Kann man zugleich verĂ€rgert und entspannt sein? Die Spitze der Union ist es in diesen entscheidenden Tagen. Die Zeit vor der vielleicht wichtigsten Deadline dieser Koalition verbringt der Fraktionsvorstand von CDU und CSU in Klausur. In Berlin-Schöneberg tauscht man sich mit GĂ€sten ĂŒber GrundsĂ€tzliches aus, darunter BND-PrĂ€sident Martin JĂ€ger, BASF-Chef Markus Kamieth, Nato-Forscherin Florence Gaub, der Psychologe Stephan GrĂŒnewald und die EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen.
Von der Leyen mag die mĂ€chtigste Frau in Europa sein â aber mit der deutschen Gesundheitsreform und dem Bundeshaushalt kann auch sie nicht helfen. Beides soll die Koalition unbedingt an diesem Mittwoch beschlieĂen, so will es die Union. Um nach dem Streit der vergangenen Wochen doch noch zu beweisen, dass die Regierung nicht nur ĂŒber Reformen reden, sondern diese auch machen kann.
Auf dem Spiel stehen die StabilitĂ€t dieses BĂŒndnisses sowie die Reste an GlaubwĂŒrdigkeit der Koalition. Es wirkt schon etwas schief, dass sich ausgerechnet in dieser »Crunchtime« (Markus Söder) die Unionsspitze ans Berliner Gasometer zurĂŒckzieht. Die ErklĂ€rung: Der Termin war lange geplant gewesen, schon zu Zeiten, als noch nicht klar war, unter welchem Druck die Koalition in dieser Woche stehen wĂŒrde. Symbolwert hat er dennoch: Genau hier wurde vor einem Jahr der Koalitionsvertrag unterschrieben, und die Spitzen von CDU, CSU und SPD stieĂen danach gemeinsam an. Nun tagt die Union hier: allein.
Wie zieht die CDU in diese entscheidenden Tage? Es mĂŒsse einfach klappen an diesem Mittwoch, das sagt einem ein Unionspolitiker nach dem anderen. Jetzt beginne »die entscheidende Phase« oder auch »die schwierigste Phase der Koalition« â dieser Satz ist auf der Versammlung der UnionsfĂŒhrung immer wieder zu hören. Als Friedrich Merz am Montagabend nach dieser EinschĂ€tzung seiner Leute gefragt wird, entfĂ€hrt ihm zunĂ€chst ein »SĂŒĂ!«. Allzu viele leichte Phasen hat der Kanzler im Amt eben noch nicht erlebt. Allgemein stecke man in einer »sehr schwierigen Phase und Lage unseres Landes«, sagt Merz dann. Doch es könne gelingen, auch wenn es »ein gewaltiger Brocken Arbeit« sei.
Und wo steht Jens Spahn?
Merz ist da gerade zur Klausur dazugestoĂen, auch er machte zunĂ€chst sein Ding, absolvierte einen Auftritt an einer Schule in seiner Heimat. Als er nach Berlin kommt, ist er betont zuversichtlich: Die Gesundheitsreform sei schon seit dem Morgen »praktisch abgeschlossen«, »praktisch fertig« â dabei besteht auch am Abend immer noch GesprĂ€chsbedarf, wie kurz darauf zu hören ist. Beim Haushalt gebe es noch ein paar Themen, rĂ€umt Merz ein. Aber er ist, wie die meisten Vertreter seiner Union, demonstrativ entspannt, was den Mittwoch angeht. Zu entspannt? FĂŒr Merz geht es dann in eine interne Aussprache mit dem Fraktionsvorstand â Ăberschrift: »Wo steht Deutschland?«
Und wo steht Jens Spahn? Der Fraktionsvorsitzende ist einer der entscheidenden Akteure in diesen Tagen. Kommende Woche will er wiedergewĂ€hlt werden, der Frust in seiner Fraktion ĂŒber den Kanzler ist spĂŒrbar und der ĂŒber die SPD sehr groĂ. Spahn selbst kaschiert seinen Ărger ĂŒber Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil â allenfalls â noch notdĂŒrftig: »Die notwendigen strukturellen Entscheidungen sind noch nicht getroffen. Da nĂŒtzt es auch nichts, groĂe Reden bei der Bertelsmann-Stiftung zu halten oder GastbeitrĂ€ge zu schreiben«, sagte er der in einem Interview, das am Sonntag veröffentlicht wurde.
Klingbeil hielt vor einem Monat eine Reformgrundsatzrede und wurde dafĂŒr viel gelobt â Spahn wurmt das, weil er bei Klingbeil Taten vermisse: den konkreten Nachweis, dass dieser wie versprochen Vorschriften einkassiere und im Haushalt zu weitreichenden Einsparungen bereit sei. Dass Spahns GegenĂŒber, SPD-Fraktionschef Matthias Miersch, an diesem Wochenende auch noch die Möglichkeit in Aussicht stellte, dass der Irankrieg eine erneute Ausnahme von der Schuldenbremse erfordern könnte, half ganz und gar nicht. Hier liegt der Ărger.