Lieber Bert Brecht, großer Dichter,
Sie sind tot und die Arbeiterklasse ist nicht mehr links. Die heutige Arbeiterklasse will, dass sie für ihre Steuern vom Staat etwas zurückkriegt. Eine Gegenleistung. Das Proletariat will pünktliche Züge, saubere Straßen, sichere Parks, gute Schulen, billige Wohnungen. Solches Zeug. Weil sie’s nicht kriegen, sind sie auf die alten Arbeiterparteien schlecht zu sprechen.
Für diese Haltung, als Steuerzahler vom Staat die Lieferung einer Gegenleistung zu fordern, gibt es neuerdings ein Fremdwort. Es heißt „Deliverismus“ und kommt vom englischen „deliver“. Das heißt „liefern“.
Unsere Regierung verspricht deshalb ständig: „Wir werden liefern.“
Der Deliverismus wird aber auch oft kritisiert. Das Volk soll nicht materialistisch denken. Es geht um Wichtigeres! Klimaschutz, offene Grenzen, Vielfalt, nicht etwa „neues Handy, feines Auto, voller Kühlschrank“, wie ein Kollege in der „Zeit“ geschrieben hat. Der neue Mensch wird kommen. Der neue Mensch ist einer, der keinen vollen Kühlschrank braucht.
Sie, Bert Brecht, haben diese Debatte in Ihrer „Dreigroschenoper“ in einem einzigen Satz zusammengefasst. Wir hatten das in der Schule: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“
Die Regierung aber, das haben Sie auch mal geschrieben, sollte sich ein anderes Volk suchen, falls sie mit dem vorhandenen Volk nicht klarkommt.
Harald Martenstein
BILD-Kolumnist
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