Tel Aviv/Tabuk – Es waren Minuten voller Todesangst über Saudi-Arabien: Auf dem Weg von Dubai nach Tel Aviv kam es im Cockpit einer Boeing 737 MAX 8 von Flydubai zu einem blutigen Angriff. Der Kapitän wurde schwer verletzt, die Maschine sackte Tausende Meter in die Tiefe. Passagiere und mitreisende Flydubai-Mitarbeiter griffen ein – schließlich landete die Maschine sicher in Tabuk. Israels Ministerpräsident spricht von einem islamistischen Motiv. Laut Flydubai sind Hintergründe und genauer Ablauf weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.
BILD erklärt, was bisher rund um den Anschlag im Flieger bekannt ist.
1. Was genau geschah an Bord?
Flug FZ1073 startete am 30. September um 7.05 Uhr Ortszeit in Dubai. An Bord waren 174 Passagiere, darunter 27 Kinder, sowie sechs Crewmitglieder.
Mehr als zwei Stunden nach dem Start kam es nahe der saudisch-jordanischen Grenze zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung im Cockpit. Nach Darstellung von Passagieren an Bord und israelischen Regierungsvertretern soll der Co-Pilot den Kapitän mit einem Messer angegriffen und versucht haben, die Instrumente zu zerstören – mit dem Ziel, die Maschine zum Absturz zu bringen.
2. Wie kamen die Retter ins Cockpit?
Nach Angaben der israelischen Regierung gelang es dem schwer verletzten Kapitän Smit Machchhar (indische Staatsangehörigkeit), die Cockpittür zu öffnen. Dadurch konnten Passagiere und mitreisende Crewmitglieder eingreifen. Der israelische Passagier Yaniv Hayoun soll den Co-Piloten überwältigt haben. Eine amtliche technische Rekonstruktion des Ablaufs liegt noch nicht vor.
3. Wie wurde der Verdächtige überwältigt?
Hayoun schilderte, er habe den Mann in einen Würgegriff genommen und aus dem Cockpit gezogen. Weitere Passagiere und Crewmitglieder halfen, ihn festzuhalten. Berichten zufolge wurde der Mann mit Kabeln gefesselt. Dieses Detail ist offiziell nicht bestätigt.
4. Wer ist der Co-Pilot?
Laut israelischen Medien handelt es sich um einen omanischen Staatsbürger. Sein Name wurde nicht offiziell veröffentlicht. Nach der Landung soll er von saudischen Sicherheitskräften festgenommen und später von Behörden verhört worden sein. Wie lange er für Flydubai arbeitete und ob es zuvor Auffälligkeiten gab, ist nicht zuverlässig bestätigt.
5. Wie tief stürzte das Flugzeug?
Öffentlich zugängliche Flightradar24-Daten zeigen einen besonders extremen Abschnitt, in dem die Boeing von 30.875 auf 16.750 Fuß fiel. Das sind mehr als 4300 Meter in nur 29 Sekunden.
Danach stieg die Maschine kurz wieder, sank erneut und stabilisierte sich schließlich bei ungefähr 15.000 Fuß. Passagiere berichteten, die Sauerstoffmasken seien nicht heruntergefallen. Das weist nicht zwangsläufig auf einen Defekt hin: Die Masken werden durch einen Verlust des Kabinendrucks ausgelöst, nicht allein durch einen steilen Sinkflug.
6. Wer landete die Boeing?
Nach Angaben von Flydubai sicherten mitreisende Mitarbeiter der Airline das Flugzeug, leiteten die Umleitung ein und landeten in Tabuk. Medien berichten von zwei Flydubai-Piloten, die dienstlich nach Tel Aviv unterwegs waren. Einer soll aus Südafrika, der andere aus Neuseeland stammen. Die Airline hat diese Nationalitäten nicht bestätigt.
7. Was bedeuten die Codes 7700 und 7500?
7700 steht für einen allgemeinen Luftnotfall. Mit 7500 signalisiert eine Crew einen unrechtmäßigen Eingriff, beispielsweise eine Entführung. FZ1073 setzte laut „Flightradar24“ zunächst 7700, wechselte sieben Minuten später auf 7500 und anschließend wieder auf 7700.
8. Warum landete die Boeing in Saudi-Arabien?
Das Flugzeug befand sich rund 240 Kilometer nordöstlich von Tabuk. Wegen des verletzten Kapitäns, des mutmaßlichen Angreifers und möglicher Schäden musste möglichst schnell ein geeigneter Flughafen erreicht werden. Flydubai schickte später zwei Ersatzmaschinen nach Tabuk. Eine davon brachte die Passagiere später nach Tel Aviv.
9. War es Terror oder ein Suizidversuch?
Das ist noch nicht abschließend geklärt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, man wisse inzwischen, dass der Co-Pilot „islamistisch-radikal indoktriniert wurde“. Worauf sich diese Bewertung stützt und wer den Mann radikalisiert haben soll, sagte er nicht. Netanjahu betonte zugleich, dass er noch keine endgültigen Schlüsse ziehe. Nach der vorläufigen Einschätzung zweier israelischer Sicherheitsvertreter handelte der Co-Pilot wahrscheinlich allein. US-Präsident Donald Trump sprach inzwischen zwar von einer möglichen Verbindung zum Iran, machte aber ebenfalls deutlich, dass dies noch untersucht werde. Die Vereinigten Arabischen Emirate untersuchen ebenfalls die Hintergründe.
10. Wie werden Piloten überprüft?
Verkehrspiloten unterliegen medizinischen, fachlichen und sicherheitsbezogenen Prüfungen. Die Auswahl, Einsatzplanung und fortlaufende Kontrolle der Piloten liegen bei den Airlines und den zuständigen Luftfahrtbehörden.
Flydubai hat noch nicht mitgeteilt, welchen Prüfungen der Co-Pilot vor seiner Einstellung unterzogen wurde. Israelische Stellen prüfen außerdem, warum ein omanischer Staatsbürger auf diesem Flug eingesetzt wurde. Omanische Staatsangehörige benötigen für eine Einreise nach Israel grundsätzlich eine vorherige Genehmigung. Ob der Co-Pilot in Tel Aviv einreisen sollte und über ein Visum oder eine besondere Crew-Genehmigung verfügte, ist nicht bekannt.
11. Wie kam die Waffe ins Cockpit? Kann das in Deutschland auch passieren?
Das ist ungeklärt. Passagiere sprechen überwiegend von einem Messer oder Taschenmesser. Zuletzt gab es Hinweise auf eine Axt. Eine offizielle Bestätigung der Tatwaffe gibt es bisher nicht. Die Pressesprecherin des Bundesverbands der Luftsicherheits-Unternehmen (BDLS) in Berlin sagte zu BILD, dass in Deutschland grundsätzlich „alle Personen vor dem Abflug durch die Sicherheitskontrollen müssen“. Das gelte auch für Personal und Piloten. Damit wäre ein unerlaubt mitgeführter Gegenstand unwahrscheinlich. Vielmehr könnte es sich bei der Tatwaffe um ein Messer aus dem Bordservice oder ein Werkzeug aus der Notfallausrüstung handeln. Welche Erklärung zutrifft, müssen die Ermittler klären.
12. Was droht dem Verdächtigen?
Der Co-Pilot wurde inzwischen in die Vereinigten Arabischen Emirate überstellt. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet. Die emiratischen Behörden erklären sich für mögliche Straftaten an Bord zuständig, weil die Boeing in den Emiraten registriert ist und unter deren Flagge fliegt.
13. Wie geht es dem Kapitän?
Smit Machchhar wurde nach der Erstversorgung in Tabuk zur weiteren Behandlung nach Abu Dhabi gebracht. Nach Angaben des indischen Botschafters in den Emiraten ist er stabil und erholt sich gut. Bei einem Krankenhausbesuch habe der Kapitän gesprochen und gelächelt. Indische Medien berichten, dass er zuvor in Saudi-Arabien notoperiert worden sei. Offiziell bestätigt wurde diese Operation bislang nicht.
Machchhar arbeitete laut seinem LinkedIn-Profil früher für SpiceJet und wechselte 2022 zu Flydubai. Seine Pilotenausbildung absolvierte er ab 2008 für 18 Monate bei Mainland Air im neuseeländischen Dunedin. Indiens Premier Narendra Modi und Netanjahu würdigten seinen Mut.
14. Was ist über den Helden Yaniv Hayoun bekannt?
Hayoun, der teilweise auch Hayun oder Hayon geschrieben wird, ist Israeli, von Beruf Klempner und war als Passagier an Bord. Nach seiner Schilderung zog er den Angreifer aus dem Cockpit und griff anschließend selbst ans Steuerhorn, um den Sinkflug zu stoppen. Geholfen hätten ihm Erinnerungen an die TV-Serie. Er und die anderen Passagiere wurden mit der Ersatzmaschine noch am selben Abend von Tabuk nach Tel Aviv gebracht. Darum trug er bei seinem Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu noch immer die blutverschmierte Kleidung aus dem Flugzeug.
15. Wie geht es den Passagieren?
Alle Menschen an Bord überlebten. Flydubai erklärte, sämtliche Passagiere und Crewmitglieder seien sicher und vollständig erfasst. Passagiere berichteten jedoch von Schreien, Blut und Todesangst. Der israelische Rettungsdienst brachte nach der Ankunft einen 51-Jährigen mit Verletzungen am Oberkörper ins Krankenhaus. Sein Zustand wurde als leicht beschrieben.
16. Wie stark wurde das Flugzeug beschädigt?
Fotos nach der Landung zeigen einen erheblichen Schaden am Seitenruder, von dem ein größeres Stück fehlt. Die Ursache ist noch unklar. Ebenso ist nicht bekannt, ob der Co-Pilot nennenswerte Schäden im Cockpit verursachte. Die Boeing ist knapp vier Jahre alt.
17. Wie reagierte Israel?
Israel ließ nach Aktivierung des Transpondercodes 7500 Kampfjets aufsteigen. Zu diesem Zeitpunkt mussten die Behörden von einer möglichen Entführung des Fliegers ausgehen. Zudem wurden Abflüge am Flughafen Ben-Gurion vorübergehend gestoppt.
Benjamin Netanjahu erklärte nach dem Vorfall, er habe die Sicherheitsdienste angewiesen, sich auf weitere mögliche Bedrohungen vorzubereiten. Die Geheimdienste Mossad und Schin Bet untersuchen den Vorfall. Es fänden fortlaufend Lagebewertungen statt. Außerdem sollen die Sicherheitskontrollen auf Flügen nach Israel verschärft werden. Nach Angaben eines Sprechers des Ministerpräsidenten will Israel künftig die Identität jedes Piloten kennen und eine Sicherheitsüberprüfung vornehmen. Laut Netanjahu soll zudem geklärt werden, ob der Tatverdächtige Helfer hatte.
18. Wie reagierte Flydubai?
Flydubai hat sämtliche Flüge von und nach Israel vorübergehend ausgesetzt. Ein Termin für die Wiederaufnahme wurde nicht genannt. Die Entscheidung soll überprüft werden, sobald neue Erkenntnisse vorliegen. Auch Emirates setzte seine gemeinsamen Verbindungen mit Flydubai nach Tel Aviv bis auf Weiteres aus. Betroffene Reisende sollen Unterstützung und nach Möglichkeit alternative Verbindungen erhalten.
19. Ist Fliegen nach Israel jetzt gefährlicher?
Aus diesem einzelnen Vorfall kann nicht abgeleitet werden, dass Flüge nach Israel grundsätzlich gefährlicher geworden sind. Verbindungen nach Israel können wegen der regionalen Sicherheitslage, Luftraumbeschränkungen oder Entscheidungen der Airlines immer kurzfristig geändert oder ausgesetzt werden.