Hamburg – Auf St. Pauli im „Salon Harry“ blieb die Zeit stehen: Mahagoni-Holzverkleidung an den Wänden, goldgerahmte Spiegel, schwere Friseurstühle und dunkle Waschbecken erzählen 120 Jahre Kiez-Geschichte. Ende Juli geht hier zum letzten Mal das Licht aus. Dann verschwindet mit dem Herrenfriseur nicht nur ein Stück Reeperbahn, sondern auch ein Ort, der mit der Geschichte der Beatles eng verbunden ist.
Seit 1906 hielt sich der „Salon Harry“ auf St. Pauli. Zwei Weltkriege und unzählige Veränderungen auf der Reeperbahn überstand der Kult-Salon. 1978 fing Friseurmeister Franz Stenzel hier als Angestellter an, zehn Jahre später übernahm er den Laden von Namensgeber Harry Woldert. Jetzt sorgt eine Mieterhöhung für das Aus des Salons. BILD besucht Stenzel (81) und Ute Bickeleit (63) ein letztes Mal in ihrem Geschäft.
Fotos und Schallplatten der Beatles hängen noch an den Wänden. Touristenführer lotsen Besucher bis heute wegen der Fab Four zum Kult-Salon an der berühmten Davidwache. Lange bevor sie Weltstars wurden, spielten die Jungs aus Liverpool zwischen 1960 und Ende 1962 im Indra, Kaiserkeller, Top Ten Club und Star-Club in Hamburg auf St. Pauli. Und ließen sich im „Salon Harry“ frisieren.
„Hier saßen die Beatles und ich schon Ende 1961“
„Hier saßen die Beatles und ich schon Ende 1961 zum Beatles-Haarschnitt, nachdem Astrid den ersten Schnitt versaut hatte.“ Mit dieser Widmung verewigte sich Musikmanager und Mitbegründer des Star-Clubs, Horst Fascher, auf einem Friseurstuhl im „Salon Harry“.
Mit „Astrid“ meinte er Fotografin Astrid Kirchherr. Ihr missfielen die verwachsenen Elvis-Tollen der Musiker. Also griff sie zur Schere. Laut Beatles-Gitarrist John Lennon war es wiederum Kirchherrs Freund Jürgen Vollmer, der zuerst für den Schnitt sorgte. Harry Woldert soll dem später weltberühmten Pilzkopf-Schnitt dann den letzten, professionellen Schliff gegeben haben. Die historischen Stühle, auf denen die Beatles gesessen haben sollen, stehen noch im Salon-Keller.
Salon Harry war mehr als ein Friseurladen
1984 begann für Ute Bickeleit das Abenteuer „Salon Harry“. Sie fing als Angestellte an, wenig später wurde aus ihr und Franz Stenzel ein Paar. Besonders gern erinnert sie sich an das alte St. Pauli. „Früher wurde hier gelebt. Das war wie ein Dorf.“
Ein signierter Fußballschuh von Uwe Seeler und Autogrammkarten erzählen bis heute die Geschichte des Ladens. Unvergessen sind für Ute vor allem die Luden, die Stammkunden waren. Im Salon sprachen sie über Kinder und Autos. Am nächsten Morgen standen dieselben Männer nach einer Schießerei oder einem Mord in der Zeitung.
Mieterhöhung besiegelt das Ende des Kult-Salons
Irgendwann wurden die Kunden weniger. Barbershops schossen aus dem Boden, Personal wurde zu teuer. Der Ruhestand kommt mit der Mieterhöhung früher als geplant. Der Hauswirt verlange deutlich mehr, und das könne sich das Paar nicht leisten. Ute Bickeleit: „Ich kann seine Entscheidung aber verstehen.“ Noch verhandelt ein Interessent über die Übernahme. Scheitert sie, müssen bis Ende Juli Möbel und Böden raus. „Das macht uns gerade große Sorgen.“
Für das Paar ist das nur schwer zu verkraften. Ute Bickeleit: „Natürlich ist das ein Abschied, der uns sehr traurig macht. Das hier ist unser Leben. Wir haben geweint, einige unserer Stammkunden auch. Wir werden sie sehr vermissen.“
Die Friseure blicken nach vorn. „Wir machen es uns schön. Hund, Enkel, Garten, da gibt es viel zu tun“, sagt Franz. Ute lacht: „Viele Paare sehen sich nach Jahrzehnten im Job plötzlich den ganzen Tag zu Hause und denken: Wer sitzt denn da auf meiner Couch? Das Problem haben wir nicht. Wir arbeiten und leben seit 40 Jahren zusammen. Da kann uns nichts erschrecken.“