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Matthäus‘ WM-Abrechnung: „Deutschland war schlechter als 2018 und 2022!“

Matthäus‘ WM-Abrechnung: „Deutschland war schlechter als 2018 und 2022!“
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Von LOTHAR MATTHÄUS

Ich gratuliere Spanien zum WM-Titel! Die Mannschaft von Trainer Luis de la Fuente war in allen Belangen die beste des gesamten Turniers, spielerisch, läuferisch und kämpferisch. Dazu mannschaftlich eine echte Einheit, mit einem Höchstmaß an taktischer Disziplin. So wird man verdient Weltmeister.

Ein paar Tage liegt die WM nun hinter uns, und es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Was war gut, was schlecht? Fangen wir mit dem Schlechten an – damit wir positiv enden können.

Italien war für mich die größte Blamage, weil sie gar nicht dabei waren bei 48 Teilnehmern. Aber Deutschland kommt gleich dahinter, weil sie es wieder mal nicht fertiggebracht haben, die Qualität, die in unseren Spielern steckt, auf den Platz zu bringen. Spielerisch hat die Nationalmannschaft nicht überzeugt gegen die Elfenbeinküste, nicht gegen Ecuador und auch nicht gegen Paraguay. Das einzige Spiel, wo sie besser war, war gegen Curaçao. Die waren aber im ersten Spiel sehr naiv, weil sie mitspielen wollten. Hätten sie ein Bollwerk aufgebaut wie in den folgenden beiden Partien, dann hätten wir auch da schon Probleme gehabt. Wäre vielleicht besser gewesen, wenn uns gleich die Augen geöffnet worden wären.

Wenn man bedenkt, dass andere kämpferisch und läuferisch überlegen waren, dann ist das auch eine Frage von Mentalität und Einstellung. Es ist für mich noch immer unbegreiflich, dass man mit diesen Spielern so früh nach Hause fährt. Die Wahrheit ist: Deutschland war schlechter als beim Vorrunden-Aus 2018 und auch als 2022. Spielerisch war es die schlechteste der drei letzten Weltmeisterschaften.

Matthäus: „2022 war Deutschland mit Spanien auf Augenhöhe!“

Apropos: In Katar hatten wir – anders als diesmal – in jedem Gruppenspiel viele Torchancen. Letztlich sind wir punktgleich und etwas unglücklich an Spanien gescheitert. Beim 1:1 gegen Spanien war unsere Mannschaft damals auf Augenhöhe, hätte sogar gewinnen können – und wäre dann nicht ausgeschieden. Und jetzt kommt’s: Elf Spieler des damaligen Spanien-Kaders sind am Sonntag Weltmeister geworden. Der erfahrene de la Fuente hatte die Mannschaft nach deren Achtelfinal-Aus in Katar gegen Marokko übernommen und erfolgreich weiterentwickelt. In unserem aktuellen WM-Kader standen noch neun Profis, die 2022 schon dabei waren. Fortschritt? Gleich null! Obwohl der junge Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann viele Fehler gemacht hat, lag es nicht allein an ihm.

Was in den vergangenen – mindestens – dreieinhalb Jahren im deutschen Fußball schiefgelaufen ist, muss jetzt schonungslos aufgearbeitet werden. Ich bin sicher, Jürgen Klopp als neuer Bundestrainer wird dafür sorgen.

Fakt ist, wir haben diese Weltmeisterschaft weggeworfen. So wie wir sie schon 1994 in den USA weggeworfen haben, als ich selbst noch gespielt habe. Und es waren größtenteils die gleichen Fehler und Probleme. Das irritiert und ärgert mich.

Was mich bei dieser WM noch geärgert hat? Die Trump-Infantino-Show war mir zu viel! Angefangen von der Verleihung des erfundenen Friedenspreises bei der Auslosung bis hin zur gemeinsamen Übergabe des WM-Pokals an Spanien. Das ist vielleicht noch Geschmackssache, aber völlig indiskutabel ist, dass die Fifa nach Trumps Anruf bei Infantino die Rote Karte gegen den US-Stürmer Folarin Balogun ausgesetzt hat. Das hätte niemals passieren dürfen, das war Verrat am Fairplay und am Fußball.

Insgesamt hat mich eine gewisse Amerikanisierung des Fußballs und die extreme Kommerzialisierung gestört. Die Fifa hat den Fußball längst verkauft. Kein Mensch braucht Trinkpausen, wenigstens nicht in den überdachten und klimatisierten Stadien; Spieler können auch während der Partien trinken. Trinkpausen verändern das Spiel, plötzlich sind es statt zwei Halbzeiten vier Viertel wie beim Basketball. Und natürlich vermarkten die Fifa und die TV-Sender die Unterbrechungen – das ist der wahre Grund für deren Einführung. Auch die Halbzeit-Show beim Finale fand ich unpassend. Tolle Künstler, tolle Musik – aber warum wie beim Football in der Halbzeit, die dadurch viel zu lang wurde? Warum nicht vor dem Spiel? Schließlich die Ticketpreise. Es gab auch günstige Karten, aber offenbar verhältnismäßig wenige. Insgesamt waren die Kosten für Fans, insbesondere in den USA, zu hoch. Wahrscheinlich ist es zu romantisch gedacht, aber ich würde es schön finden, wenn Fußball Fußball bleibt – für alle!

Aber kommen wir zu den schönen Dingen dieser WM. Da sind einmal die Fans, die ihre Mannschaften so zahlreich unterstützt haben – allen Widrigkeiten wie hohen Kosten, weiten Reisen durch Zeit- und Klimazonen oder Einreise-Kontrollen zum Trotz. Die rudernden Norweger, die Schotten, Engländer, Argentinier und viele mehr haben mir Spaß gemacht. Und auch deutsche Fans waren in größerer Zahl da als noch in Katar, haben die Mannschaft unterstützt. Auch deswegen ist die Enttäuschung so groß.

Insgesamt haben wir viele tolle und begeisternde Fußballspiele gesehen. Offensiv ausgerichtete Mannschaften, spektakuläre Aufholjagden. Nicht nur die großen Mannschaften haben abgeliefert – die Nummer 1 bis 4 der Weltrangliste standen im Halbfinale –, sondern auch die großen Spieler haben das getan. Messi (mit Ausnahme des Finales), Mbappé, Olise, Rodri, Kane, Bellingham, Haaland, um nur einige zu nennen, haben uns Fußball-Fans große Freude bereitet. Nicht zu vergessen die Überraschungs-Teams wie Kap Verde oder Kongo. Sie waren eine Bereicherung für die WM – und das nicht nur, weil sie so weit gekommen sind wie Deutschland und Holland.

Anfangs war ich skeptisch wegen der auf 48 Teams vergrößerten WM. Aber ohne dies hätten wir die sogenannten Kleinen nicht erlebt. Und deshalb kann ich mir auch eine WM mit 64 Mannschaften gut vorstellen. Kleiner Scherz: Dann wäre auch Italien wieder sicher dabei. Organisatorisch wäre das kein großer Unterschied, es gäbe 16 Vierergruppen und nur die ersten beiden kämen weiter ins Sechzehntelfinale.

Ganz zum Schluss etwas Versöhnliches über die deutsche Mannschaft. Ich sehe unsere Spieler, bei welchen Top-Klubs sie erfolgreich spielen. Ich sehe unsere erfolgreichen Nachwuchs-Nationalmannschaften. Da ist viel Potenzial. Mir ist um die Zukunft des deutschen Fußballs nicht bange. Aber ich hoffe, dass endlich richtig gehandelt wird.

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