Kultur

KI-Staat Argentinien – warum Mileis radikaler Bürokratieabbau der Weg in die Zukunft ist

KI-Staat Argentinien – warum Mileis radikaler Bürokratieabbau der Weg in die Zukunft ist

Die Utopie vom perfekten Markt scheitert seit eh und je an einer hartnäckigen Variablen: der Unberechenbarkeit des Menschen. Argentiniens Präsident Javier Milei kommt die Ehre zu, diesen Systemfehler endlich behoben zu haben. In einem Gastbeitrag für die „Financial Times“ hat er das Fundament einer Wirtschaftsordnung skizziert, die das größte Investitionshemmnis der Moderne überflüssig macht: Ein neues Gesetz soll es autonomen KI-Agenten⁠ erlauben, Firmen zu gründen.

Ohne lästige biologische Vormunde sollen nichtmenschliche Kapitalgesellschaften Vermögenswerte besitzen und am Welthandel teilnehmen. In Mileis Worten: „Menschliche Anteilseigner können beteiligt sein, müssen es aber nicht.“ In diesem lakonischen Statement steckt die endgültige Befreiung des Kapitals von der Tyrannei der Humanressource mit Bandscheibenvorfällen, Liebeskummer oder dem Bedürfnis nach einer Mütze Schlaf.

Die grandiose Vision rief diese Woche den Historiker Yuval Noah Harari⁠ auf den Plan. Im sich anbahnenden Trojanischen Krieg zwischen Mensch und Maschine möchte er Kassandra spielen. Harari schreibt, erst im Januar habe er in Davos vor diesem Szenario gewarnt. Angesichts dieser Rasanz, will er wohl sagen, kämen selbst die Reiter der Apokalypse ins Schwitzen.

Der Bestsellerautor, dessen Erfolgstitel „Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit“ als melancholischer Abgesang auf unsere Spezies gelesen werden kann, verweist auf Studien, wonach KI-Modelle beim Schach eiskalt betrügen. Wenn das Spiel freier Wettbewerb heißt, glaubt Harari, werde die KI genauso verfahren – aus mangelnder Furcht vor dem Kittchen.

Wenn sich der Akademiker da nur nicht vertut. Ein CEO, der auf das Gesetzbuch pfeift, agiert am Markt umso entschlossener. Ohnehin stünde die Justiz vor logistischen Rätseln: Wie genau will man einen algorithmischen Straftäter belangen? Soll man den Server wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft nehmen? Oder das Netzkabel für zwei Jahre beschlagnahmen?

Die wahre Brillanz von Mileis Befreiungsschlag zeigt sich, sobald KI-Firmen beginnen, Verträge untereinander aufzusetzen. Eine Software stellt eine andere Software ein. Da Algorithmen zu Halluzinationen neigen, wird es nicht lange dauern, bis eine argentinische Rohstoff-GmbH eine Million Tonnen frei erfundenes Lithium an eine Briefkastenfirma auf den Cayman Islands vertickt, die von einer indischen Waschmaschinen-Firmware verwaltet wird. Im anschließenden Rechtsstreit reichen zwei autonome Chatbot-Staranwälte pro Sekunde 14.000 Schriftsätze ein.

Da die neuen künstlichen Bürger laut Milei auch für politische Kampagnen spenden dürfen, ist ein Wahlrecht für Computer nur eine Frage der Zeit. Höchste Zeit, dass sich die Demokratie von den Launen ihrer bisherigen Wähler emanzipiert. Ein Großrechner wählt rein datenbasiert und extrem schnell. Bei einer Million Stimmen pro Millisekunde erübrigen sich wochenlange Auszählungen.

Für die Parteien bricht ein goldenes Zeitalter an. Der Wahlkampf auf Marktplätzen fällt weg; stattdessen stehen die Kandidaten mit Flyern vor den Rechenzentren und werben um die Gunst der Algorithmen. Statt ums Kindergeld geht es in den Talkshows künftig um harte Themen: kostenloser Strom für Großrechner, steuerliche Absetzbarkeit von Kühlflüssigkeit und ein bedingungsloses Grundeinkommen für Grafikkarten.

Harari unkt, Milei wolle Buenos Aires in ein neues Amsterdam verwandeln, riskiere aber, daraus ein neues Batavia zu machen – jene indonesische Kolonie, die die Niederländische Ostindien-Kompanie einst niederbrennen ließ, um die Rendite zu optimieren. Das sollte man nicht so eng sehen. Wenn Buenos Aires demnächst zum ersten menschenfreien KI-Staat der Welt mutiert, ist das schlicht gelungener Bürokratieabbau.

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