Wirtschaft

Als Vance von den Spritpreisen spricht, wird das MAGA-Publikum plötzlich skeptisch

Als Vance von den Spritpreisen spricht, wird das MAGA-Publikum plötzlich skeptisch

Hicksville, eine Stunde nördlich von New York City. Vor vielen der weiß gestrichenen Vorstadthäuser hängen amerikanische Flaggen im XXL-Format, an Dutzenden Laternen wurden Wahlplakate angebracht. In dem 44.000-Einwohner-Ort auf Long Island hat man sich auf die anstehenden Vorwahlen eingestellt. 2024 erzielte Trump hier im Nassau County eine hauchdünne Mehrheit gegenüber seiner Konkurrentin Kamala Harris – ungewöhnlich für den eigentlich „blauen“ Bundesstaat New York.

Es sind umkämpfte Wahlkreise wie diese, die bei den Midterm-Wahlen über wichtige Sitze entscheiden könnten. Am Mittwoch ist Hicksville im Ausnahmezustand. Hunderte Sicherheitskräfte und der Secret Service haben die Gold-Coast-Filmstudios abgeriegelt, wo rund 1000 Menschen auf den Auftritt des Vizepräsidenten J.D. Vance warten.

Als dieser schließlich mit einer Dreiviertelstunde Verspätung auf die Bühne kommt, wird er vom Publikum mit „USA-USA“-Rufen begrüßt. Viele, die gekommen sind, tragen „MAGA-Kappen“ und „Trump-47“-Shirts: Accessoires, die man im benachbarten New York City kaum zu Gesicht bekommt. Hier, in den wohlhabenden Vororten des „Big Apple“ ticken viele Amerikaner konservativ – doch auch unter ihnen sind die Zweifel am Kurs des Weißen Hauses größer geworden, wie der Besuch von Trumps Vize zeigt.

In seiner Rede spricht der 41-Jährige zunächst sehr lange darüber, was er von Thomas Suozzi, dem demokratischen Kongressabgeordneten des Wahlkreises, hält – nämlich nichts. Er glaube fest daran, dass bei den Wahlen stattdessen der republikanische Kandidat triumphieren könne, ruft er. Als es schließlich um das Thema geht, was die Amerikaner derzeit wohl am meisten umtreibt, fasst sich Vance hingegen extrem kurz. „Wegen der Situation im Nahen Osten sind die Benzinpreise etwas gestiegen“, sagt er – nun mit leiserer Stimme.

Es ist eine ziemliche Untertreibung dessen, was sich in den vergangenen Monaten im Zuge der Blockade in der Straße von Hormus an den Tankstellen abgespielt hat. Die Preise stiegen teilweise um bis zu 40 Prozent. Auch Lebensmittel in den USA wurden erneut teurer, weil die Preise für Diesel und Dünger ebenfalls nach oben geschossen sind.

„Aber nun sinken die Benzinpreise bereits wieder – haben Sie das bemerkt?“, sagt Vance auf der Bühne. „50 Cent weniger pro Gallone in den letzten Wochen.“ Es ist ein schwacher Trost des Vizepräsidenten. Das Publikum, das ihm an anderen Teilen der Rede zujubelt, klatscht bei dieser Passage nur vereinzelt, viele der Zuschauer runzeln die Stirn.

Diese Skepsis ist keine Überraschung. Selbst unter vielen glühenden Anhängern der Trump-Regierung ist der Iran-Krieg extrem unbeliebt, wie Umfragen zeigen – vor allem wegen seiner ökonomischen Folgen. Und schon vor Ausbruch des Krieges war klar: Die Midterms werden zu einer Abstimmung über die Frage, ob Donald Trump den Amerikanern ein günstigeres Leben verschafft hat, so wie er es im Wahlkampf versprochen hat. Bislang sieht es ganz und gar nicht danach aus.

Seit der Eskalation des Konflikts im Frühjahr ist die Inflation deutlich angesprungen. Laut U.S. Bureau of Labor Statistics stieg die jährliche Teuerungsrate im April auf 3,8 Prozent, im Mai weiter auf 4,2 Prozent – den höchsten Stand seit April 2023. Besonders stark legten Treibstoff und Energie zu: Im April lagen die Treibstoffpreise um 28 Prozent über dem Vorjahr, die gesamten Energiekosten um 17,9 Prozent. Lebensmittel verteuerten sich im gleichen Zeitraum um 3,2 Prozent; im Mai lag die Lebensmittelinflation bei 3,1 Prozent, nachdem sie im April bereits auf 3,2 Prozent angesprungen war.

Doch auch schon vor dem Iran-Krieg stiegen die Preise an – entgegen der Versprechen von Trump und Vance. Erst verteuerten die Zölle das Leben in den USA. Studien haben gezeigt, dass der größte Teil der Unternehmen die gestiegenen Kosten einfach an die Kunden weitergab. Nun aber sind die Ölpreise der Treiber. Mit Beginn des Iran‑Kriegs schoss der Preis für ein Barrel Brent binnen kurzer Zeit um rund 50 Prozent nach oben; erstmals seit Jahren wurde wieder die Marke von 100 Dollar pro Barrel überschritten.

Jetzt, da die Unterzeichnung des „Friedensdeals“ vollzogen ist, sind die Preise wieder gesunken. Doch Ökonomen gehen davon aus, dass sich der Ölpreis dauerhaft in einer deutlich höheren Bandbreite einpendelt, allein schon, weil viele Raffinerien in der Region durch iranische Raketen beschädigt wurden. Statt 65 Dollar wie vor dem Krieg werden 80 bis 90 Dollar pro Barrel zur neuen Normalität, sagt beispielsweise Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank (HCOB).

Beim Öl ist demnach eher mit einem zähen Rückgang auf ein erhöhtes Plateau zu rechnen als mit einer Rückkehr zu den niedrigen Preisen der Vorjahre. Die „zweite Welle“ der Teuerung läuft über Lebensmittel – höhere Diesel- und Kerosinkosten treiben Frachtpreise, gleichzeitig verteuern teure Düngemittel die Agrarproduktion.

Das zentrale Gegenargument der Trump-Regierung sind die Steuersenkungen. „Wir haben den größten Steuererlass für Arbeiter und die Mittelschicht in der amerikanischen Geschichte veranlasst“, sagt Vance auf der Bühne. Tatsächlich verlängerte die „One Big Beautiful Bill“ die Steuersenkungen aus Trumps erster Amtszeit dauerhaft, wovon jedoch überwiegend Unternehmen profitieren. Dazu kamen weitere Entlastungen, etwa die Streichung von Steuern auf Trinkgelder und Überstunden. Nach Berechnungen des Thinktanks Tax Policy Center werden die Steuern für viele Haushalte aufs Jahr gerechnet tatsächlich im vierstelligen Bereich sinken. Wie stark genau ist allerdings noch unklar.

Trump hat dasselbe Problem wie einst Joe Biden

Die Verteilungswirkung dürfte laut einer Berechnung der Universität Pennsylvania jedoch extrem ungleich ausfallen. Fast 60 Prozent der Entlastung gehen wohl an Menschen mit Jahreseinkommen von rund 217.000 Dollar oder mehr, während die ärmsten zehn Prozent der Haushalte im Gegenzug netto rund 1600 Dollar pro Jahr verlieren. Weil parallel bei Lebensmittelhilfen, Schulessen und Zuschüssen für Einkäufe armer Familien gespart wird.

Gleichzeitig rechnet das Congressional Budget Office damit, dass der US‑Staatshaushalt durch das Paket in zehn Jahren mit zusätzlichen 3,3 Billionen Dollar belastet wird, mehr als zehn Prozent des BIP. Schulden, die künftig entweder mit höheren Steuern oder Einsparungen an anderer Stelle bezahlt werden müssen.

Vor allem den oberen Einkommensschichten kommen die Steuerpläne zugute, wie eine Berechnung des Tax Policy Centers (TPC) zeigt. Sie profitieren überproportional von niedrigeren Steuern, weil höhere Benzin- und Lebensmittelpreise nur einen vergleichsweise kleinen Anteil ihres Budgets ausmachen.

Für Durchschnitts- und Geringverdiener jedoch fressen die massiv gestiegenen Kosten für Energie, Lebensmittel und Gesundheitsleistungen die formale Steuerentlastung mehr als auf – zumal sie gleichzeitig von Kürzungen im sozialen Sicherungsnetz betroffen sind.

Ob die Demokraten von Trumps Versprechen bei den Wahlen profitieren können, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Viele erinnern sich noch allzu gut an die Amtszeit von Joe Biden, als die Teuerungsrate plötzlich zweistellig war. Je näher die Wahlen rücken, desto mehr wird aber klar: Das einstige Inflationsproblem von Joe Biden ist nun das Problem von Donald Trump. Die Erzählung von der „Biden-Flation“ verfängt bei vielen Amerikanern schlichtweg nicht mehr. Kein Wunder, dass auch der Vizepräsident auf diese Art von Rhetorik mittlerweile verzichtet.

Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.

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