Meine gute Freundin Adi ist Aktivistin und wird dieses Jahr am apolitischen Gay Pride nicht teilnehmen“, hatte meine Freundin Dana mir im Vorfeld gesagt – und mir vorgeschlagen, die Zornige zu treffen. Dabei war noch nicht einmal sicher, ob der Umzug der schwul-lesbischen und Trans-Community überhaupt stattfinden würde.
Ich saß beim Karaoke im „Ballenby“ mit meinem Freund Ofir, mit dem ich schon 2014 (während des damaligen Gaza-Krieges) den Raketenalarm überhört hatte – damals war er noch Soldat auf Urlaub, und im bezirzend-verrufenen „Apolo“-Club ging’s auf denkbar andere Weise hoch her.
Nun jedoch ploppten zu mitternächtlicher Zeit auf den Smartphones die Nachrichten über die Raketen auf, die der Iran soeben in Richtung Israel abgeschossen hatte. Doch egal, das Abfang-Wunder des Iron Dome würde das potenziell Todbringende schon neutralisieren; da konnte man also inzwischen auch die hebräische Version von Leonard Cohens „Hallelujah“ ins fiepende Mikro hauchen – quasi als Vorprogramm zum Pride.
Wenige Tage vor der Parade dann das: Frühmorgens plärrte der schrille Alarm-Ton der von Ofir ein paar Stunden zuvor für mich eingerichteten Warn-App los. Also flugs die Airbnb-Bleibe nahe der Nahalat Binyamin verlassen und in das als offizielles „Shelter“ fungierende Untergeschoss-Parking vis-à-vis geeilt.
Freilich standen dann dort nur unerwartet wenige, die sich den Schlaf aus den Augen rieben. Da in dem winzigen Land, das ohnehin eher eine Art erweiterte Nachbarschaft ist, kaum etwas unbemerkt bleibt, rief meine offensichtliche Verblüffung sogleich eine halb-elegante ältere Frau auf den Plan, Time-Zigarettenpäckchen in der Hand, die hornigen Fingernägel lila lackiert. „Honey, lass dir’s erklären. Das war jetzt auf deiner App nur Pre-Alert. Ist in etwa so wie Pre-Cum – kann zu Sex oder Raketeneinschlägen führen, muss es aber nicht. Nur wenn auch draußen die Sirenen heulen, darfst du keine Zeit verlieren, hierherzukommen. Kapiert, mein Junge?“
Kapiert, denn nach einer Stunde und kurzem Halbschlaf geschah genau das, und nun war der Parking-Shelter tatsächlich voller Menschen. Und eine der Fragen, die einander halblaut gestellt wurden, war die nach einer möglichen erneuten Annullierung des Gay Pride.
Hatten nicht bereits im Juni 2025 die Raketen des Mullah-Regimes das Fest verhindert? War nicht 2024 der Ton gedämpft gewesen und der Umzug vor allem eine Solidaritätsmanifestation mit den weiterhin im Gazastreifen als Geiseln festgehaltenen Überlebenden des 7. Oktober 2023? Zeit- und Weltgeschichte und gleichzeitig Familientrauma?
Endlich einmal feiern gehen
Als auf der App schließlich Entwarnung gegeben wurde – mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Automatik-Message „The event has ended“ – und sich alle wieder auf die Straße und ins Sonnenlicht begaben, beschloss ich, Danas gute Freundin nicht zu treffen. Denn was war schon so schlimm daran, in einem notgedrungen dauerpolitisierten und stets volatilen Umfeld wenigstens einmal im Jahr einigermaßen unbesorgt herumzutanzen? Ohnehin galt und gilt: Nicht der Pride ist eine Zierde dieser Stadt, sondern es ist umgekehrt Tel Aviv, die einzige liberale Metropole im Nahen Osten, die diesen Umzug zu etwas ganz Besonderem macht.
Wo sonst in der von Hass und Hader zerfressenen Region könnte ein Freund wie R. mit seinem Partner aus Ramallah auf diese Weise feiern gehen? Und was die Verlängerung von dessen Aufenthaltsstatus betrifft: Der Vater von R. hat sich bereits um einen guten Rechtsanwalt gekümmert und bürgt persönlich für den jungen Mann aus den besetzten Gebieten – und das, obwohl er selbst stolzes ultraorthodoxes Familienoberhaupt ist und seit Jahrzehnten Stammwähler der eher dubiosen Schas-Partei.
Vielleicht ist es ja genau das, was außerhalb des Landes nicht zuletzt auch selbst ernannte Repräsentanten einer „International Queer Community“ zu törichten Israel-Boykotten führt: der aggressive Unwille, Ambivalentes, Widersprüchliches und Gegenläufiges (also die Grundelemente der condition humaine) überhaupt wahrzunehmen. Falls es aufseiten der sich als „emanzipatorisch links“ missverstehenden Boykotteure nicht ohnehin der elend alte Judenhass in lediglich neuestem Gewand ist.
Wobei hier in Tel Aviv Tradition seit jeher anders verstanden wird, nicht zuletzt als Anlass zu Prüfung und Selbstprüfung. Und so wird in den legendären Stadt-Touren des inzwischen bejahrten, doch noch immer spöttisch energetischen Gay-Aktivisten Erez Dayan auch keineswegs ein sogenanntes „Pinkwashing“ betrieben, sondern daran erinnert, dass in Israel Homosexualität erst ab 1988 nicht mehr offiziell strafbar war.
Zwar war auch zuvor niemand belangt worden, doch der 1948 von den Briten übernommene Paragraf im Gesetzeswerk hatte durchaus für Diskriminierungen gesorgt und für Rauswürfe aus der Armee. „Und obwohl Tel Aviv die weltweit wohl einzige Stadt ist, die ein eigenes LGBTQ-Center mit allen möglichen Kultur- und Gesprächsangeboten gegründet hat, ist auch jetzt nicht alles rosig. Die Transparente auf den Prides in Jerusalem und Be’er Sheva erinnern daran, wie viel anderswo in Sachen Inklusion noch zu tun ist.“
Am Pride-Vorabend wollte Tel Avivs stellvertretende Bürgermeisterin Meital Lehavi von der linksliberalen Meretz-Partei gar nicht viel Zeit damit verschwenden, in der Rooftop-Bar am Hilton-Gay-Beach selbstbeweihräuchernd Offizielles von sich zu geben. Auf dem Rothschild-Boulevard fand zeitgleich eine Demonstration für mehr Sicherheit für Frauen statt, da wollte sie direkt im Anschluss hin.
Jubel, Trubel, temporäre Heiterkeit
Und die eigentliche Parade, bei der am Freitag mehr als 100.000 Teilnehmer entlang der Strandpromenade feierten, tanzten und flirteten? Hetero- und gleichgeschlechtliche Paare waren mit ihren Kindern unterwegs, im Inneren der Regenbogenfahne wehte der Davidstern im Sonnenwind und von einem der Tour-Wagen sang die israelische Eurovision-Beiträgerin von 2025 und „7. Oktober“-Überlebende Yuval Raphael ihr „New Day will raise“. Jubel, Trubel, temporäre Heiterkeit.
Am Tag danach meldet die große liberale Tageszeitung „Haaretz“, dass einer Frau aufgrund eines T-Shirts, das den rechtsextremen Sicherheitsminister Ben Gvir kritisierte, der Zutritt zur Parade verweigert worden wäre. Ein Polizeisprecher gibt zu Protokoll, dass dies nicht den Usancen entspräche und geprüft würde. Petitessen? Nichts weniger als das. Und ebenso umgehend ans Licht gebracht wie die feinen Risse auf den Strandliegen, die noch am Sonntagmorgen davon zeugen, dass in den nächtlichen Nach-Feiern zum Pride allerlei Wild-Schönes geschehen war, das sich seit jeher jeglicher Einhegung entzieht. Wie es Leonard Cohen einst so sinnlich wie klug besang: „There is a crack in everything/ that’s how the light gets in.“
Marko Martin lebt als Schriftsteller in Berlin und bereist Israel seit 1991. 2024 erschien „Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober“ (Tropen Verlag).
Die Teilnahme an einem Teil der Reise wurde unterstützt vom staatlichen israelischen Verkehrsbüro. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter: go2.as/unabhaengigkeit