DIE ZEIT: Herr Bojowald, gibt es Zeit?
Martin Bojowald: Ja, die gibt es auf jeden Fall. Wir können die Zeit messen, wir haben Methoden dafĂŒr. Praktisch gesehen gibt es die Zeit.
ZEIT: Es gibt in den Naturwissenschaften den Versuch, Zeit klar zu definieren â was mir gelegentlich gar nicht so einfach zu sein scheint. Was genau ist Zeit eigentlich, aus der Sicht eines Profis?
Bojowald: Wir reden stĂ€ndig ĂŒber die Zeit, es klingt völlig selbstverstĂ€ndlich â aber wenn man genau hinsieht, ist es alles andere als leicht, Zeit wirklich zu definieren oder sie direkt zu messen. TatsĂ€chlich haben wir keine wirklich gute Definition von Zeit, selbst wenn man die Mathematik einbezieht. Das ist das Seltsame: Die Zeit ist eine der alltĂ€glichsten Erfahrungen â und trotzdem schwer zu fassen. Denn eigentlich können wir keinen einzigen Zeitpunkt direkt messen. Alle Messmethoden, ob alte mechanische Uhren oder moderne Atomuhren, messen immer etwas anderes: die Position eines Uhrzeigers, eine Schwingungsfrequenz, eine Energie. Das alles sind Stellvertreter â aber nicht die Zeit selbst.
ZEIT: Wenn ich eine Raumdistanz messe, kann ich einen Meterstab nehmen und sagen: Dieser Tisch ist soundso groĂ, er hat diese eine konkrete Eigenschaft. Bei der Zeit ist das anders: Man misst eigentlich VerĂ€nderungen von Materie im Raum und nennt das dann »Zeit«?
Bojowald: Ja. Oder wenn wir sagen »Jetzt« â wie spĂ€t ist es jetzt? â, dann ist dieses »Jetzt« dadurch definiert, dass wir uns vielleicht gerade treffen. Was letztlich auch wieder eine Positionsangabe ist.
ZEIT: Es ist eher ein Ort als tatsÀchlich die Zeit.
Bojowald: Genau.
ZEIT: Aber ist die Frage dann wirklich so einfach mit Ja zu beantworten? Ich erinnere mich an Studienzeiten: In der Newtonschen Mechanik, die man in der Schule lernt, war die Zeit schon da als eingebauter Parameter. Aber sie ist nicht zwingend nötig, um das Universum zu beschreiben. Man könnte auch mit einem Daumenkino arbeiten, einer bloĂen Abfolge von ZustĂ€nden. Man braucht die Zeit nur als Hilfsvariable. Stimmt diese Sichtweise?
Bojowald: Es gibt die Vorstellung des sogenannten Blockuniversums: Das Universum ist demnach nicht etwas, das sich wie ein Film zeitlich abspielt â sondern ein Objekt, das eine zusĂ€tzliche Dimension hat, die wir durch die Zeit beschreiben. Mathematisch mĂŒsste man diese Zeitabfolge nicht berĂŒcksichtigen; es könnte einfach wie eine zusĂ€tzliche Raumdimension sein, mit etwas anderen Eigenschaften. Aber dem, was wir als den Fortschritt in der Zeit erleben, diesem Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft â dem können wir nicht ausweichen. Wir können uns nicht in der Zeit zurĂŒckbewegen. Und das ist eine der groĂen Schwierigkeiten, auch mathematisch: Die meisten Gleichungen, die wir benutzen, funktionieren vorwĂ€rts und rĂŒckwĂ€rts in der Zeit auf die gleiche Weise. Es ist sehr schwer zu zeigen, warum es nur in die Zukunft weitergehen kann.
ZEIT: Einstein und Kollegen haben gezeigt, dass Raum und Zeit verknĂŒpft sind. Zeit verlĂ€uft nicht immer gleich schnell â sie ist formbar wie Knetmasse. Wenn ich mich relativ zu Ihnen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit bewege, habe ich eine andere Zeit als Sie. Daran haben wir uns vielleicht gewöhnt; im konkreten Alltag spielt es ohnehin selten eine Rolle. Aber dass die Zeit als einzige dieser Dimensionen nur in eine Richtung zu flieĂen scheint â ist das inzwischen gelöst?
Bojowald: Nein, das wird noch immer diskutiert. Eine Möglichkeit, warum das so schwierig ist: Vielleicht spielt die schiere Zahl der Atome und Elementarteilchen im Universum eine Rolle. Wenn man einen einfachen Anfangszustand annimmt â vielleicht einen sehr homogenen wie zu Beginn des Universums â, dann werden sich die Bestandteile unterschiedlich bewegen und unterschiedliche gröĂere Strukturen bilden: Sterne, Galaxien. Dadurch wird alles komplizierter, komplexer. Es bildet sich mehr Entropie, in der thermodynamischen Sprache formuliert.
ZEIT: Also mehr Unordnung.
Bojowald: Ja. Und das ist sehr schwer zu verstehen, weil einfach so viele Bestandteile dabei sind. Allerdings hĂ€ngt es dann auch wieder von der Annahme ab, dass der Anfangszustand sehr einfach gewesen sein sollte. Dadurch wird diese Zeitasymmetrie mit ins Spiel gebracht. Und auch das kann man nur schwer erklĂ€ren, weil der Anfangszustand eben sehr dicht war â wenn man das Urknallmodell benutzt.
ZEIT: Da sind Sie jetzt höflich, weil Sie nicht dem Urknallmodell anhÀngen.
Bojowald: Das Urknallmodell als physikalische Phase im Universum ist durch indirekte Messungen sehr gut bestÀtigt. Aber die Frage ist, ob es regulÀr oder mit einer SingularitÀt angefangen hat.
ZEIT: Der Urknall ist in Ihren Augen nicht die ganze Geschichte. Aber ich muss noch einmal versuchen zu verstehen, was Sie gerade gesagt haben: Wenn das Universum wie ein hoch geordneter Kristall gewesen wĂ€re, statisch â wĂ€re es dann so, dass die Zeit vorwĂ€rts und rĂŒckwĂ€rts hĂ€tte flieĂen können, damals, als die Entropie noch keine so groĂe Rolle spielte?
Bojowald: Es wÀre schon zu unserer normalen Zukunft weitergelaufen, aber es wÀre vielleicht weniger merkbar gewesen, wenn es damals Messungen gegeben hÀtte.
ZEIT: Dinge tendieren dazu, unordentlicher zu werden. Ein Glas zerspringt, aber es setzt sich nie von selbst wieder zusammen. Eine verbreitete Theorie besagt: Die Entropie â das MaĂ fĂŒr Unordnung â nimmt im Universum stetig zu, und genau das erzeugt unsere Wahrnehmung, dass die Zeit nur in eine Richtung flieĂt. Sie sind von dieser ErklĂ€rung nicht ĂŒberzeugt?
Bojowald: Nein, denn wenn man den Gedanken wirklich konsequent zu Ende verfolgt, wird er zirkulĂ€r. Um ein Glas fallen zu lassen und zerbrechen zu sehen, braucht man ja bereits eine Zeitrichtung â ein Vorher und ein Nachher. AuĂerdem setzt die ErklĂ€rung voraus, dass der Anfangszustand geordneter war als das, was danach kommt. Aber woher weiĂ man, was »danach« ist, wenn man die Zeitrichtung erst noch begrĂŒnden will?
NatĂŒrlich ist die zunehmende Unordnung einer der wichtigsten GrĂŒnde, warum wir eine Zeitrichtung erleben â Dinge verĂ€ndern sich, sie zerbrechen, sie kehren nicht in ihren Ausgangszustand zurĂŒck. Aber das ist im Grunde eine Beobachtung, die wir rĂŒckwĂ€rts zur ErklĂ€rung umdeuten: Wir nehmen unsere alltĂ€gliche Erfahrung und versuchen, daraus ein fundamentales Prinzip fĂŒr den Zeitpfeil abzuleiten.
Mathematisch steckt darin ein grundsĂ€tzliches Problem: Wenn man zeigen will, dass eine GröĂe wie die Entropie in eine bestimmte Richtung wĂ€chst, muss man diese Richtung schon kennen. Man muss bereits wissen, wo »Zukunft« ist. Als endgĂŒltige ErklĂ€rung fĂŒr die Zeitrichtung taugt das deshalb nicht.
ZEIT: Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich verstanden habe, warum die Zeit nur in eine Richtung flieĂt.
Bojowald: Das habe ich auch nicht verstanden.
ZEIT: Aber wenn Sie es nicht verstanden haben â wer sonst auf diesem Planeten sollte es verstehen?
Bojowald: Es ist eine Beobachtung, die wir machen und der wir nicht ausweichen können: Wir mĂŒssen immer weiter in Richtung Zukunft gehen. In der Physik versuchen wir, das zu erklĂ€ren. NatĂŒrlich wĂ€re es interessant, wenn wir irgendwo eine LĂŒcke finden könnten â und sehen wĂŒrden, dass man vielleicht doch in die Vergangenheit zurĂŒckkehren könnte, wenn man es richtig anstellt. Aber das ist bisher nicht gelungen.