Gaza – Tief unter dem Gazastreifen beginnt eine Welt, die die Hamas über Jahrzehnte geschaffen hat: ein unterirdisches Labyrinth aus engen Gängen, Schächten, schweren Stahltüren und Räumen. BILD ist mit dem israelischen Militär unterwegs und steigt hinab in einen der Terror-Tunnel.
Schon nach wenigen Metern wird klar, wie beklemmend es hier unten ist. Die Gänge sind so niedrig, dass wir immer wieder den Kopf einziehen müssen. Die Luft ist heiß und feucht, die Orientierung schwierig. Abzweigungen führen in unterschiedliche Richtungen. Ein Spinnennetz unter der Erde.
Das gesamte Tunnelnetz der Hamas soll sich über Hunderte Kilometer erstrecken. Es dient der Terrororganisation als Versteck, Kommandozentrale und Waffenlager. Die radikalen Islamisten können durch Schächte auftauchen, angreifen und wieder unter der Erde verschwinden.
Und die Tunnel waren Gefängnisse. Israelische Geiseln wurden nach dem 7. Oktober in das unterirdische System verschleppt. Freigelassene Geiseln berichteten von monatelanger Gefangenschaft unter extremen Bedingungen, von Hunger, Wassermangel und der ständigen Angst, getötet zu werden. Die Bilder des bis auf die Knochen abgemagerten Evyatar David, der in einem der Tunnel sein eigenes Grab schaufeln musste, gingen um die Welt. Wer hier unten durch die Dunkelheit läuft, bekommt zumindest eine Ahnung davon, wie qualvoll diese Gefangenschaft gewesen sein muss.
Die „Präsidentensuite“ der Hamas
Mehrere Hundert Meter laufen wir durch die Anlage. Dann erreichen wir einen ungewöhnlichen Raum. Die israelischen Soldaten nennen ihn scherzhaft die „Präsidentensuite“. Der Raum ist teilweise mit Marmor ausgekleidet. Hier liegen Matratzen, auf denen hochrangige Hamas-Mitglieder übernachten konnten. Nach Einschätzung der israelischen Armee nutzten die Hamas-Kommandeure den Bereich auch als Rückzugs- und Treffpunkt. An einer Wand hängt ein Spiegel. Sogar Badezimmer gibt es hier im Tunnel. Ein bizarres Stück Terroristen-Alltag tief unter einem Gebiet, das über der Erde weitgehend in Trümmern liegt.
Die Hamas hat ihr Tunnelsystem über viele Jahre ausgebaut. Die Soldaten, die uns begleiten, gehen von mehr als 20 Jahren Bauzeit aus. Selbst in Gebieten, die die Armee bereits durchsucht hat, würden immer wieder bislang unbekannte Tunnel entdeckt.
Mit schweren Stahltüren können einzelne Abschnitte abgeriegelt werden. Sie sollen vor Explosionen schützen, Bereiche voneinander trennen und Rückzugsmöglichkeiten schaffen. Die vollständige Zerstörung dieser Infrastruktur könnte nach Einschätzung der israelischen Soldaten noch Jahre dauern.
Die Hamas ist geschwächt – aber nicht verschwunden
Drei Jahre nach dem 7. Oktober ist die Hamas militärisch angeschlagen. Doch die israelische Armee warnt davor, sie für besiegt zu halten. Hochrangige Militärvertreter sagen BILD, die Hamas versuche, neue Kämpfer zu rekrutieren und Waffen nach Gaza zu schmuggeln. Pro Tag erreichten nach Angaben der Gaza-Grenzbehörde zuletzt im Schnitt circa 150 bis 200 Lastwagen den Gazastreifen – mit Hilfsgütern, kommerziellen Waren und Treibstoff. Es sei unmöglich, vollständig zu kontrollieren, ob in den Trucks auch Waffen nach Gaza gelangen, so ein hochrangiger israelischer Militärvertreter. Außerdem nutze die Hamas nicht explodierte israelische Bomben, um daraus eigene Sprengsätze zu bauen. Auch mit Hilfe von Drohnen könnten neue Waffen nach Gaza gelangen.
Zugleich habe sich die Art des Kampfes verändert. Statt mit größeren Verbänden aufzutreten, setze die Hamas zunehmend auf Guerillataktiken: Sprengfallen, Hinterhalte, kleine Kampfgruppen – und die verbliebenen Tunnel.
Am selben Tag, an dem wir im Gazastreifen unterwegs sind, meldet die israelische Armee einen weiteren Schlag gegen die Terror-Organisation: Gemeinsam mit dem Inlandsgeheimdienst Shin Bet habe sie Muhammad Abu Alwan, den Leiter der Finanzabteilung der Hamas, im Raum Khan Yunis getötet. Nach Angaben der Armee verwaltete Abu Alwan vor dem 7. Oktober Gelder, die aus dem Ausland an die Hamas flossen. Bei der Operation gab es weitere Tote und Verletzte.
Schwere Vorwürfe gegen Israels Kriegsführung
Genau solche Angriffe stehen international massiv in der Kritik. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu muss deshalb heute bei seinem Besuch in New York mit Protesten und demonstrativer Ablehnung bei den Vereinten Nationen rechnen. Zuletzt hatte der bei den Filmfestspielen in Venedig vorgeführte Dokumentarfilm „NAZA“ für Aufsehen gesorgt und schwere Vorwürfe gegen das israelische Militär erhoben. Demnach soll die Armee bei bestimmten Angriffen hohe zivile Opferzahlen bewusst in Kauf genommen haben. Außerdem sei Künstliche Intelligenz für die Auswahl von Angriffszielen genutzt worden.
BILD hat hochrangige israelische Militärvertreter mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Sie weisen die Anschuldigungen entschieden zurück und kritisieren, dass sich der Film auf anonyme Quellen stütze, deren Position und tatsächlicher Einblick in militärische Entscheidungsprozesse nicht unabhängig überprüfbar seien.
Das Militär bestätigt zwar, dass Datenanalyse-Systeme genutzt werden, um mögliche Ziele zu identifizieren. Die endgültige Entscheidung über einen Angriff werde jedoch von Menschen getroffen, nicht von einer Künstlichen Intelligenz. Die Armee erklärt außerdem, sie versuche, zivile Opfer möglichst zu vermeiden, unter anderem durch Evakuierungsaufforderungen, Flugblätter, SMS und automatisierte Telefonanrufe.
Israel wirft der Hamas vor, die Evakuierung von Zivilisten zu behindern und militärische Infrastruktur bewusst in und unter zivilen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern und Moscheen zu platzieren. Und tatsächlich: Auch der Terror-Tunnel, den wir in Augenschein nehmen, liegt unter einem einst dicht bebauten Stadtviertel, von dem heute nur noch Trümmer übrig sind.