Kultur

Stell dir vor, es ist Art Basel – und du gehst woanders hin

Stell dir vor, es ist Art Basel – und du gehst woanders hin

Die Messewoche in Basel wird von der Art Basel beherrscht. Aber was wäre dieses globale Flaggschiff des Handels mit moderner und zeitgenössischer Kunst ohne seine Satelliten? In diesem Jahr ist es allerdings einer weniger. Erst vor wenigen Tagen gab die Kunstmesse June bekannt, dass sie 2026 aussetzt.

Gegründet 2019 von Esperanza Rosales von der Galerie VI, VII in Oslo und Christian Andersen aus Kopenhagen, verstand sie sich als alternative Ausstellungsplattform, die über das routinierte Messeformat hinausgeht, um den intellektuellen Austausch zu fördern. Laut „The Art Newspaper“ hat sich ein externer Partner zurückgezogen. Die Absicht der June Basel, im nächsten Juni zurückzukehren, bleibt aber bestehen.

An Alternativen zur großen Art mangelt es dennoch nicht. Die jüngste ist die Africa Basel mit 19 Galerien für afrikanische Kunst. Die älteste und bis heute wichtigste Parallelmesse ist die Liste Basel. 2025 feierte sie ihr 30-jähriges Bestehen. Seit dem Umzug aus einem historischen Brauereigelände in die glattere Umgebung des Messequartiers hat sie zwar viel von ihrem einstigen Off-Charme eingebüßt; und auch in diesem Jahr wirkte der Aufbau wieder unnötig verwirrend. Doch die Qualität des Angebots bleibt hoch. Die Liste ist noch immer der Platz für die jüngere Galerie-Generation und aufstrebende Künstler aus aller Welt.

In diesem Jahr nehmen 105 Galerien aus 36 Ländern teil, davon 41 zum ersten Mal. Einige sind besonders mutig, wie die Catinca Tabacaru Gallery (New York). Sie präsentiert mit der 1995 in Somaliland geborenen Najaax Harun eine Künstlerin, die die Lage der Frau in ihrer Heimat anprangert. Daneben zeigt Copperfield (London) die metafotografischen Bilder des in Amsterdam lebenden Litauers Vytautas Kumža, Jahrgang 1992, und seine Sensibilität für das Detail.

Auch der Dialog zwischen den beiden polnischen Künstlern, die von der Turnus Gallery (Warschau) präsentiert werden, dem Bildhauer Piotrek Kowalski und dem Fotografen Tomek Tofilski, entwickelt seine Spannung aus der Wahrnehmung alltäglicher Gegenstände. Ilenia (London) zeigt die Wandskulpturen des schweizerisch-englischen Künstlers Timothy Lee Standring. Ausgehend von online gekauften Kitschfigürchen, arrangiert er absurde Szenen oder bühnenartige Situationen.

Wer jene postindustrielle Atmosphäre sucht, die der Liste einst ihren Reiz verlieh, geht heute eher zum Basel Social Club. Mit seiner fünften Ausgabe hat sich die nomadische Veranstaltung, die auch schon auf Ackerflächen im Umland stattfand, wieder der Stadt angenähert und ein leer stehendes, mehrstöckiges Bürohaus unweit des Bahnhofs Basel SBB in einen Ausstellungsparcours verwandelt.

Einst stand das Gebäude für Effizienz und Wachstum, heute spiegelt es eine Gegenwart wider, die von Digitalisierung, Remote-Arbeit und künstlicher Intelligenz geprägt ist. Die Atmosphäre ist underground, die Ästhetik der Werke wirkt an diesem Ort äußerst zeitgenössisch. Besonders gut funktionieren installative Arbeiten, die ganze Räume ausfüllen. Aber auch manche Flachware behauptet sich mit Nachdruck. Die Bilder des italienischen Künstlers Sergio Sarri aus den 1970er-Jahren etwa (Fitzpatrick, New York): Sie verhandeln das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine und die Angst vor der Mechanisierung als „futuristischer Albtraum“. Mehr Gegenwart findet man selten in älteren Arbeiten.

Von der Liste zum Basel Social Club, von der Maze zur Volta

Schon die Öffnungszeiten des Basel Social Club sagen alles: Messeuntypisch ist er von 16 Uhr bis 3 Uhr nachts geöffnet und hat neben Performances und Konzerten sogar gastronomisch etwas zu bieten. Mehr als 500 Künstler haben ihre Werke über die verschiedenen Stockwerke des Gebäudes verteilt, präsentiert von 160 Galerien. Im Bürosetting werden Arbeit, Zeit, Produktivität und Ruhe für die Besucher zum Erlebnis, und die Macher beweisen echtes Gespür für den Ort.

Neben kaum bekannten Positionen sind auch prominente Namen vertreten: Maurizio Cattelan zeigt neue Wandarbeiten (Three Star Books, Paris). Marina Abramović bittet Besucher, sich in ihre mobile Kapsel zurückzuziehen, um Stille und eine Verbindung zu sich selbst zu erfahren: „Eine Einladung zu einer inneren Reise, die kollektiv wird.“ Besonders berührend ist das Werk des herausragenden ukrainischen Duos Yarema Malashchuk und Roman Khimei, die zurzeit auch im Hamburger Bahnhof in Berlin ausgestellt sind. Mit ihrer Arbeit „Repetition 2019–2023“ erweisen sie der Jugend der Welt eine Hommage; der Gedanke geht dabei unweigerlich an die jungen Menschen ihres Landes.

Von ganz anderer Art ist die Photo Basel, die nunmehr in die elfte Ausgabe geht. Im Volkshaus versammeln sich 42 auf Fotografie spezialisierte Galerien. Wie bei vielen Messen, die sich ausschließlich diesem Medium widmen, ist die Qualität nicht durchgehend überzeugend. Dazu trägt auch die Atmosphäre der Räume bei, die heterogen und mit wenig Liebe zum Detail gestaltet sind.

Interessante Positionen gibt es dennoch: Mobolaji Ogunrosoye aus Nigeria (Galerie Electron Libre, Paris) macht Collagen, um fast abstrakte Porträts afrikanischer Frauen zu erschaffen; sie untersuchen Dimensionen von Verzerrung und Wahrnehmung. Dieselbe Galerie zeigt auch die deutsche Fotografin Susa Templin, Jahrgang 1965, die Fotografie zur Skulptur erweitert. Ebenfalls sehenswert sind Loredana Nemes, Stefanie Seufert mit ihren Porträts von Vögeln im Flug und Arnold Odermatt, dem Schweizer Polizisten-Fotografen, der mit seinen im Dienst aufgenommenen Verkehrsunfällen berühmt wurde (Springer, Berlin).

Die Messe Maze Basel, die sich dem Collectible Design widmet und den Platz der Design/Miami eingenommen hat, findet nun zum zweiten Mal statt. Austragungsort ist die Offene Kirche Elisabethen, ein spektakulärer neugotischer Raum gegenüber der Baseler Kunsthalle. Das Setting ist fast zu eindrucksvoll; besonders bekannte Pariser Galerien wie Laffanour, Kreo, Mitterrand und Jousse Entreprise sorgen für künstlerisches Niveau.

Und dann ist da noch die Volta Basel, auf die man im übervollen Programm der Baseler Messewoche getrost verzichten kann. Mit ihrer 21. Ausgabe ist sie zwar näher ans Messegelände gerückt, aber es fehlt nach wie vor an Qualität. Zu vieles hier wirkt dekorativ, zu bunt, zu schnell gefällig und allzu entschlossen darauf angelegt, Eindruck zu machen, statt Substanz zu entwickeln.

Es gibt Ausnahmen, etwa die 111-teilige Zeichnungsserie von Enrique Minjares Padilla bei der mexikanischen Galeria HGZ (Santiago de Querétaro). Aber im Ganzen fehlt der Volta die Schärfe, um mit der Liste oder dem Basel Social Club ernsthaft um die Aufmerksamkeit der Sammler zu konkurrieren. Besonders unerfreulich ist, dass selbst die Sektion für zeitgenössische Aborigines-Kunst aus Australien in ihrem separierten Bereich eher ausgegrenzt als aufgewertet wird.

In einer Woche, in der Basel an allen Ecken Kunst verspricht, müssen die Besucher eben nicht nur Ausdauer haben, sondern auch wählerisch bleiben.

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