Politik

Moskau brennt: Wut auf Behörden und Zweifel am Kurs von Wladimir Putin wachsen

Moskau brennt: Wut auf Behörden und Zweifel am Kurs von Wladimir Putin wachsen
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Moskau – Der Himmel über Moskaus Südosten war am Donnerstagmorgen schwarz. Rauch zog über Wohnviertel, Hubschrauber kreisten in der Luft – und auf Fensterbänken und Autoscheiben bildeten sich schwarze Schlieren. Nach dem ukrainischen Drohnenangriff auf die Raffinerie Kapotnja regnete es Öl auf die Köpfe der Moskoviter. Doch auf ihren Smartphones und im Staatsfernsehen: kein Wort darüber.

Viele Bewohner versuchten am Morgen vor allem eines: herauszufinden, was überhaupt passiert war. „Es gibt keine SMS, keine Sirenen“, berichtete ein Einwohner dem oppositionellen Portal Meduza. „Alle Informationen findet man in lokalen Chats – viel mehr als im Fernsehen.“ Weder Channel One noch Rossiya 1 oder NTV bildeten den Angriff breiter ab, stattdessen lief in den Nachrichten Wladimir Putins (73) Asean-Gipfel hoch und runter.

Ein Anwohner habe erst beim Blick aus dem Fenster bemerkt, dass etwas nicht stimmte. „Ich dachte erst, es sei stark bewölkt, aber dann kamen mir die Wolken zu dunkel vor“, erzählte er laut Meduza. In dem Wohnkomplex Nowye Kotelniki traf eine Drohne ein Hochhaus. Noch Stunden später hätten Glasscherben auf den Wegen gelegen. Schließlich war es ein Bewohner, der in einem Geschäft im Erdgeschoss eine Kehrschaufel kaufte. Die Verkäuferin habe er gefragt: „Gibt es Rabatt für Opfer?“ Auch seine Wohnung im 24. Stock hatte einiges abbekommen.

Neugier am Drohnenwrack

Vor dem abgesperrten Wohnhaus hätten sich Anwohner an den Überresten einer Drohne zu schaffen gemacht. Eine Jugendliche habe Schriftzeichen entdeckt und gerufen: „Da steht etwas auf Ukrainisch!“ Daraufhin habe eine Frau versucht, die Schrift auf den verkohlten Teilen zu entziffern – und schließlich aufgegeben: „Was für eine unverständliche Sprache!“ Auch wenn nicht jeder Russe Ukrainisch spricht, die Botschaft hinter den jüngsten Angriffen ist bei vielen inzwischen angekommen: Wenn ihr Krieg wollt, könnt ihr ihn haben.

Die Auswirkungen sind nicht mehr nur in den grenznahen Regionen zu spüren. Auch in Russlands Hauptstadt schließen immer mehr Läden wegen der horrenden Steuern, Lebensmittel werden immer teurer – und dann sind da auch noch die Störungen des Internets. Nun müssen auch die Russen bezahlen für Putins Krieg. Aber der Preis ist gering im Vergleich dazu, was die angegriffenen Ukrainer jeden Tag erleiden. Kiews Plan: den Preis auch für die Russen erhöhen – so lange, bis Putin nicht mehr anders kann, als an den Verhandlungstisch zu kommen.

Zweifel an Behörden wachsen

Doch dass es noch dauern kann, bis es so weit ist, ahnt auch manch ein Moskoviter. Mit Blick auf die zerstörte Ölraffinerie – und die ohnehin schon rationierte Spritausgabe – forderte ein Anwohner laut Meduza, man müsse Kapotnja „irgendwie reparieren“. Ein anderer widersprach: „Das wird niemand reparieren! Heute Nacht wird es einen weiteren Angriff geben.“ Auch Zweifel an der Regierung seien inzwischen zu hören. „Die Regierung muss etwas falsch machen, wenn das ukrainische Militär seine Drohnen so oft hierher schickt“, so eine Anwohnerin.

Auch am Nachmittag waren Hubschrauber und Feuerwehrfahrzeuge im Dauereinsatz. Der Geruch von verbranntem Plastik lag in der Luft. Die Straßen: für Moskauer Verhältnisse ungewöhnlich leer, viele Einkaufszentren blieben geschlossen. Trotz mehr als vier Jahren Krieg erwischt es viele Russen eiskalt. Doch nicht alle haben verstanden, dass nur Putin ihn beenden kann. Stattdessen wollen sie Rache. In einem Brief an Meduza schrieb eine Moskovitin: „Nach dem, was ich gesehen habe, möchte ich alle Fabriken in der Ukraine in die Luft jagen.“

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