Die Geschichte ist schnell erzählt. Was, wenn die Spielzeuge unserer Kinder lebendig würden und gemeinsam Abenteuer erleben? Hinter der simplen Idee der „Toy Story“-Filme verbirgt sich ein Stück Filmgeschichte. Als das weitgehend unbekannte Animationsstudio Pixar 1995 den ersten Film mit Cowboy Woody und Buzz Lightyear ins Kino brachte, revolutionierte es gleich mehrere Filmformate. Zum ersten Mal kam ein voll computeranimierter Spielfilm ins Kino. Wie kaum ein anderer Kinderfilm verwob er Klamauk mit Witzen und Handlungssträngen, die auch Erwachsene ansprechen.
Selbst Autorenfilmer wie Tarantino schwärmten von der Reihe – und im Gegensatz zu vielen anderen, kommerziell ausgeschlachteten, aber einfallslosen Fortsetzungen begeisterten auch „Toy Story“ Nummer 2 bis 4 Publikum und Kritiker. Mit den langjährigen Fans der Filme wurde auch „Toy Story“ erwachsen. Andy, das Kind aus dem ersten Film, zieht irgendwann aus dem Elternhaus aus und geht zum Studieren weg. Die „Bösewichte“ sind teils aussortierte alte Spielzeuge, die sich alt und wertlos fühlen. Eine zutiefst menschliche Erfahrung, die vermutlich auch manche Eltern machen, die ihre Kinder ins Kino begleiten. Die Zeit schreitet unaufhaltsam fort.
Nun gibt es einen neuen „Toy Story“-Film. Die Vorzeichen sind eher suboptimal. Pixar-Filme sind längst nicht mehr so kultig wie früher, einige sind an der Kinokasse gefloppt oder wurden nur auf dem Streamingdienst Disney+ veröffentlicht. Die Studiobosse scheinen wie Hollywood allgemein mehr auf Fortsetzungen als auf neue Stoffe zu setzen. Pixar-Kreativchef Pete Docter sagte 2024 dem „Time“-Magazin: „Bei Fortsetzungen denken die Leute: ‚Oh, das kenne ich. Das gefällt mir.‘ Fortsetzungen sind deshalb sehr wertvoll.“ Ist der neue „Toy Story“-Film also ein billiger Cashgrab?
Glücklicherweise nicht. Trotz einiger Schwächen knüpft „Toy Story 5“ an den Charme seiner Vorgänger an. Wieder gibt es eine herzerwärmende Geschichte – dieses Mal wollen die Spielzeuge der achtjährigen Bonnie dabei helfen, Freunde zu finden. Es gibt hintergründige Gags, die nur Erwachsene verstehen. So ruft etwa ein Dinosaurier-Spielzeug: „Auslöschung? – nicht schon wieder!“ Dazu kommen, wie üblich, allerlei obskure Nebencharaktere. Darunter veraltete Computerspielzeuge, die ständig mit ihrer technologischen Rückständigkeit und Batterieproblemen zu kämpfen haben, oder eine Lucha-Libre-Erdnussfigur, die vor dem hungrigen Magen eines Eichhörnchens gerettet werden muss.
Auch der Bösewicht ist klug gewählt. Ähnlich wie im ersten Film, als die simple Cowboy-Figur Woody sich von dem mit jeder Menge modernen Gimmicks ausgestatteten Buzz Lightyear bedroht fühlte, haben die Spielzeuge nun Angst vor Lilypad – einer Art Tablet-Computer, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz und einem robusten Überlegenheitsgefühl gegenüber den anderen Spielzeugen. Sie lässt sich mithilfe ihrer technologischen Fähigkeiten zunächst in die Garage verbannen.
Doch in der Figur der Lilypad offenbaren sich die Schwächen des Films. Mutig wäre es gewesen, die Debatte über Fluch und Segen Künstlicher Intelligenz und über den Einfluss der Digitalisierung auf die Entwicklung von Kindern in der „Toy Story“-Welt auszubuchstabieren. Doch diese Chance verpasst Pixar. Lilypad will natürlich auch nur das Beste für Bonnie – und wird später zur Verbündeten.
Die Botschaft: KI ist nicht bedrohlich, sondern will nur dein Bestes. Auch in einem Kinderfilm könnte man aufgreifen, welche Folgen die Vermenschlichung von Chatbots hat. Und weil es ein Disney-Film ist, ist die Wokeness nicht weit. Die Helden sind selbstbewusste Frauen, männliche Charaktere hingegen tendenziell eher trottelig. Buzz und Woody, die bekannten Helden der Reihe, spielen nur Nebenrollen und wirken notdürftig ins Skript gequetscht. Woody leidet unter Haarausfall und Übergewicht. Buzz, dessen übertriebenes Ego in den alten Filmen die Handlung antrieb, gibt sich nun mit seiner Rolle als Hilfssheriff zufrieden. Stattdessen rückt Cowgirl Jessie ins Zentrum des Geschehens.
Am Ende des Films konzediert Woody sogar, dass er eigentlich nur Jessie gefolgt sei. Wenige Sekunden später wirft ihm seine Partnerin namens Porzellinchen einen Blumenstrauß in die Hände, verdrängt ihn vom Fahrersitz des gemeinsamen Spielzeugautos und ruft: „Halt das, ich fahre!“ Welch geistreiche Vorstellung von Emanzipation. So ist „Toy Story 5“ nicht gerade ein Totalausfall. Wer die Vorgängerfilme mochte, dürfte kaum enttäuscht sein. Das klingt jetzt aber auch schon so algorithmisch und ist ein Teil des Problems.
„Toy Story 5“ läuft ab dem 23. Juli in den Kinos.