Kultur

„Die Männer sind alle krank, wussten Sie das nicht?“

„Die Männer sind alle krank, wussten Sie das nicht?“

Am 25. Juni 1926 wurde Ingeborg Bachmann geboren. Die Österreicherin war die Ikone der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, mit Gedichtsammlungen wie „Die gestundete Zeit“ ein gefeierter Star der 1950er Jahre, etwa auf dem Cover des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Später verzieh ihr der Literaturbetrieb nicht, dass sie neben Lyrik auch feministische Prosa („Malina“) schrieb, Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki nannte sie eine „gefallene Lyrikerin“.

Als Geliebte von Paul Celan, Max Frisch und Hans Magnus Enzensberger sorgt sie bis heute für Klatsch, als Namensgeberin steht sie für den Ingeborg-Bachmann-Preis, den jährlich ausgetragenen Literaturwettbewerb in Klagenfurt – in diesen Tagen zum 50. Mal. Und jetzt ist Bachmann auch noch Sandra Hüller geworden. Oder vice versa?

„Sie spielt sie nicht, sie nähert sich ihr an“, sagt Regisseurin Regina Schilling über ihr Filmporträt, das unter dem Titel „Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war“ zum 100. Geburtstag in die Kinos kommt. Eine „Geisterbeschwörung, eine Art Séance“ will Schillings Annäherung sein. In den ersten Minuten sehen wir, wie Sandra Hüller in ihrer Garderobe die blonde Bachmann-Perücke aufsetzt und in ihre Rolle schlüpft. Doch es gibt in Schillings Film zum Glück keine Spielszenen, in denen Hüller als Bachmann mit anderen Figuren in Interaktion tritt.

Es ist keines dieser sattsam bekannten Dokudramen, die mit hölzernen Informationsdialogen nachstellen, was Archivalien nicht hergeben. In diese Falle tappt die versierte Regisseurin Schilling, die spätestens seit „Kulenkampffs Schuhe“ (2018) zu den originellsten deutschen Dokumentarfilmerinnen gehört, nicht. Hüller huscht als Bachmanns Geist durchs Bild. Die Schauspielerin bekam, wie man hört, während des Drehs die gleichen Bachmann-O-Töne aufs Ohr, die wir als Zuschauer aus dem Off hören. Eine reine Einfühlungs-Pantomime in Werk und Schöpferin ist „Ingeborg Bachmann. Jemand, der einmal ich war“ dennoch nicht.

Der Film stellt sich einen imaginären Tag während Bachmanns Lebensphase in Rom vor, also irgendwann vor dem tragischen Brandunfall, an dessen Folgen die Dichterin am 17. Oktober 1973 starb. Wir sehen die blondierte Hüller-Bachmann jener Jahre, ganz privat, allein, in ihrer Wohnung. Die Dichterin sitzt im Morgenmantel auf der Terrasse. Raucht. Rückt Stühle zurecht. Geht barfuß über kühlen Steinfußboden.

Einmal macht sie Tanzgymnastik am Tiber. Einmal geht sie Zeitungen holen, ähnlich wie die echte Ingeborg Bachmann, die beim Gang zum Kiosk gefilmt wurde. Und einmal steigt Hüller ins Auto – einen beigefarbenen Alfasud 1.2 (Running Gag unter deutschen Autofans: Schon zwischen Werksauslieferung und Ankunft zu Hause setzt die stylishe Karre Rost an). Durch ein Spalier aus Schirmpinien fährt sie hinaus aus Rom, nach Cerveteri, wo sie eine etruskische Nekropole besucht (auch die echte Bachmann war da). Einmal geht Hüller schwimmen. Nur ans schrill läutende Telefon in ihrer Wohnung geht sie nie. Wer ruft da an? Ist es Max Frisch, ihr Ex? Ist es Heinrich Böll, der für jeden Italienurlaub schamlos Tipps einholte? Oder ist es Marcel Reich-Ranicki, um sich zu entschuldigen?

Vielleicht rufen auch die Geister der Nachwelt an, die heute alle ein bestimmtes Bachmann-Bild propagiert oder protegiert wissen wollen. Ein einziges Mal nimmt Hüller/Bachmann den Hörer doch ab und sagt diesen Satz: „Nein, ich kann nicht fahren morgen.“

Schilling ist eine meisterhafte Séance gelungen, halb Dokumentation (klassisch montiert aus Archivmaterial), halb stummes Spiel. Sie formt ein vielstimmiges Bild aus Bachmann-Original-Interviews („Die Männer sind alle krank, wussten Sie das nicht?“), poetischen Werkzitaten – mal von Bachmann selbst, mal von Hüller aus dem Off gesprochen – und Stimmen von Weggefährten wie Paul Celan, Max Frisch und Hans Werner Henze.

Überhaupt, die Perlen aus den Archiven: Einmal sehen wir eine Schulfunk-ähnliche Szene mit dem berühmten Rhetorik-Professor Walter Jens, der ein Bachmann-Gedicht interpretiert. Ein anderes Mal hören wir – zu historisch entrückten Schwarz-Weiß-Bildern von der Literatenvereinigung Gruppe 47 – Sätze von Reich-Ranicki, die fast ebenso aus der Zeit gefallen wirken: „Offenbar gibt es gewisse Berufe, gewisse Formen der Äußerung, die den Frauen eben schwerer fallen. Und in der Literatur, in der deutschen Literatur, fällt es besonders auf, dass die Zahl der Frauen sehr gering ist. Wenn wir anfangen, aufzuzählen, sind wir gleich zu Ende. Wir beginnen mit Annette von Droste-Hülshoff und kommen bei Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann an und unterwegs sind zwölf, dreizehn Namen. Mehr nicht.“

Peng. Regina Schilling ist eine eindrucksvolle Montage gelungen, die neben Bachmanns Werk auch und nicht zuletzt die damalige Literaturepoche zum Klingen bringt. Es ist kein wohlfeiles Porträt, das Bachmann von heute her als Opfer stilisiert. Sondern ein tastendes Bild, das den Menschen hinter der Dichterin nicht vergessen lässt.

„Ingeborg Bachmann. Jemand, der einmal ich war“. Ab 25. Juni im Kino

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