Kultur

Wer so schaut, kann doch nur ein Rembrandt sein

Wer so schaut, kann doch nur ein Rembrandt sein

Mit der Losnummer 21 versteigert das Londoner Auktionshaus Sotheby’s an diesem Mittwoch ein Altmeistergemälde als Rembrandt. Der Schätzpreis für das dem Barock-Genie der Niederlande zugeschriebene Bibel-Motiv „Lasset die Kinder zu mir kommen“ beträgt acht bis zwölf Millionen Pfund. Die Geschichte hinter dieser Leinwand gehört eigentlich selbst auf die Leinwand. Möglicher Filmtitel: „Vom No-Name zum Superstar“. Oder: „Wie wird man Rembrandt?“ Wir protokollieren die ungewöhnliche Karriere des Bildes.

Sie beginnt Anfang 2014 mit einem Anruf bei Alice von Seldeneck, der Leiterin der Berliner Dependance des Kölner Auktionshauses Lempertz. Ein ihr unbekannter Herr stellt ihr am Telefon eine Frage: „Können Sie mal bei mir vorbeischauen? Ich hätte vielleicht etwas Interessantes für Sie.“ Ein Abgesandter fährt zur angegebenen Adresse im Berliner Westen, zu einem eher schlichten Mietshaus. Was er sogleich erkennt, als man ihm ein unsigniertes Altmeisterbild zeigt: Es hat Potenzial – und besitzt als Zugabe das Gutachten eines früheren Berliner Museumsdirektors aus dem Jahr 1954, der das Werk dem Rembrandt-Schüler Govert Flinck zugeschrieben hatte. Mehr weiß der Besitzer, der es Jahre zuvor geerbt haben soll, nicht. Er träumt von lediglich ein paar Tausend Euro Erlös.

Alice von Seldenecks Mutter Mariana Hanstein, die Altmeister-Expertin des Familienunternehmens Lempertz und Gattin von Firmenchef Henrik Hanstein, übernimmt das großformatige Bild (103 mal 86 Zentimeter) im Kölner Stammhaus. Weil sich die Zuschreibung an Flinck nach Befragung von Kunsthistorikern zerschlägt, bietet Lempertz es unverfänglich als „Niederländische Schule, Mitte des 17. Jahrhunderts“ an. Doch kaum ist der Katalog für die Auktion am 17. Mai 2014 online, sind Kenner und Händler elektrisiert.

Zeigt der nach vorn drängende Junge oben rechts auf dem Gemälde nicht das Gesicht des 20-jährigen Rembrandt, das er bereits in jungen Jahren immer wieder von sich selbst gemalt und radiert hat? Sind nicht weitere Figuren bekannt von Drucken und Zeichnungen? Wie Rembrandts Vater im Hintergrund und die alte Frau, die man lange für Rembrandts Mutter hielt. Was noch keiner offen ausspricht: Handelt es sich um ein unbekanntes Frühwerk des berühmten Rembrandt van Rijn (1606-1669)?

Kleine Tricks zur Ablenkung

Davon ist einer jedenfalls sofort überzeugt: Der Amsterdamer Händler Jan Six, in seiner Heimat prominent als Spross einer traditionsreichen Kaufmannsdynastie, deren Stammvater Jan Six I. einst ein enger Freund von Rembrandt war und von ihm porträtiert wurde. Das Six-Gemälde ist noch in Familienbesitz und unverkäuflich. Aber zurück zum „neuen“ Rembrandt. Mariana Hanstein erinnert sich: „Jan Six rief an und bat um einen Termin außerhalb der öffentlichen Preview in Köln. Auf seinen Wunsch suchten wir seine ausgewählten 15 Bilder heraus und stellten sie auf dem Rollwagen hin. ,Lasset die Kinder zu mir kommen‘ schaute er sich eher nebenbei an.“

Jan Six bestätigt gegenüber WELT AM SONNTAG seinen kleinen Ablenkungstrick: „Natürlich will man bei einer solchen Entdeckung kein Aufsehen erregen.“

Ein anderer Interessent für das Gemälde meldet sich bei Lempertz für ein telefonisches Gebot. Aus Gründen der Tarnung nicht für das begehrte Teil, sondern für ein anderes Bild, das kurz vor dem entscheidenden Los 1174 an der Reihe ist. Der verblüfften Mitarbeiterin sagt er während der Auktion am Telefon: „Ach, nein, für das angemeldete Los biete ich doch nicht. Aber lassen Sie mich in der Leitung.“ Um dann mitzukämpfen um den Rembrandt, der zu dem Zeitpunkt noch keiner ist.

In einer anderen Leitung ist der New Yorker Kunsthändler Otto Naumann, und im Saal bietet ein Geschäftspartner von Six, der bei 1,5 Millionen Euro den Zuschlag erhält. Der Besitzer des Bildes in Berlin ist fassungslos vor Freude über den unverhofften Geldsegen. Und Six hat zusammen mit namentlich nicht bekannten Investoren ein Gemälde gekauft, das einen langen Weg vor sich hat. Der „Schläfer“, wie nicht erkannte oder falsch eingeschätzte Kunstwerke genannt werden, muss erst noch zum Rembrandt erweckt werden.

Halleluja, ein Rembrandt!

September 2018. Der Autor dieses Texts besucht Jan Six in dessen damaliger Galerie in der feinen Amsterdamer Herengracht vor dem inzwischen teilrestaurierten Bild. Die ersten Übermalungen aus späteren Jahrhunderten sind verschwunden. So steht die Rückenfigur eines Kindes neben Jesus Christus inzwischen ohne Kleidung da und zeigt uns den blanken Po.

Auf die Frage, ob der Kunsthistoriker und Rembrandt-Papst Ernst van de Wetering (verstorben 2021) das Gemälde akzeptiert habe, antwortet Six damals: „Ja, ich fragte ihn auch bei diesem Bild. Und natürlich ist es ein fantastisches Gefühl, wenn er sagt: ‚Ja, es ist ein Rembrandt.‘ Halleluja!“

Van de Weterings Zuschreibung wird jetzt im Sotheby’s-Katalog als „mündlich“ erwähnt. Warum gibt es keine schriftliche Expertise? „Für die Aufnahmen zur Dokumentation ‚My Rembrandt‘ hat Ernst vor der Kamera drei Stunden lang auf akademische und sehr brillante Art erklärt, warum es ein eigenhändiges Werk ist. Leider wurden viele Passagen in dem Film herausgeschnitten. Ein Fehler. Aber das Video existiert ja“, erklärt Six.

2. November 2019. Das weiterhin noch nicht zu Ende restaurierte Gemälde bekommt den Ritterschlag in der Ausstellung „Young Rembrandt“ in Leiden, der Heimatstadt des Künstlers, und anschließend in Oxford. Es wird als Rembrandt präsentiert mit einem Text des Kurators Christiaan Vogelaar, der vermutet, dass es sich um ein nicht vollendetes Frühwerk von circa 1627 handelt. Das auffällige Kolorit passe zur Anfangsphase von Rembrandt. Nach dessen Umzug nach Amsterdam habe möglicherweise ein anderer Maler wie etwa Claes Moeyaert Hand angelegt.

Nach den Ausstellungen verschwindet das Bild wieder in der Amsterdamer Restauratorenwerkstatt und wandelt sich weiter. Zwei im Vordergrund dargestellte Kinder fallen der Abnahme zum Opfer, andere Figuren erscheinen in neuem Licht. „Die letzten Jahre waren schwierig. Schicht um Schicht wurden Übermalungen abgetragen. Jeden Monat passierte etwas Neues. Die aktuelle Restaurierung der Rembrandt-Nachtwache im Rijksmuseum ist dagegen ein Kinderspiel“, scherzt Six.

Dass bei einigen Experten Zweifel herrschen, ob es sich tatsächlich um einen Rembrandt handelt und nicht um eine Collage mehrerer Rembrandt-Motive, kann Six überhaupt nicht verstehen: „Das ist idiotisch“, schimpft er. „Wer diesen Rembrandt anzweifelt, kann gleich 80 Prozent aller Rembrandts anzweifeln. Nein! Das Bild wird seinen Platz in der Kunsttheorie finden. Es erklärt uns Rembrandt.“

Espresso zum Abschied

Sotheby’s versteigert das Gemälde nun uneingeschränkt als von des Meisters Hand, inklusive möglicher Provenienzangaben, die bis ins frühe 17. Jahrhundert reichen. Allerdings gibt es ein Zeitloch zwischen Amsterdam 1663 und Berlin 1954. Als aktueller Inhaber wird ein Trust angegeben. Hat Six daran Anteile, was gehört ihm noch von der Leinwand? Auf diese Frage schweigt er. Geschäftsgeheimnis.

Bevor in London über dem Los 21 der Hammer fällt, ist das Werk bereits verkauft. Eine Garantie von nicht genannter Seite und Höhe liegt vor. Das bedeutet: Der Garantiegeber erwirbt das Bild, wenn es in der Auktion das Limit nicht übersteigt. Falls es teurer weggeht, partizipiert er üblicherweise an der Differenz über dem Limit.

Nach zwölf Jahren wird Jan Six nun also Abschied nehmen von seinem „Baby“ – auf seine spezielle Art: „Ich werde nach London fliegen und in aller Ruhe ohne Publikum zusammen mit meiner Lebensgefährtin Sarah einen Espresso vor dem Rembrandt trinken. Ihm Lebewohl sagen. So wie ich es bei jedem meiner Gemälde tue.“

Von einem No-Name-Altmeister-Schinken aus einer Berliner Mietwohnung zum Glanzstück einer bedeutenden Auktion in der Londoner New Bond Street – wie wird wohl die Karriere dieses Gemäldes weitergehen?

„Old Master & 19th Century Paintings and Sculpture Evening Auction“, 1. Juli 2026, Sotheby’s London

„Old Master & 19th Century Paintings and Sculpture Evening Auction“, 1. Juli 2026, Sotheby’s London

Vielleicht verpasst