Der Aschermittwoch markiert nicht nur den Beginn der Fastenzeit, sondern seit Jahrzehnten auch den Tag, an dem sie sich bei der CSU mal so richtig austoben dĂŒrfen. Auch andere Parteien laden zu launigen Reden in Zelte und SĂ€le, in der DreilĂ€nderhalle Passau aber geht es, wie es sich fĂŒr die Christsozialen gehört, mit einer gehörigen Ăbertreibung los: "GefĂŒhlt mindestens 10.000 GĂ€ste" hĂ€tten in diesem Jahr in die Halle gefunden, ruft GeneralsekretĂ€r Martin Huber ins Mikrofon. Faktisch ist etwa ein Drittel da â an den Biertischen sitzen Trachten tragende MĂ€nnergruppen, in Bussen aus dem ganzen Freistaat herangekarrt. Das Traditionstreffen der CSU, es sei "oft kopiert, nie erreicht", jubelt Huber. "Hier gibt es das Original." Donnernder Applaus.
Das Treffen bei Fischbrötchen, Bier und Blasorchester findet zehn Tage vor den Kommunalwahlen in Bayern statt. Am 8. MĂ€rz werden in 2.000 bayerischen StĂ€dten und Gemeinden eine neue Gemeindevertretung bestimmt, BĂŒrgermeister gewĂ€hlt, in 62 Kreisen auch ein neuer Landrat. Die stattliche Zahl von 39.500 kommunalen Mandaten ist zu vergeben â und da sich die CSU als "vielleicht letzte Volkspartei" (Markus Söder) Deutschlands fĂŒhlt, geht es dabei natĂŒrlich auch um das SelbstverstĂ€ndnis und Selbstbewusstsein der bayerischen Regierungspartei.
Wenn da die blaurote Konkurrenz nicht wĂ€re. Schon seit LĂ€ngerem sind Wahlsiege der CSU nicht mehr selbstverstĂ€ndlich, eher hart erkĂ€mpft. Auch in Bayern steht die AfD in landesweiten Umfragen inzwischen konstant bei 19 Prozent â wĂ€hrend die CSU unter der 40-Prozent-Marke stagniert. Zugleich sinkt der RĂŒckhalt fĂŒr die Freien WĂ€hler, Bayerns zweite Regierungspartei. Immer breiter macht sich die Sorge, dass kĂŒnftig rechts von der CSU eine weitere groĂe Partei in den Kommunalparlamenten mitmischt.
Der bayerische Landesverband der AfD ist ein zerstrittener, und auch radikaler: Gerade war Björn Höcke in zwei Wahlkreisen eingeladen. Rivalisierende FlĂŒgel bekĂ€mpfen sich gegenseitig, einem Landtagsabgeordneten warfen Ermittler Volksverhetzung vor, erstinstanzlich verurteilt wurde er wegen GeldwĂ€sche und Nötigung. Dass die AfD bei der Wahl im MĂ€rz in Bayern ihre Stellung als zweitstĂ€rkste Kraft weiter festigt und in beachtlicher StĂ€rke in die Kommunalparlamente einzieht, das ist sehr wahrscheinlich.Â
Bei den sogenannten Personenwahlen der LandrĂ€tinnen und BĂŒrgermeister aber könnte es schwieriger fĂŒr die Rechtsradikalen werden. Maximal in einem Landkreis dĂŒrfte die AfD in die Stichwahl fĂŒr den Landratsposten kommen, prognostizieren die CSU-Strategen. Und zwar in Dingolfing-Landau, wo sie ihren eigenen Landesvorsitzenden ins Rennen schickt. Anderswo hat die AfD keine eigenen Kandidaten aufgestellt, selbst in Kreisen Niederbayerns, wo sie bei der Bundestagswahl fast 40 Prozent der Stimmen holte. Denn es fehlt schlichtweg an geeignetem Personal.
Wie stark die AfD am Ende in den GemeinderĂ€ten und Kreistagen durchmarschiert und die bisher so stolzen CSU-MandatstrĂ€ger zur Seite drĂ€ngt, "das kann niemand seriös sagen", bekennt einer aus der CSU-FĂŒhrungsriege, der es wissen muss. Selbst die CSU, der Hybris selten fernliegt, hat keine Umfrageinstitute an bayernweit 2.000 Orte entsenden können.
Als "Hurensohn" beschimpft
Also nutzt Parteichef Markus Söder seinen Aschermittwochs-Auftritt dafĂŒr, seine AnhĂ€nger daran zu erinnern, bitte zur Wahl zu gehen. Und fĂŒr alle Unentschlossenen greift der CSU-Chef noch mal genĂŒsslich ganz tief in die Metaphernkiste: "Herzlich willkommen bei der Wahrheit", donnert er selbstbewusst ins Mikrofon, "hier ist nicht die Berliner Blase, hier spricht das Volk!" Jubel an den Tischen und Sitzreihen, wo die TrachtentrĂ€ger ihre Bierseidel leeren.Â
Wie schon oft arbeitet sich Söder besonders eifrig an den GrĂŒnen ab â was in einem gewissen Widerspruch zu seinen Worten steht, seit dem mageren Abschneiden der GrĂŒnen bei der Bundestagswahl sei "das Kapitel beendet". Aber der so erwartbare wie bierselige Jubel seiner AnhĂ€nger verleitet den MinisterprĂ€sidenten offenbar dazu, erneut so richtig auszuholen: Die GrĂŒnen hĂ€tten ein klares "Söder-Trauma": "Bei meinem Namen, da fangen sie an zu kreischen, zu weinen und zu zittern."
Söder spricht auch ĂŒber den Vorsitzenden der GrĂŒnen Jugend, der ihn â den CSU-Chef â kĂŒrzlich als "Hurensohn" betitelte. Eine Entgleisung, fĂŒr die er eine Entschuldigung auch der GrĂŒnen-FĂŒhrung erwartet hĂ€tte, stellt Söder klar. Dem jungen Mann rate er, "endlich mal was Ordentliches zu arbeiten". Sowieso, er habe genug von der Faulheit und Moralinsauerkeit der Partei.
Mit seinen RatschlĂ€gen zielt Söder auch in die eigene Partei. Dass man von den GrĂŒnen die Finger lasse, das dĂŒrfe auch der "liebe Erwin" wissen â der "Ă€ltere Herr von der CSU", wenn der mit der grĂŒnen Fraktionsvorsitzenden im Landtag tuschele, fĂŒhrt Söder aus: "Die bleiben in der Opposition." Der "liebe Erwin", das ist Erwin Huber, der frĂŒhere Parteivorsitzende, der vor ein paar Monaten fĂŒr eine mögliche Koalition mit den GrĂŒnen geworben hatte. Zu Söders Ărger.
"ScheiĂ BĂŒrgergeld"
Bei aller eingepreisten Folklore an diesem Tag, hart fĂ€llt auch Söders Urteil zum Thema Migration aus. Willkommen seien die eifrig arbeitenden Serben, Kroaten und Polen in Bayern ("manche bessere CSUler als wir"), aber fĂŒr andere Gruppen hat er nur Verachtung ĂŒbrig â schwer zu ĂŒberhören sind hier die Anleihen an der Rhetorik der AfD. In Bayern bekĂ€men geduldete Asylbewerber nur Sachleistungen, "wir geben kein Geld fĂŒr Schnaps und Drogen", daher seien die Zahl der freiwilligen Ausreisen von Abgelehnten in Bayern auch so hoch. StraftĂ€ter gehörten nach Syrien und Afghanistan abgeschoben, aber bitte ohne Startgeld: "Wer sich so verhalten hat, verdient kein Steuergeld fĂŒr die Heimreise. Liebe Freundinnen und Freunde, das ist fĂŒr unsere Leute."
Söder will auĂerdem das "ScheiĂ BĂŒrgergeld" abschaffen, wie er sagt, weil es Arbeitsverweigerung befördere. Und er verlangt, dass bayerische Kinder kĂŒnftig die Nationalhymne singen: Denn "ein Volk ohne Patrioten ist ein Volk ohne Seele".
Söder mag dann und wann klingen wie die AfD, aber er hat stets klargemacht, dass er die Partei fĂŒr "gefĂ€hrlich" hĂ€lt. Und fĂŒr "menschlich und politisch inkompetent, ein Land zu fĂŒhren". Die Söder-Brandmauer steht da fester als bei manchen in der Schwesterpartei. Die Partei radikalisiere sich, vor allem in Bayern: "Gibt ja inzwischen mehr Gerichtsverfahren gegen die AfD, als die Kandidaten haben." Er wirft AfD-Co-Chef Tino Chrupalla seine Sympathien fĂŒr Putins Russland vor: Sobald Chrupalla in eine Bar gehe, bekomme er einen Wodka serviert. Und bei Alice Weidel, "dem blonden KĂŒhlschrank aus der Schweiz", frage er sich: "Warum will sie nicht in Deutschland leben? Sind wir nicht nobel genug?" "Mir sind die nicht geheuer", so das Fazit des CSU-MinisterprĂ€sidenten.
Daran wird Söder gemessen werden
AuffĂ€llig ist eines: So lange hat sich Söder am politischen Aschermittwoch wohl noch nie mit der AfD befasst. Auch das zeigt, dass etwas anders ist bei diesen Wahlen. CSU-Kommunalpolitiker schauen "sorgenvoll" auf die Wahl am 8. MĂ€rz, wie einer in der Halle am Rande sagt. Bei der Bundestagswahl habe in seiner Gemeinde schon "jeder Zweite bis Dritte die AfD gewĂ€hlt" â fĂŒr ihn sei das ein Mysterium, auch weil die AfD-WĂ€hler sich in GesprĂ€chen kaum zu erkennen gĂ€ben. Man kĂ€mpfe dagegen an, teilweise auch gegen ortsfremde Kandidaten, die auf AfD-Listen stĂŒnden, die aber niemand kenne, erzĂ€hlen andere. Vielleicht ist es genau das, was die CSU diesmal noch rettet.
Vor ein paar Tagen hat der Parteivorsitzende erneut ein Versprechen formuliert: "Die AfD wird kein Rathaus in Bayern ĂŒbernehmen, davon gehe ich fest aus." So sagte er es in einem Interview. Söder wird nach der Wahl daran auch persönlich gemessen werden.