Kultur

Der schlechteste Film des Jahres kommt aus dem Internet

Der schlechteste Film des Jahres kommt aus dem Internet

Beim Blick auf die horrende Stromrechnung kann man schon mal einen Schreck bekommen. Der Zuschauer kann nachempfinden, wie es Clark geht, Eigentümer eines mieslaufenden Möbelladens inmitten von gesichtsloser amerikanischer Suburbia. „Cap’n Clark’s Ottoman Empire“ hat er als Geschäft im Piratenthemenparkstil eingerichtet (der offenbar erfolgreichere Western-Style war schon von der Konkurrenz gekapert); Clark (Chiwetel Ejiofor) persönlich gibt in Selfmade-Werbespots den Seeräuber mit angeklebtem Holzbein.

Nun muss er sich auch noch mit der Frage herumplagen, wo in seinem Laden nur dieser ganze Strom verbraucht wird. Und das, obwohl er seit seiner Scheidung selbst darin übernachtet und bei Hochprozentigem bis zum Wegdämmern fernzusehen pflegt. Die Nebenkosten sind eigentlich eines von Clarks kleineren Problemen. 

Die größeren erzählt er seiner Psychotherapeutin Dr. Mary Kline, die eine ausgewiesene Expertin für das Überwinden von beengenden Mauern im Leben und für das Eröffnen neuer Wege ist. Sie selbst wurde als kleines Mädchen von ihrer paranoiden Mutter in der eigenen Wohnung eingesperrt. Aber Dr. Kline hat gelernt, Türen und Fenster aufzureißen, und will das auch Patienten wie Clark beibringen. Sie wird gespielt von der aus Joachim Triers Seelendramen bekannten Renate Reinsve, einer der international gefragtesten Schauspielerinnen der Stunde. Wenn Dr. Kline in der Sitzung den letzten Streit mit Clarks Ex als Rollenspiel wiederholt, kann man zwei großen Schauspielern mit Grauen und Genuss zusehen, wie sie auf brillante Weise Method Acting darstellen. 

Doppelbödiger und komplexer wird es in „Backrooms“ nicht mehr werden, obwohl es darin um ein Paralleluniversum hinter den Wänden der bekannten Welt geht, die „abgründig“ zu nennen, eine bodenlose Untertreibung wäre. Eines Nachts beginnen in Clarks Geschäft die Deckenleuchten zu flackern, und der Fernseher geht wieder mal aus. Im Untergeschoss fällt er durch eine Wand hindurch in ein verborgenes „Hinterzimmer“, das wie eine leer geräumte Kopie seines Stores erscheint, so als hätte Marie Kondo eine Generalüberholung übernommen, sich aber nicht für ein Ordnungsprinzip entscheiden können. Immerhin: Die Beleuchtung stimmt, daher die vielen Kilowattstunden.

Clark wagt sich weit in dieses Labyrinth aus Fluren, Räumen, Winkeln, Tunneln, das eine in Krankenhausgelb gestrichene Mischung aus Escape Room und Kindertobewelt ist, garniert mit einem Flair von, na ja, Piraten-Themenpark mit Steuerrudern an der Wand und,  wie sich bald herausstellt, Monsterkapitän an Bord. Aus dem Vorspann, in dem ein panischer Forscher mit Videokamera verloren durch die Räume hetzt, ahnt der Zuschauer schon, dass ihn hier unten keine Kostümparty erwartet. Wenn er nicht schon vorher weiß, was sich in den Backrooms eigentlich verbirgt. 

„Backrooms“ ist der Debüt-Kinofilm des 2005 geborenen Regisseurs und YouTubers Kane Parsons. Bekannt wurde er durch eine gleichnamige Webserie, die er seit 2022 veröffentlichte und die auf einer durchs Netz geisternden Mythologie – das Fachwort dafür ist „Creepypasta“ – beruht. Darin wird eine verborgene Architektur von schlecht aus der Realität kopierten Räumen ausfantasiert. Einen (kleinen) Teil dieses unerschöpflich wuchernden Geschichtenkosmos hat Parsons nun mit großem Budget in einen Zwei-Stunden-Film mit Starbesetzung gießen dürfen, von entsprechendem Hype begleitet. Das Ergebnis ist ein ernsthafter Bewerber für den schlechtesten Film aller Zeiten.

Was sich im Einzelnen ereignet, nachdem erst Clark mit seinen beiden jungen Gehilfen in der Hinterwelt verschwindet und ihm die besorgte Dr. Kline schließlich nachfolgt, soll hier nicht verraten werden. Das kann man auch gar nicht, weil die Handlung so beliebig, haarsträubend, unlustig-klamaukig zusammengestoppelt ist, dass sie gar nicht verständlich zusammenzufassen wäre. Das Prinzip der Backrooms – sie bestehen aus schlechten, fehlerbehafteten Kopien von Elementen (Orten, Personen, Gegenständen, vor allem: Möbelstücken) der realen Welt – wird so penetrant illustriert, dass sich alle Rätselhaftigkeit in Missgefallen auflöst. Anything goes, in der Architektur wie im Storytelling. Das immerhin ist eine angemessene 80er-Jahre-Referenz.

Auch filmisch wird einfach alles in Schlecht kopiert, was ein Gerade-noch-Teenager so gebinged hat. Die ins Äußere gestülpte innere Welt aus „The Life of Chuck“, die hypnotisch-monotonen Firmenflure aus „Severance“ und natürlich die Retroästhetik von „Stranger Things“ mit seinem von Monstern bevölkerten Upside down und einer ominösen Forschungsorganisation. Nur ist das alles weder besonders mysteriös noch creepy oder wirklich horrormäßig spannend, sondern oft einfach nur effektheischerisch und unlustig dämlich.

Möglich, dass Hardcore-Fans der Webserie dem Showdown mit dem hinkenden Piratenzombie entgegenfiebern. Für alle anderen bleibt „Backrooms“ ein trashiger Horrorfilm, gedreht mit Holzbeinmethode. Die vielen offenen Fäden lassen vermuten, dass auf eine Fortsetzung spekuliert wird. Es wäre eine Überraschung, wenn sich Renate Reinsve noch einmal hier hinein verirren sollte.

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