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Wiederholt sich Geschichte, Ute Frevert?

DIE ZEIT: Frau Frevert, wiederholt sich die Geschichte?

Ute Frevert: Nein.

ZEIT: Da bin ich ja beruhigt.

Frevert: Andere wĂŒrden Sie beunruhigen – Thukydides zum Beispiel.

ZEIT: Was hÀtte Thukydides gesagt?

Frevert: Der Geschichtsschreiber des Peloponnesischen Krieges hĂ€tte Ihnen geantwortet: NatĂŒrlich wiederholt sich die Geschichte. Sie wiederholt sich deshalb, weil die menschliche Natur eben ist, wie sie ist. Menschen handeln, treffen Entscheidungen und lassen sich dabei von ihrer "Natur" leiten, von ihren Passionen, Begierden, Empfindungen. Und da diese Natur zu Thukydides' Zeiten als unverĂ€nderlich gedacht wurde, mussten sich auch die Handlungen wiederholen. FĂŒr den griechischen Historiker war Geschichte im Grunde eine Anleitung: Wer die Vergangenheit kennt, kann auch die Gegenwart und Zukunft verstehen und deuten, denn alle folgen den gleichen – oder zumindest Ă€hnlichen – Mustern. Diese zyklische Geschichtsauffassung hat weit ĂŒber die Antike hinausgewirkt – bis zu Machiavelli, der in seinem Buch auf die Lehren der römischen Geschichte verwies.

ZEIT: Ich mache das Internet auf und denke ganz oft: Das habe ich doch gleich gesagt, dass das so kommen wird. Ist ja klar. Immer an dieser Stelle muss ein Staat oder eine Partei so handeln. Ist schon 100-mal in der Geschichte passiert. Diese Muster sehen Sie wahrscheinlich auch.

Frevert: Muster sehe ich auch. Aber vieles ereignet sich ĂŒberraschend. Ich hĂ€tte nicht unbedingt damit gerechnet, dass Putin seine Soldaten am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschieren lĂ€sst; andere LĂ€nder haben sich mit dem Verlust ihres Imperiums abgefunden. Ich habe garantiert nicht damit gerechnet, dass am 9. November 1989 die Mauer fĂ€llt, niemand hat das vorhersagen können. Das heißt, es gibt in der Geschichte mindestens genauso viele Überraschungen wie wiedererkennbare Muster. Und das macht sie interessant. BestĂŒnde sie nur aus Überraschungen, könnten Historikerinnen einpacken. BestĂŒnde sie nur aus Wiederholungen – wie langweilig wĂ€re das?

ZEIT: Sammeln wir doch mal Beispiele, die Leuten wie mir vorkommen, wie schon einmal erlebt: FrĂŒher gab es das Ozonloch und den sauren Regen, heute haben wir die Klimakrise. Die Stimmung ist Ă€hnlich: Wir zerstören den Planeten sehenden Auges und unternehmen nichts. Diese Unterströmung der GefĂŒhle ist ganz Ă€hnlich.

Frevert: Ja und nein. Das Ozonloch hat man wieder kitten können, indem sich Regierungen auf ein weltweites Verbot von FCKW-Stoffen einigten. Den Klimawandel wird man nicht aufhalten können, zumindest nicht, wenn die Politik ĂŒberall den RĂŒckwĂ€rtsgang einlegt. Klar, beides sind krisenhafte PhĂ€nomene. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten: Der Klimawandel ist sehr viel komplexer als das Ozonloch, seine BekĂ€mpfung entsprechend voraussetzungsvoller und folgenreicher. Und die GefĂŒhle, je nach politischem Framing, komplett divers.

ZEIT: KI ist auch so ein Fall. Die Webmaschine wurde bekÀmpft, der Traktor wahrscheinlich auch. In den Siebziger- und Achtzigerjahren, als die ersten Roboter aufkamen, war das ein Riesenthema. Jetzt haben wir KI, und der Diskurs scheint sich zu wiederholen.

Frevert: Dass Menschen sich von Neuerungen in ihrer Arbeits- und Lebensweise bedroht fĂŒhlen, ist in der Tat nichts Neues. Wir kennen das von den Luddites, den MaschinenstĂŒrmern im England des frĂŒhen 19. Jahrhunderts. Sie zerstörten die neuen Spinn- und Webmaschinen, weil sie die bisher gewohnten und akzeptierten Lohn- und PreisverhĂ€ltnisse außer Kraft setzten. Auch die EinfĂŒhrung automatisierter ProzessablĂ€ufe in der Industrie wurde von einem Chor der Verluststimmen begleitet: Man befĂŒrchtete, dass Arbeiter ihre Jobs verlieren wĂŒrden. Aber bald war klar: So einfach lĂ€uft das nicht. Bestimmte ArbeitsplĂ€tze fallen weg, andere kommen hinzu. Man verĂ€ndert sich mit den VerĂ€nderungen. Daraus ließe sich auch ein GefĂŒhl wie "Es wird schon wieder gut gehen" ableiten. Stattdessen reagieren viele Menschen mit Panik und Existenzangst.

ZEIT: Es ist interessant, dass diese Angst in jeder Phase politisches Handeln einfordert.

Frevert: Diejenigen, die Angst haben, erwarten vom Staat, dass er ihre Angst bannt und deren Ursachen aus der Welt schafft. Schließlich verspricht der Staat, seit es ihn in dieser Form gibt, Sicherheit, und Sicherheit wird fĂŒr Menschen, die etwas zu verlieren haben, immer wichtiger. Deshalb ist es fĂŒr politische Angstunternehmer heute so einfach, Angst zu instrumentalisieren und mit der Parole zu punkten: zurĂŒck zu den alten Tagen. Nur wenige lernen aus der Geschichte, dass technologischer Wandel am Ende kaum jemals ganze Bevölkerungen ins Elend gestĂŒrzt hat.

ZEIT: Und jetzt verbinden sich mit der KI sogar Utopien.

Frevert: Utopien einer arbeitsfreien Gesellschaft, in der KI Menschen die Arbeit abnimmt und ihnen Zeit gibt fĂŒr schönere Dinge. Das schließt irgendwie an Karl Marx an, der sich zwar kein Leben ohne Arbeit vorstellen mochte, aber doch eines (in der kommunistischen Gesellschaft), in dem man morgens jagen, mittags fischen und nach dem Abendessen philosophieren konnte. Vor diesem Hintergrund hat die KI-Utopie einen gewissen Wiederholungseffekt. Sie ersetzt Angst durch Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber was gilt als "besser"? Es soll ja Menschen geben, die ihre Arbeit samt dem sozialen Drumherum lieben und nicht davon befreit werden wollen. Historisch war die einzige Gruppe, die nicht gearbeitet hat, der höfische Adel – und der hat sich fĂŒrchterlich gelangweilt und brauchte immer neue Zerstreuungen.

ZEIT: Und jetzt wÀren die Menschen das neue Adelsgeschlecht und die Maschinen die 


Frevert: 
 Sklaven, die sich irgendwann auch gegen ihre Sklavenhalter erheben werden. Das haben bereits mehrere Filme vorgedacht.

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