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Zwischen Prinzip und Pragmatismus

Zwischen Prinzip und Pragmatismus

Als Israel im Juni vergangenen Jahres den Iran angriff, ließ Bundeskanzler Friedrich Merz an seiner ehrlichen Meinung keinen Zweifel: Israel erledige fĂŒr uns alle "die Drecksarbeit".

Und jetzt?

Ist die Lage viel gefÀhrlicher, und Friedrich Merz klingt deutlich diplomatischer.

"Die Bundesregierung ruft den Iran nachdrĂŒcklich dazu auf, sofort die militĂ€rischen SchlĂ€ge gegen Israel und unsere anderen Partner in der Region einzustellen", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in einem ersten persönlichen, schriftlich verbreiteten Statement am Samstagabend. Der Iran mĂŒsse "auch andere destabilisierende AktivitĂ€ten in der Region und darĂŒber hinaus unterlassen. Die FĂŒhrung in Teheran muss die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung beenden."

Der Böse in diesem Spiel, so die eindeutige Botschaft, ist der Iran, der durch sein Atomprogramm und die UnterstĂŒtzung terroristischer AktivitĂ€ten den Frieden in der Region gefĂ€hrdet. Merz bekrĂ€ftigte zugleich die SolidaritĂ€t Deutschlands mit Israel. Weniger eindeutig beziehungsweise gar nicht Ă€ußert die Bundesregierung sich zum heiklen Thema Regime-Change, also zu einem Sturz der iranischen Regierung. Die Bundesregierung vertrete die Auffassung, "dass das iranische Volk das Recht hat, ĂŒber sein Schicksal zu entscheiden". Eine Zustimmung zu einem Regime-Change als Ziel der Operationen soll das aber nicht sein.

In einer ErklĂ€rung hatte Donald Trump der iranischen Bevölkerung die Chance auf "Freiheit" versprochen und sie aufgerufen: "Wenn wir fertig sind, ĂŒbernehmt eure Regierung. Ihr werdet sie ĂŒbernehmen können. Das wird wahrscheinlich eure einzige Chance in Generationen sein." International wurde das einhellig als Aufforderung gesehen, das Regime zu stĂŒrzen, doch genau mit diesem Teil der Mission tun sich die EuropĂ€er schwer. Ein Regime-Change könne kein Anliegen der EuropĂ€er sein, heißt es in diplomatischen Kreisen, vielmehr mĂŒsse die Maxime lauten, dass jede Regierung in Teheran, egal welche, die Verbrechen an der eigenen Bevölkerung und die Bedrohung ihrer Nachbarn unterlassen mĂŒsse.

Wie vorsichtig man sich derzeit an die neue Lage herantastet, fĂŒr wie gefĂ€hrlich man die Situation hĂ€lt, wird in jedem GesprĂ€ch deutlich. Teilweise wird in der Bundesregierung sogar rundheraus bestritten, dass Trump ĂŒberhaupt auf einen Regime-Change ziele. Anders als bei frĂŒheren US-amerikanischen Offensiven wie im Irak sei das Ziel nicht etwa, eine bestimmte andere Regierung zu installieren, sondern der iranischen Bevölkerung eine Gelegenheit zur Selbstbestimmung zu verschaffen. Ob sie diese Gelegenheit ergreifen kann oder will, das will man in Berlin nicht beurteilen.

Die Vorsicht hĂ€ngt nicht nur mit der unĂŒbersichtlichen Lage zusammen: MilitĂ€reinsĂ€tze mit einem solchen Ziel wĂ€ren völkerrechtlich nicht legitimiert. Was jedenfalls auffĂ€llt: Zwei Tage vor seiner Reise nach Washington, wo Bundeskanzler Merz sich am kommenden Dienstag zu einem bilateralen GesprĂ€ch mit US-PrĂ€sident Trump treffen will, verzichtet die Bundesregierung auf eine völkerrechtliche Einordnung der US-amerikanischen SchlĂ€ge.

Wie man ihn kennt, darf man vermuten: Abgesehen von diplomatischen OpportunitĂ€ten will Merz durchaus klarstellen, dass die MilitĂ€raktionen keineswegs in einem moralischen Vakuum stattfinden; wer Aggressor ist und wer nicht, soll aus seiner Sicht nicht verwischt werden. Vom Iran, so sieht man es in Berlin, gehen erhebliche Risiken aus – Atomprogramm, Raketenprogramm, UnterstĂŒtzung von Terrorgruppen, dazu die brutale Gewalt gegen die eigene Bevölkerung. Zugleich werden auch die militĂ€rischen Risiken der Offensive, die sich am Samstag auf acht arabische Staaten erstreckte, als betrĂ€chtlich gesehen, auch das erklĂ€rt die deutsche Vorsicht.

Über Wochen, sagte der Kanzler, hĂ€tten die USA eine Verhandlungslösung mit dem Iran ĂŒber dessen Atomprogramm gesucht, die iranische Seite habe "jedoch keiner umfassenden, verlĂ€sslichen und ĂŒberprĂŒfbaren Vereinbarung zur Beendigung des militĂ€rischen Nuklearprogramms zugestimmt. Sie hat sich weder verpflichtet, ihr ballistisches Raketenprogramm zurĂŒckzufahren, noch ihre destabilisierenden AktivitĂ€ten in der Region und darĂŒber hinaus einzustellen."

Volle Zustimmung zu den Zielen der US-amerikanisch-israelischen Offensive, Distanz zur Methode und Abwarten mit Bewertungen, so lĂ€sst sich die Haltung der Bundesregierung an diesem Wochenende beschreiben. Merz sucht – wie so oft – nach einer Linie zwischen Prinzip und Pragmatismus.

In Berlin sieht man sich deshalb auch als Beobachter, nicht als Taktgeber oder gar Beteiligter. Zwar hatte Regierungssprecher Stefan Kornelius am Morgen nach den ersten Angriffen betont, die Bundesregierung sei vorab informiert gewesen. Bundeskanzler Friedrich Merz habe zahlreiche Telefonate gefĂŒhrt, unter anderem mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu. Doch politisch eng eingebunden in die Vorabplanung sei man nicht wirklich gewesen, heißt es in Regierungskreisen.

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