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Der Roman über den 4. Juli, der schon vor 30 Jahren die Krise Amerikas erspürte

Der Roman über den 4. Juli, der schon vor 30 Jahren die Krise Amerikas erspürte

Es war wohl von Anfang an nicht die allerbeste Idee, das Vater-Sohn-Wochenende zu einer Nachhilfestunde in amerikanischer Geschichte zu machen. Frank Bascombe, der Erzähler von Richard Fords Roman „Unabhängigkeitstag“ (1995), will das Wochenende vor dem großen Feiertag (im Jahr der Handlung 1988 fiel der 4. Juli auf einen Montag) zu einer Bonding-Tour mit seinem 15-jährigen Sohn Paul nutzen, der nach der Scheidung bei der Mutter lebt.

Paul wurde beim Kondomklau erwischt und steckt überhaupt in einer Krise. Zur seelischen Stärkung plant der Vater, ihm die geistigen Grundlagen der Vereinigten Staaten zu vermitteln. Der Unabhängigkeitstag ist Bascombes „liebster weltlicher Feiertag, weil er erstens so öffentlich ist und zweitens implizit das Ziel hat, uns so zurückzulassen, wie er uns vorgefunden hat: frei“. Die Reise soll zu zwei Gedenkorten amerikanischer Nationalsportarten führen: zur Basketball Hall of Fame in Springfield, Massachusetts, und zur Baseball Hall of Fame in Cooperstown, New York.

Bascombe, von Beruf Immobilienmakler und auch sonst von der gründlichen Sorte, hat dem Sohn zur Vorbereitung gleich zwei Lektüren aufgegeben: Ralph W. Emersons „Selbstvertrauen“ – einen Grundlagentext zum amerikanischen Individualismus – und Carl Beckers ideengeschichtliches Standardwerk zur Declaration of Independence. Ganz schön harter Stoff für einen 15-Jährigen, aber der Vater ist in seinem Idealismus nicht zu bremsen.

Seiner aktuellen Partnerin erzählt Bascombe am Telefon von seiner bahnbrechenden Lektüreerkenntnis, dass es den Gründungsvätern der USA nicht um „Rebellion“ gegangen sei. Das sei das falsche Wort gewesen. „‚Erstaunlich, was?‘ Sie seufzte: ‚Und was war das richtige Wort?‘ – ‚Oh. Vernunft. Natur. Fortschritt. Der Wille Gottes. Karma. Nirwana. Das alles bedeutete für Jefferson und Adams und diese Leute so ziemlich dasselbe. Die waren schlauer als wir.‘ – ‚Ich dachte, da wär mehr dran gewesen‘, sagte sie.“

Der Charme von Fords Bascombe-Romanen (nach seinem Durchbruch 1986 mit „Der Sportreporter“ folgten nach „Unabhängigkeitstag“ noch drei weitere im Abstand von jeweils gut einem Jahrzehnt) besteht nicht zuletzt in der ironischen Diskrepanz zwischen der elaborierten, zynisch-klugen, zugleich auch naiven Gedankenwelt der Hauptfigur und der sozialen Realität.

Schon in den späten 80ern wollte die heile Mittelschichtswelt der besseren Ostküstenviertel nicht mehr ganz zur „Lage des Landes“ (so ein weiterer Romantitel Fords von 2007) passen. Die politische Polarisierung, die heute die USA zu zerreißen droht, war schon damals in Ansätzen sichtbar. Der Kitt der hehren Verfassungsideale, die Urideen von Freiheit und „Pursuit of Happiness“, stießen schon an Grenzen. Das spiegelt der Roman etwa in seiner satirischen Nebenhandlung um ein junges Paar, das ein Haus kaufen will.

„Unabhängigkeitstag“ wurde bei Erscheinen Mitte der 90er als Great American Novel gefeiert und festigte Fords Ruhm als Deuter der Gegenwart. Dass der Trip mit dem Sohn in einer Katastrophe – einem schweren Sportunfall ausgerechnet in der Baseballweihestätte – endet, hat zwar nicht direkt mit dem Niedergang Amerikas zu tun, aber es ist doch ein Menetekel. Unabhängigkeit, äußere wie innere, ist ein bedrohtes Gut, um das in jeder Lebensphase hart gerungen werden muss.

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