Immer Ärger mit Sir John! Diesmal ist aber nicht Shakespeares unsterblicher, dicker, der Damenwelt von Windsor hinterhersteigender Falstaff gemeint. Sondern ein anderer Brite, der eher hagere Bach-Dirigiergott John Eliot Gardiner. Der soll bereits am 16. Juni im Rahmen des Bachfestes Leipzig nach einem Kantatenkonzert mit Werken von Bach, Praetorius, Schein und Schütz in der Thomaskirche mit „grenzüberschreitendem Fehlverhalten“ übergriffig geworden sein. Das gaben der Dirigent selbst, wie auch die Verantwortlichen des ausrichtenden Bach-Archivs laut MDR zu.
Zeugen wollen gesehen haben, wie der Dirigent während des Schlussapplauses auf der Bühne eine Mitarbeiterin des Klassikfestivals bedrängt habe. Es liegt auch eine Videoaufzeichnung vor, die nun extern untersucht werden soll. Die Festivalleitung arbeitet den Vorfall derzeit intern auf.
Zudem hat die Betroffene nach eigenen Angaben Strafanzeige wegen sexueller Übergriffigkeit gestellt. Man habe ihr psychologische Betreuung angeboten, so das Bach-Archiv. Das Archiv will den Vorfall nun aufarbeiten und Konsequenzen ziehen, bis hin zur Absage weiterer Gardiner-Auftritte in Leipzig. Außerdem soll ein neues Awareness- und Schutzkonzept erarbeitet werden.
Die Mitarbeiterin wollte wohl Gardiner am Ende, so wie allen solistisch Mitwirkenden, statt Blumen eine Schriftrolle mit Bach-Noten überreichen. Deshalb habe sie ihn – er war wohl abgelenkt – sanft an der Schulter berührt, um ihn auf das Geschenk aufmerksam zu machen. Daraufhin drehte sich Gardiner wohl um, nahm der Mitarbeiterin eine Schriftrolle ab und versuchte, sie ihr von oben ins T-Shirt zu stecken, so die Aussagen.
Gardiner, der ab 2014 für einige Jahre auch als Präsident des Bach-Archivs amtierte und in dessen Elternhaus im Zweiten Weltkrieg und danach das vor den Nazis gerettete berühmte Bach-Porträt von Hausmann hing (das inzwischen von Leipzig gekauft wurde), sieht sich nicht das erste Mal mit solchen Schlagzeilen konfrontiert. Er, dem lange schon ein schnell überschäumendes Temperament und ein bisweilen allzu bissiger Ton nachgesagt werden, hatte 2023 auf einer Frankreich-Tour nach einer Aufführung von Berlioz’ „Les Troyens“ einen jungen Sänger hinter der Bühne geohrfeigt, weil der in der semikonzertanten Aufführung falsch abgegangen sei. Zeugen wollen damals aber auch gesehen haben, dass der Sänger Gardiner immer wieder gereizt, ja ihn vorher mit Bier beschüttet habe.
In der Folge wurde Gardiner, der sich entschuldigte und eine Therapie machte, von seinen Aufgaben bei den von ihm gegründeten Ensembles Monteverdi Choir, English Baroque Soloists und Orchestre Révolutionnaire et Romantique entbunden. Worauf er The Constellation Orchestra und The Constellation Choir gründete, nach einer Zeit des Rückzugs wieder konzertierte und Aufnahmen machte.
Nun könnte man bei einem 83-Jährigen, der vielleicht verwirrt war von einem ihm unüblich erscheinenden Geschenk, im Adrenalinüberschwang nach Konzertende eine Art Übersprunghandlung konstatieren, bei der er, um den Gegenstand auf offener Bühne loszuwerden, ihn an die Mitarbeiterin zurückgeben und ihn ihr in den Ausschnitt stecken wollte. Genauso stellt der Dirigent inzwischen in einem ausführlichen Statement über seinen Sprecher den Vorfall dar: Er sei zudem „schockiert und fassungslos“ über den Vorwurf eines sexuellen Übergriffs oder eines Übergriffs an sich, so der Sprecher, der das Ganze „ein Missverständnis“ nannte.
Natürlich geht das nicht, aber das Klima ist heute auch extrem aufgeladen. Und gerade bei Gardiner ist man natürlich dünnhäutig – während andere Dirigenten wie Daniele Gatti oder François-Xavier Roth, die deutlich schwererer Vergehen beschuldigt wurden, längst wieder in Amt und Würden sind, Chefpositionen in Dresden und Stuttgart bekleiden und bei Spitzenorchestern auftreten. Wird da also womöglich mit zweierlei Maß gemessen? Das muss sich der Klassikbetrieb schon seit Längerem fragen.