Was ist geschehen? Eigentlich wenig. Eine Veranstaltung sollte verschoben werden. So etwas kommt vor, aus verschiedenen Gründen – mal wird ein Teilnehmer krank, mal ist der Veranstaltungsort nicht mehr verfügbar, mal will man in eine größere, mal in eine kleinere Location, mal sind es logistische Kalamitäten. So auch hier: Weil der ursprüngliche Ort nicht zeitgerecht fertig wurde, wurde eine Verlegung geplant. Doch die erwies sich als kritisch: Aufgrund von Sicherheitsauflagen drohte die Vormittagsveranstaltung eine lange geplante Veranstaltung am späteren Nachmittag zu gefährden. Man wollte dann also einen anderen Termin finden, um alles so reibungslos wie möglich zu gestalten.
Was ist geschehen? Wirklich wenig. Doch hier geht es um Bayreuth, hier geht es um Richard Wagner, hier geht es um Antisemitismus und hier geht es um Michel Friedman und Katharina Wagner.
Das macht alles so viel komplizierter. Natürlich hätten die Festspiele eher mit Friedman über die Verschiebung sprechen können. Natürlich hätte er an einem anderen Termin kommen können, natürlich hätte man sich die ganze Aufregung, die durch eine „Enthüllung“ der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) über eine angebliche Komplett-Absage durch die Festspiele entstanden ist, sparen können.
150 Jahre Wagner-Festspiele
Denn einig sind sich ja alle: Selbstverständlich müssen im 150. Jubiläumsjahr der Bayreuther Festspiele auch die dunkle Seite der Wagner-Festspiele und die Person Richard Wagners kritisch thematisiert werden. Der Künstler war ein Antisemit, die Festspiele waren ein Wallfahrtsort für Hitler und seine Nazi-Schergen, dort wurde der Diktator als „Onkel Wolf“ willkommen geheißen. Bis zu ihrem Tod 1980 huldigte Richard Wagners Schwiegertochter und langjährige Festspielleiterin Winifred Wagner der Menschheitsverbrecher Hitler und seiner Ideologie.
Das alles ist bekannt und wird nirgendwo sonst so sorgfältig und selbstkritisch aufgearbeitet wie in Bayreuth. Sei es in der „Villa Wahnfried“, Wagners Haus, dem angrenzenden Museum, sei es in von den Festspielen herausgebrachter Literatur, in Form der Ausstellung „Verstummte Stimmen“, die am Festspielhaus eine Heimat gefunden hat – vor allem aber in den Inszenierungen: in Barrie Koskys „Meistersinger“, in Stefan Herheims „Parsifal“ und in Katharina Wagners eigener „Meistersinger“-Inszenierung. Bayreuth hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer seiner Geschichte und der seines Gründers gestellt. Gerade Katharina Wagner zu unterstellen, dies als Festspielleiterin nicht tun zu wollen, ist geradezu grotesk.
Michel Friedman war und ist die richtige Wahl, den Finger noch einmal tief in diese aus gutem Grund nie verheilende Wunde zu legen. Der Publizist, selbst einer Wagner-Figur in Ringen um Fehl und Tadel nicht unähnlich, ist eine der klarsten Stimmen gegen nationalistische und diskriminierende Tendenzen in Deutschland. Wo andere leise werden, wird er laut. Wo manche Konservative die reaktionären Bestrebungen der AfD beflissen übersehen, bleibt Friedman auf klarem Kurs. Das macht ihn zu einer Hassfigur, wie auch die Kommentare bei WELT unter dem klugen Text von Manuel Brug zur Causa zeigen.
Seine „Ausladung“ kommentierte Friedman entsprechend mit erschütternder Bitterkeit und Kompromisslosigkeit. Dass es dabei nur um eine Verschiebung des Termins ging, wollte er nicht gelten lassen. Friedman sah die große Verschwörung. Katharina Wagner hat ihn daraufhin angerufen, um die Sache in einem persönlichen Gespräch und jenseits der Aufmerksamkeitshysteriespirale zu klären. Es gelang. Die Wagner-Urenkelin ging von Bayreuth nach Canossa, obwohl Nürnberg ausgereicht hätte. Das ist ihr hoch anzurechnen.
Friedman wird nun wie ursprünglich angedacht (aber nie angekündigt) am 26. Juli in Bayreuth im Festspielhaus über Wagners Antisemitismus reden. Natürlich wird das Thema auch am Vorabend bei der Eröffnung Thema sein, aber Friedman hat die Wucht und den Mut, die Chuzpe, es auf seine eigene Art zu tun. Es wird Prügel geben für die Wagners und uns Wagneristen – heftige, aber auch in der vielfachen Wiederholung gerechtfertigte. Genau das hat Katharina Wagner auch gewollt. Insofern bleibt alles im Plan.
Sollten, was nicht auszuschließen ist, der Zeitpunkt und der Raum die Premiere des „Rienzi“ behindern, vielleicht um ein paar Stunden verzögern, dann sei es eben so. Gerade, weil es manche ausschließlich zu dieser Premiere angereiste Granden aus Politik und anderen Wotan-Milieus, aus ihrer Gemütlichkeit und Vorfreude auf die anschließende, als „Staatsempfang“ verbrämte Discofox-Party, reißen würde.
Was ist geschehen? Eigentlich wenig. Aber Bayreuth ist eben nicht die Premiere der „Zauberflöte“ in Göttingen oder Hamburg. Hier gilt’s der Kunst. Und dem Werk. Und dem Künstler. Im Guten wie im Monströsen. Eben in allen Facetten. Nicht nur von dem Moment, in dem der Vorhang sich lüftet, bis zu dem, wo er wieder sinkt, sondern mit Vor- und Nachhall. Der „Skandal“, der hier angeblich enthüllt wurde, lenkt hohe Aufmerksamkeit auf die (schon lange ausverkauften) Festspiele. Bayreuth lebt, atmet, wütet, provoziert, verzaubert, fasziniert, ekelt an, ist verwirrend, schüchtert ein, rührt zu Tränen. Das gibt es nirgendwo sonst.
Peter Huths alljährlicher Liveticker von den Bayreuther Festspielen ist eine von vielen WELT-Lesern mit Spannung erwartete Tradition. 2026 geht es am 25. Juli los.