Der Athanor ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Zum Heizen taugt diese besondere Ofenart kaum, auch als schmückende Feuerstelle zu Hause ist sie nicht geeignet, denn man sieht keine Flammen. Der turmförmige Ofen stammt aus einer längst vergangenen Zeit, in der noch der Glaube an magische Zusammenhänge das Denken vieler Gelehrter bestimmte. Die Alchemisten versuchten mit dem Athanor, den Stein der Weisen herzustellen – er war ein philosophischer Ofen mit Temperaturkontrolle.
„Athanor“ hieß auch der Beitrag, mit dem der Künstler Sigmar Polke 1986 an der 42. Kunstbiennale von Venedig teilnahm. Im Deutschen Pavillon spielte sich laut einem Bericht im Magazin „Spiegel“ damals „ein Kunst-Ereignis von ungewöhnlicher Leuchtkraft“ ab. „Fleckig-streifige Wandmalerei aus wetterfühliger Hydrofarbe changierte im Nachmittagslicht allmählich von Rosa zu Blau“, wie der Kritiker Jürgen Hohmeyer notierte. Für den Beitrag gab es den Hauptpreis der Biennale, den Goldenen Löwen.
Polke erlebte den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere. Die sechs von ihm damals in Venedig geschaffenen Kunststoffsiegel-Bilder befinden sich heute im Museum Abteiberg in Mönchengladbach. Die fotoaktiven Substanzen in diesen Werken haben sich seitdem sachte verändert. Das sollte so sein. Für den 1941 geborenen und 2010 verstorbenen modernen Alchemisten Sigmar Polke war ein Bild immer auch Prozess.
Polke manipulierte Negative, belichtete den Film doppelt
Der aus Schlesien stammende Wahl-Kölner gehörte zu jener Handvoll deutscher Künstler, die die internationale Gegenwartskunst am stärksten mitprägten. Seine postume Retrospektive „Alibis: Sigmar Polke 1963–2010“ wurde 2014 im MoMA in New York und anschließend in der Tate Modern in London und im Museum Ludwig Köln gezeigt. Polkes Werke werden heute zu hohen Preisen gehandelt – vom Auktionshaus Ketterer in München etwa wird am 12. Juni 2026 das frühe Rasterbild „BZ am Mittag“ von 1965 mit einem Schätzpreis von 1,2 bis 1,8 Millionen Euro angeboten. Es ist deshalb kein kleines Ereignis, wenn man in Venedig nun gleich mehrere Dutzend Polke-Arbeiten zu sehen bekommt. In dieser Fülle waren sie noch nie ausgestellt – sie fügen eine neue Facette zum prämierten Beitrag des Künstlers zur Biennale hinzu.
Vierzig Jahre danach hat der Galerist Dierk Dierking aus Zürich gemeinsam mit dem Galeristen Gerald Winckler (Riva di Morcote, Lugano/Berlin) in der Nähe der Rialtobrücke eine Ausstellung kuratiert, die Sigmar Polkes Biennale-Ausstellung von 1986 als geisterhafte Erscheinung in Form von Silbergelatineabzügen auf Barytpapier beschwört. Entstanden ist sie, wie auch der begleitende Katalog, in Zusammenarbeit mit der Anna-Polke-Stiftung, die unter dem Motto „Athanor NOW“ ein Forschungs- und Vermittlungsprojekt organisiert und zum 40. Jahrestag auf die ikonische Ausstellung zurückblickt.
Im Januar 1986 hatte der Künstler mit seiner damaligen Partnerin Britta Zoellner das winterliche Venedig besucht. Er fotografierte die nationalsozialistisch überformte Architektur des Deutschen Pavillons und ließ sich darin porträtieren. Doch es sind keine herkömmlichen Fotos, die man da sieht. In einer für Polke typischen Manier arbeitete der Künstler mit dem Zufall: Er manipulierte Negative, belichtete den Film doppelt oder legte beim Ausbelichten mehrere Negative übereinander. So blicken plötzlich die großen Augen von Salvador Dalí durch die Fenster der Rotunde, liegt der spanische Surrealist quer im Canal Grande, während hinter ihm der Dogenpalast emporragt.
Polkes Hommage an Dalí dokumentiert Wesensverwandtschaft, hat aber auch einen pragmatischen Hintergrund. Die Filmrolle, auf die er die Ansichten des Pavillons bannte, war kurz zuvor bei einer Reise nach Figueres belichtet worden, wo Dalí seine Selbstmusealisierung betrieb. So verschmelzen die Orte. Polke ist Antifotograf und experimentiert: Kleinste Fehler werden vergrößert, bis sie zu eigenen Motiven heranwachsen.
Andere Aufnahmen erinnern an Geisterfotografie, bei der Esoteriker versuchen, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Der Künstler steht an der Wand, und um ihn herum wabern halbtransparente Formen, die man nur auf dem Bild sehen kann. Dass diese manchmal silbrig schimmernden Bilder als Werke konzipiert waren, erkennt man auch daran, dass Polke eine Auswahl schon 1986 unter dem Titel „Athanor“ publizierte. Auch eine Edition gab es, als Jahresgabe des Museumsvereins Mönchengladbach für 300 DM. Doch das sind nicht dieselben Bilder, die hier gezeigt werden.
Die Silbergelatineabzüge sind Unikate; viele kommen aus einer Privatsammlung, manche aus Institutionen, einige stehen zum Verkauf. Öffentlich gezeigt wurden sie – bis auf die Edition – nie. Es gibt eben noch immer viel zu entdecken, wenn man sich mit Sigmar Polke beschäftigt. Im Archiv der Anna-Polke-Stiftung, erzählt Dierk Dierking, tauchte bei der Vorbereitung der Schau eine Filmrolle auf, mit der sich die Entstehung einzelner Motive wieder nachvollziehen ließ. Ihr zauberhaftes Ineinanderwachsen in der Dunkelkammer wird so besser verstehbar.
Aber wovon genau handeln diese Bilder? Das ist schwer zu sagen. Sicher geht es Polke auch um die Aneignung des historisch aufgeladenen Pavillons, mit dem sich zehn Jahre zuvor Joseph Beuys auseinandergesetzt hatte. 1993 würde Hans Haacke ihn berühmterweise aufhacken. Sigmar Polke lässt ihn 1986 intakt und fotografiert die Bodenplatten – die Veränderung des Pavillons findet im Bild statt, nicht in der Architektur.
An dem trutzigen Bau in den Giardini arbeitet sich bis heute Generation um Generation deutscher Künstler ab. Gerade erst verwandelte ihn Sung Tieu mit Mosaiksteinen in die Imitation eines Plattenbaus. Anders als viele spätere deutsche Venedig-Beiträge vermied Polkes „Athanor“ alles Eindeutige und Offensichtliche. Bei den Fotos des leeren Pavillons ist das genauso. Man wird eher von einer Ahnung erfasst, als dass einem Informationen mitgeteilt werden. Der Blick flackert. Was ist wann entstanden, zu welcher Schicht gehört ein Fleck, eine Form? Bald stellt sich eine Art mäandrierendes Bewusstsein ein – ein Flow.
Schön auch die Situation: Der Deutsche Pavillon war beim Besuch Polkes noch leer, die Leinwände waren noch nicht begonnen. So früh Sigmar Polke mit seiner Auseinandersetzung begann, so spät wurde der eigentliche Beitrag fertig. Noch bis über den ersten Vorbesichtigungstag hinaus sollte er Ende Juni 1986 an seinen Werken arbeiten und den neugierigen Journalisten so lange den Zutritt verwehren, bis der philosophische Ofen endlich das ausspuckte, was ein Athanor doch eigentlich produzieren soll: den Stein der Weisen.
„Sigmar Polke. Die Fotografien für die Venedig-Biennale“, bis 2. August 2026, Spazio Ravà, Venedig