Kriegschroniken

Zwei Präsidenten und das Gift der Geschichte

Zwei Präsidenten und das Gift der Geschichte

Ausgerechnet in Gdańsk, wo am Donnerstag Friedrich Merz, Ursula von der Leyen und viele andere Regierungschefs aus Europa millionenschwere Verträge mit der Ukraine unterschrieben, fehlte einer: Wolodymyr Selenskyj. Der ukrainische Präsident ist auf der größten internationalen Aufbaukonferenz für sein Land nicht zugegen. Aus seinem Umfeld heißt es, man habe seine Teilnahme nie zugesagt. Und da die Polen nur ihren Premier schicken, schicken die Ukrainer eben ihre Premierministerin. Denn ein anderer Präsident fehlt ebenfalls bei der Aufbaukonferenz: der Pole Karol Nawrocki, der sogar aus Gdańsk stammt.

Das ist auch deswegen erstaunlich, weil dort nicht nur über die Zukunft der Ukraine verhandelt und die Solidarität im fünften Jahr des Krieges vorgeführt wird. Es geht auch um Bauaufträge, auf die polnische Unternehmen hoffen. Und darum, Einigkeit zu zeigen. Weshalb das Fehlen von Selenskyj und Nawrocki keine diplomatische Formalie ist, sondern Symbolik. Und diese dürfte Russlands Führung freuen.

Der polnische und der ukrainische Präsident haben sich über die Geschichte zerstritten. Wie schon seine Vorgänger machte auch Selenskyj zuletzt mit der Vergangenheit Politik und benannte eine Einheit der heutigen Armee nach der ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), die im Zweiten Weltkrieg gegen die sowjetische Besatzung kämpfte und mit den Deutschen kollaborierte. Dafür hat ihm Nawrocki den höchsten polnischen Orden des Weißen Adlers aberkannt. Woraufhin ukrainische Politiker, darunter drei frühere Präsidenten, ihre Orden zurückgaben – und die Polen wiederum ihre ukrainischen Auszeichnungen.

In beiden Ländern ist der Freiheitskampf identitätsstiftend

Die Geschichte, die die beiden Präsidenten entzweit, hat sich im Zweiten Weltkrieg ereignet. Im heutigen Nordwesten der Ukraine, in Wolhynien, soll die UPA in den 1940er Jahren zigtausende polnische Zivilisten umgebracht haben – die polnische Untergrundarmee Armia Krajowa wiederum nahm daraufhin Rache an der ukrainischen Bevölkerung. Sie wird bis heute in Polen verehrt. Dort sieht man es als Teil des Kampfes für ein unabhängiges Polen. Dem einen ein Held, dem anderen sein Henker.

In Deutschland mag diese Eskalation überraschen, weil die Polen bislang als glühende Unterstützer der Ukrainer gelten. Das stimmt auch: Der russische Angriffskrieg hat Polen und Ukrainer zunächst eng zusammenrücken lassen. Die gegenseitigen Sympathiewerte stiegen auf Rekordhöhe. Doch es geht bei der polnisch-ukrainischen Solidarität um mehr als nur Gefühle, sie ist handfest: Über den Militärhub Rzeszów im Südosten Polens wird nahezu die gesamte westliche Militärhilfe für die Ukraine abgewickelt. Und in beiden Ländern ist der Freiheitskampf gegen die Großmächte identitätsstiftend. Nahezu gleich beginnen heute die Nationalhymnen beider Länder: »Noch ist Polen nicht gestorben, solange wir leben« und »Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben. Noch wird uns, jungen Ukrainern, das Schicksal lächeln.«

Die Gemeinsamkeiten gehen tief, wären da nur nicht das Gift der Geschichte, die Traumata des 20. Jahrhunderts wie eben die Geschehnisse in Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs.

Nawrocki ist bereit, mit dem Erbe aller polnischen Präsidenten zu brechen

In dem Buch »Duduś« über Andrzej Duda, der bis 2025 Präsident Polens war, beschreibt der Journalist Jacek Gądek Selenskyjs Besuch bei Duda im Jahr 2019 und wie wenig Selenskyj über das Verbrechen wusste. Das war nicht weiter verwunderlich, schreibt der Autor: Selenskyj stammt aus einer jüdischen Familie aus dem Osten der Ukraine und verbrachte einige Zeit in Russland – Wolhynien war für ihn weit weg. Er schlug vor, einen riesigen Grabhügel an der polnisch-ukrainischen Grenze aufzuschütten, ein Denkmal, ein bisschen Gedenken und fertig. Das ist eine aus polnischer Sicht groteske Idee.

Duda war ein überzeugter Unterstützer der Ukraine und konnte auf Selenskyj einwirken. Im Januar 2025 begannen die Exhumierungen der polnischen Opfer in Wolhynien, gegen die sich die Ukraine lange sperrte. Langsam ging es voran. Dann wurde Karol Nawrocki gewählt: Ein Historiker mit einer dubiosen Vergangenheit in der rechten Hooliganszene, für den Geschichte vor allem eine Waffe war. Im Wahlkampf nutzte er antiukrainische Ressentiments und kündigte einen anderen Ton gegenüber der Ukraine an.

Nawrocki trat für die Konservativen an, doch von Beginn an wollte er anschlussfähig sein für die Rechtsextremen in Polen, die bei den Parlamentswahlen nächstes Jahr eine wichtige Kraft werden könnten. Dafür ist Nawrocki bereit, mit dem Erbe aller polnischen Präsidenten der dritten polnischen Republik zu brechen: dass die Ukraine ein wichtiger Partner ist und ein Freund. Trotz falscher Helden. Und trotz Wolhynien, das viele Polen als Völkermord bewerten, viele Ukrainer aber allenfalls als Tragödie sehen.

Vielleicht verpasst