Selten hat ein Spiel so viel Stirnrunzeln ausgelöst – selbst bei einem, der im Handball eigentlich alles kennt: Stefan Kretzschmar (53). Noch vor dem Anpfiff ringt der Dyn-Experte sichtbar um Worte, spricht von einer „komischen Ausgangssituation“ – und trifft damit den Kern eines Abends, der so gar nicht in das klassische Muster von Sieg und Niederlage passen will. Denn während die Füchse Berlin ihrer Favoritenrolle gerecht werden und sich mit einem 39:28 (18:16) souverän die Vizemeisterschaft sichern, verliert die MT Melsungen – und wahrt paradoxerweise genau dadurch die Chance auf die Champions League. Denn als Sieger der European League ist Melsungen für die Königsklasse qualifiziert. Das Ticket wäre aber weg gewesen, wenn die MT die Füchse von Platz 2 gestoßen hätte und Berlin dann die Champions League gewonnen hätte.
Kurios wird es schon vor der Partie: Melsungens Torhüter Nebojsa Simic (33) meldet sich zu Wort und weist die Kritik an seinem Verein zurück. Simic selbst hatte nach dem Euro-Sieg seine Saison für beendet erklärt und so Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Auf Instagram schreibt er direkt vor dem Anpfiff: „Ich möchte die Handballöffentlichkeit bitten, sich mit respektlosen Kommentaren zurückzuhalten. Niemand geht jemals in ein Spiel, um zu verlieren. Das widerspricht den olympischen Grundwerten des Sports. Das wird gegen Berlin nicht anders sein.“ Simic baut in seinem Statement auch direkt dafür vor, dass Melsungen nicht mit voller Kapelle auf der Platte steht: „Wer auch heute Abend für Melsungen auf dem Feld steht, wird wie immer mit ganzem Herzen spielen, denn wir sind ein ehrenhafter und fairer Verein. Jeder, der fit und einsatzfähig ist, wird heute Abend 100 Prozent geben.“
Handball: Melsungen feiert verlorenes Spiel, Kretzschmar erlebt den wohl verrücktesten Showdown
Als es losgeht, fehlen Timo Kastening (Fersenprobleme), Erik Balenciaga (in Spanien, seine Frau erwartet ihr erstes Kind), Torwart Simic selbst, David Mandić und Vlad Kulesch (verletzt, angeschlagen). Dyn-Experte Stefan Kretzschmar (53): „Ich weiß auch noch nicht, was ich mit dem Spiel anfangen soll. Es ist und bleibt eine komische Ausgangssituation. Mein Gefühl sagt mir, Trainer Roberto García Parrondo will hier gewinnen, das ist in seiner DNA. Aber gewinnt die MT wirklich und sind dann nicht in der Champions League, würden wir alle sagen: Wie dumm ist Melsungen. Das Spiel ist extrem unglücklich, und lösen müssen das jetzt die Berliner.“
In der ersten Halbzeit macht Melsungen den Berlinern mit ihrem unangenehmen 7‑gegen‑6‑Angriff das Leben schwer. Von Abschenken keine Spur. Kretzschmar: „Die haben Bock, die Füchse zu schlagen.“ Melsungens Dimitri Ignatow bei Dyn: „In der zweiten Halbzeit hatten wir einfach keine Kraft mehr, ihr Tempospiel aufzuhalten. Wir können den Euro-Titel schon kaum realisieren, wenn das mit der Champions League stimmt, jeder sagt ja was anderes, dann wäre das der Wahnsinn für uns.“
Melsungens Kapitän Timo Kastening bei Dyn: „Wer sagt, dass dieses Spiel kein Thema bei uns war, lügt. Aber unser Trainer hat es nicht zum Thema gemacht. Wir haben im Sinne des Sports gespielt.“ Melsungens Vorstandssprecher Andreas Mohr: „Sollten wir es in die Champions League schaffen, wäre das die Kirsche auf der Sahnetorte.“ Kretzschmar resümiert ehrlich am Mikro: „Für mich haben die Melsunger das Spiel nicht abgeschenkt, jedenfalls nicht sichtbar. Sie haben sich nicht hängen lassen, eine nahezu fehlerfreie erste Halbzeit gespielt, und die Füchse haben in der zweiten Halbzeit eben die Fehler gnadenlos bestraft.“