nur Miliz, sondern auch politische Partei im Libanon. Neben ihrer militĂ€rischen StĂ€rke hat sie im Krieg auch massiv an UnterstĂŒtzung in den eigenen Reihen verloren. Insider berichteten der ZEIT von Deserteuren unter den KĂ€mpfern. Viele Libanesinnen und Libanesen sind verĂ€rgert, dass die Hisbollah das Land in einen Krieg gefĂŒhrt hat. Ein neuer Konflikt wĂŒrde den RĂŒckhalt in der Bevölkerung noch weiter schwĂ€chen. 

Das alles beeinflusst den politischen Kurs des neuen GeneralsekretĂ€rs Naim Kassim. "Er versucht, die Hisbollah aus einem libanesischen Blickwinkel heraus zu fĂŒhren, um die Zukunft der Partei im Land zu sichern", erklĂ€rt Hisbollah-Experte Blanford. "HĂ€tten die Iraner nach einem Angriff der USA Nasrallah um UnterstĂŒtzung gebeten, hĂ€tte er zugestimmt. Jetzt ist es viel komplizierter."

In Syrien wurde mit Assad ein wichtiger IranverbĂŒndeter gestĂŒrzt

Wesentlich einfacher vorauszusagen ist das Ausmaß der erwartbaren UnterstĂŒtzung aus Syrien. Das Land hat mit dem Sturz von Langzeitdiktator Baschar al-Assad im Dezember 2024 eine politische Wende erlebt. Assad war ein enger VerbĂŒndeter des Iran. Das iranische Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei bezeichnete Syrien einst als "SĂ€ule der Achse des Widerstands". Geografisch funktionierte das Land als BrĂŒcke zwischen der Hisbollah im Libanon und den verbĂŒndeten Milizen im Irak und dem Regime in Teheran. Über diesen Weg versorgte Iran die Hisbollah mit neuen Waffen. Im Gegenzug unterstĂŒtzte es Assad im syrischen BĂŒrgerkrieg mit KĂ€mpfern und Geld.

Die neuen Machthaber Syriens hingegen, die islamistische HTS unter der FĂŒhrung von Ahmed al-Scharaa, halten an diesem BĂŒndnis nicht fest, erklĂ€rt Nahost-Expertin Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung. "Aus Syrien ist im Moment ĂŒberhaupt keine UnterstĂŒtzung des Irans zu erwarten. Die KrĂ€fte, die Assad unterstĂŒtzt haben, sind erstens unbeliebt, zweitens grĂ¶ĂŸtenteils vertrieben oder drittens durch Bombardements sehr stark geschwĂ€cht." Mit der MachtĂŒbernahme der HTS ist Syrien als Teil der Achse des Widerstands weggebrochen. Die Regierung um Al-Scharaa bemĂŒht sich zudem um ein besseres VerhĂ€ltnis zu den USA, schon allein, um die Sanktionen gegen das Land loszuwerden. Eine UnterstĂŒtzung des Iran im Krieg mit den USA wĂŒrde diesem Interesse also direkt zuwiderlaufen.

Der Irak ist kriegsmĂŒde

Eine Sonderrolle unter Irans VerbĂŒndeten nimmt der Irak ein. Obwohl es im Land mehrere proiranische Milizen gibt, hat sich keine dieser Gruppierungen in den vergangenen zwei Jahren in den Nahostkrieg eingemischt. Die Politologin Lahib Higel analysiert fĂŒr die International Crisis Group die Entwicklungen im Irak. Ihrer Meinung nach hat das vor allem zwei GrĂŒnde. Zum einen seien fĂŒr den Irak nicht nur gute Beziehungen zum Nachbarland Iran, sondern auch zu den USA wichtig, sagt sie im GesprĂ€ch mit der ZEIT. "Zum anderen handelt es sich bei den proiranischen Milizen im Irak – anders als bei der Hisbollah im Libanon oder den Huthis im Jemen – um dezentral organisierte Akteure mit unterschiedlichen eigenen Interessen." Diese seien fĂŒr das iranische Regime deutlich schwerer zu lenken.

Hinzu kommt, dass der Irak nach Jahrzehnten der Kriege und Konflikte aktuell wieder eine Phase der StabilitĂ€t erlebt, die sowohl die neue irakische Regierung als auch die Bevölkerung halten wollen. Das hat Auswirkungen auf die proiranischen KrĂ€fte im Land. "Irakische Gruppen, die frĂŒher Teil der Achse des Widerstands waren, haben ihren Fokus in den letzten Jahren von militĂ€rischen Aktionen hin zu politischem Engagement verĂ€ndert", sagt Higel. Anstatt die Hamas im Gazastreifen durch militĂ€rische SchlĂ€ge zu unterstĂŒtzen, wĂŒrden die irakischen Gruppen sich vermehrt als politische Oppositionsparteien inszenieren.

Die Huthis sind der aktive Teil der Achse des Widerstands

Nahost-Expertin Bente Scheller sieht keine Anzeichen, dass sich diese Entwicklungen in naher Zukunft Ă€ndern könnten. Aktuell sieht sie die grĂ¶ĂŸere Gefahr von den Huthis im Jemen ausgehen. Nach dem 7. Oktober 2023 feuerte die schiitische Miliz Hunderte Raketen in Richtung Israel ab und verĂŒbte ebenfalls rund hundert AnschlĂ€ge auf Handelsschiffe im Roten Meer. Trotz LuftschlĂ€gen durch die USA und Israel stellten die Huthis ihre Angriffe erst nach Inkrafttreten der Waffenruhe in Gaza ein. Die Miliz warnte Trump vor "verheerenden Konsequenzen", sollten die USA den Iran angreifen.

In diesem Fall hĂ€lt Bente Scheller Raketenangriffe auf Israel fĂŒr eine mögliche Reaktion der Huthis. "Es gibt aber auch noch andere Orte in der Region, auf die die Miliz zielen könnte. Amerikanische MilitĂ€rstĂŒtzpunkte zum Beispiel oder Infrastruktur in Saudi-Arabien", erklĂ€rt die Politikwissenschaftlerin. Die Huthis sehen in dem pragmatischen, US-nahen Saudi-Arabien seit Langem einen Erzfeind.

Wie realistisch Angriffe aus dem Jemen sind, zeigen auch jĂŒngste Recherchen des ZDF. Demnach sollen die Huthis in den vergangenen Monaten weitere Waffenlieferungen aus dem Iran erhalten haben.

Wie stark die Reaktionen der proiranischen Milizen tatsĂ€chlich ausfallen könnten, hĂ€ngt auch davon ab, fĂŒr welche Art von Angriffen sich die USA entscheiden wĂŒrden. "Ein Knackpunkt wĂ€re erreicht, wenn die Iraner ihr Regime in Gefahr sehen", meint Hisbollah-Experte Nicholas Blanford. Vorher hĂ€lt er ein Eingreifen der Hisbollah fĂŒr unwahrscheinlich. Auch Bente Scheller sagt: "Wenn das Regime glaubt, es hĂ€tte nichts mehr zu verlieren, könnte es mit allem aufwarten, was es noch steuern kann". Dann wĂ€re der Moment, vor dem viele Menschen in der Region Angst haben, endgĂŒltig erreicht.

You may have missed