Es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der es wahrscheinlicher war, im sommerlichen Berlin über einen Jazzmusiker zu stolpern als über eine achtlos weggeworfene Matratze auf dem Trottoir. Es lag an der unglaublichen Masse an Jazzfestivals, die zur Jahrtausendwende in der frisch gebackenen Kapitale in den Sommermonaten stattfanden. Praktisch an jedem Abend konnte man zwischen Juni und August kühne Musik zu kühlem Bier hören.
Es war, als spiegele sich die unfertige Metropole mit all ihren Baulücken, Zwischennutzungen und hauptstädtischen Träumen in den Improvisationen wider, die es da überall zu hören gab: auf den lauschigen Hofkonzerten im ehemaligen Haus der Jungen Talente in Mitte und in der Kreuzberger Schultheißbrauerei, beim crosskulturellen Jazz Across the Border im Haus der Kulturen, in der Neuen Nationalgalerie mit Jazz in the Garden, in Köpenick beim rustikalen Jazz- und Bluesfestival und nicht zuletzt im Rahmen der hochkarätig besetzten Konzertreihe Jazz in July im Quasimodo.
Zwischen 1988 und 2001 lockte der aus Genua stammende Betreiber Giorgio Carioti jeden Juli Weltstars auf die kleine Bühne seines Charlottenburger Clubs, die sich die freien Tourneetage zwischen ihren Auftritten auf den europäischen Mammutfestivals in Den Haag, Rotterdam oder Montreux mit einem Konzert in Berlin vertrieben. Legendär, wie einst im Millenniumsjahr die beiden Großmeister Pat Metheny und Michael Brecker Gitarre und Tenorsaxofon in der dicken Luft des gerammelt vollen Kellers kreuzten.
Überlebt hat keines der Berliner Musiktreffen. Wer allerdings in diesen Tagen den aufwendig renovierten Gasometerbau in Schöneberg besucht, kann sich noch einmal ein wenig so fühlen wie in den unbeschwerten Hauptstadtsommern vor der großen Katerstimmung im Land. Bis zum 1. August gibt sich an dem spektakulären Ort, der einst auch schon Günter Jauchs TV-Polittalk als Kulisse diente, internationale Jazzprominenz die Mikrofone und Instrumentenklinkenkabel in die Hand. In Zusammenarbeit mit dem EUREF-Campus, in dessen Zentrum sich das 78 Meter hohe Industriedenkmal befindet, hat der Schöneberger ZigZag-Club ein Festival zusammengestellt, das sich explizit ein Vorbild an den namhaft besetzten Jazz-in-July-Programmen des im vergangenen Jahr verstorbenen Italo-Berliners Carioti nimmt.
Nimm dies, Danger Dan!
So kommen nun unter anderem US-Stars wie Pianist Brad Mehldau (im Quartett mit dem in Berlin lebenden Gitarristen Kurt Rosenwinkel), Sängerin Gretchen Parlato, Gitarrist Al Di Meola, E-Bassist Victor Wooten oder Saxofonist Chris Potter (an der Seite des Pianisten Gonzalo Rubalcaba) nach Schöneberg; zudem gibt es Themenabende zu Prince (u. a. mit seinem letzten Bassisten Mononeon), zu Italien (mit dem deutschen Top-Trompeter Till Brönner) oder Brasilien (mit der Pianistin und Sängerin Eliane Elias) im Forum und in der Skybar des Gasometers.
Am Eröffnungsabend zeigte sich sehr gut, wie man sich den „klassischen, melodischen Jazz mit seinen Verästelungen“ vorzustellen hat, den Programmmacher Dimitris Christides in den insgesamt 37 Konzerten an elf Abenden präsentieren will: als eine extrem energiereiche Angelegenheit. Was ja auch sehr gut zu einem ehemaligen Gasspeicher passt. Angetrieben von den extrem präzisen Rolls des US-Schlagzeug-Kraftwerks Dave Weckl, sang die von dem italienischen Gitarristen Ciro Manna ins Leben gerufene Formation Fusion Experience zum Festivalauftakt ein Loblied auf die Hybride von Jazz und Artverwandtem. Das Quartett spielte behutsam recycelte Jazzrockklassiker wie Billy Cobhams „Stratus“, an Joe Zawinul und Weather Report gemahnende Africana oder eine aus den 1980er Jahren herübergewehte Powerrockballade.
Dass keines der Stücke den Eindruck der bloßen Zurschaustellung instrumentaler Fähigkeiten erweckte, wie es im Fusionjazz gerne mal vorkommt, verdankte sich dem unermüdlich in Sechzehntelnoten pulsierenden Herzen der Band: Der kamerunische E-Bassist Richard Bona sorgte nicht nur mit seinen spinnenfingrigen Läufen für ein wohliges Kribbeln in der Bauchgegend. Auch als launiger Ansager und Sänger, dessen anrührender Diskant sich wie eine weiche Karamellschicht über die Bassmelodien legte, vermittelte er sympathisch zwischen Bühne und dem im zylindrischen Rund sitzenden Publikum.
In einen regelrechten Hexenkessel verwandelte sich der Gasometer dann beim Auftritt der sängerischen Urgewalt Dee Dee Bridgewater. Sollte es einen gewissen Groll unter den 900 Konzertgängern wegen des zuvor holprig verlaufenden Einlasses gegeben haben, so war er umgehend verflogen. Weil die extrem agile 76-Jährige nicht bloß ein schnödes Konzert gab. Vielmehr muss man von einer Predigt, einer fulminanten Selbstentäußerung, einem Polit-Happening sprechen.
Begleitet von der mit hervorragenden Instrumentalistinnen besetzten Band We Exist! sang Bridgewater jedem Einzelnen im Auditorium ins Gewissen – mit Songs wie Nina Simones aufrüttelnder Showtune-Groteske „Mississippi Goddamn“ oder Bob Dylans „Gotta Serve Somebody“ als freundlichen Gruß in Richtung der derzeitigen US-Administration. Wenn man diese Protestlieder hört, die die Sängerin mal mit verständnislosem Seufzen, mal mit kraftvoller Anklage, aber immer mit großen vokalen Liebesumarmungen für die Zuhörerschaft aus ihrem Inneren herausholt, kann man nur sagen: Danger Dan sei dringend der Besuch eines Konzerts von Dee Dee Bridgewater empfohlen.
Ein starker Start, der in jeder Hinsicht Lust auf mehr macht. Sollte das sommerliche ZigZag-Jazz-Festival Bestand haben, könnte es mit seiner Ausrichtung auf internationale Mainstream-Schwergewichte des Genres eine Lücke im Berliner Veranstaltungskalender schließen – zwischen dem hippen jungen Kreuzberger XJAZZ-Festival im Frühjahr (das wegen Problemen mit Förderauszahlungen vom Senat in diesem Jahr in den Oktober verschoben werden muss) und dem altehrwürdigen Berliner Jazzfest im November, das seit Jahren seinen Schwerpunkt auf die freien Spielarten der improvisierten Musik setzt. Einer Hauptstadt, die diesem Namen gerecht werden will, stünde es gut zu Gesicht.