Linkssein hat nicht gerade Konjunktur, ist auch nicht mehr chic. Zu Recht. Lange glaubten zu viele Linke an einen ranzigen Sozialismus, hielten den Rechtsstaat für keine Errungenschaft und sahen über die Verbrechen im Namen der großen Idee hinweg. Doch es gibt Linke, die auch heute noch etwas zu sagen haben. Zu ihnen gehört der aus dem Waldviertel stammende Österreicher Richard Schuberth.
Er hat Gedichte, Romane, Drehbücher, Dramen und Essays geschrieben. War Kabarettist, Musikkritiker, hat ein Musikfestival ausgerichtet. Und ist Autor einer umfangreichen, elegant geschriebenen Geschichte des griechischen Unabhängigkeitskampfes im 19. Jahrhundert („Lord Byrons letzte Fahrt“), die sich strikt der Verklärung nationaler Erhebungen enthält. Nicht zuletzt ist Schuberth ein leidenschaftlicher Zeitdiagnostiker in der Tradition von Karl Kraus bis Wolfgang Pohrt, zum Teil auch im Hang zu giftiger Übertreibung. Besonders hat er es auf den empörenden, aber nicht wirklich überraschenden Antisemitismus seiner eigenen Leute, der Linken, abgesehen.
Auch Zahlen sprechen: Von 2015 bis 2022 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen 140 Resolutionen, in denen Israel kritisiert oder verurteilt wurde. Dagegen stehen 68 Verurteilungen aller anderen Nationen zusammengenommen. Woher rührt diese manische Fixierung auf den Judenstaat sowie der unerklärte Antisemitismus ohne schlechtes Gewissen?
Wie viele vor ihm kann auch Richard Schuberth dieses ewige Rätsel nicht lösen. Aber er macht verständlich, warum Juden fast überall in der Welt nicht als normale Zeitgenossen wie alle anderen wahrgenommen werden. Seit eh und je scheint eine Regel zu gelten: Was immer Juden tun, es wird gegen sie ausgelegt. Als man sie zwang, von Geldgeschäften zu leben, wurden sie zu Symbolgestalten der kommerziellen Gier. Als sie zum Ghetto verurteilt wurden, galten sie als verschlossen. Als sie im Bürgertum reüssierten, standen sie für gemeinschaftszersetzenden Individualismus. Die Staatsgründung Israels wurde ihnen, so Schuberth im Epilog des Buches, als Verrat vorgeworfen „an der faszinierenden Wurzellosigkeit der Moderne, für die sie zuvor verfolgt wurden“.
Schuberth diagnostiziert ein antisemitisches Grundbedürfnis, das die Abgrenzung von den Juden zur Identitätsbildung missbraucht. Die instinktive Abneigung trifft gerade auch die Juden, die dank Assimilation als solche gar nicht zu erkennen sind. Der Antisemitismus kommt also aus dem Inneren der Antisemiten, das Gefühl von Inferiorität ist der Quell. Auch kann sich der Antisemitismus unsichtbar machen. Das taucht die Nachkriegsgeschichte Deutschlands und halb auch Österreichs in ein fahles Licht.
Der neue Sound der Israelkritik
An Beispielen zeigt Schuberth, wie leicht der Antisemitismus wieder ans Licht treten kann. Gerade auch die erklärten Philosemiten sind anfällig dafür. Es ist, als hätten die Deutschen vor Jahrzehnten nur darauf gewartet, dass Israel ein anderes Gesicht zeigt als das der armen, sozialistischen Kibbuzniks oder die Thora studierenden Orthodoxen, um auf Distanz zu gehen und sich wieder dem alten Verdacht zu nähern. Schuberth fasst den neuen Sound der Kritik an Israel so: „Wir waren Wölfe und wurden Lämmer. Wir schlachteten euch wie die Lämmer dahin, leisteten Abbitte und können nun stolz unsere Rehabilitationsdiplome herzeigen. Ihr aber wart Lämmer und wurdet zu Wölfen. Als euren ehemaligen Schlächtern obliegt uns eine besondere pädagogische Verantwortung.“ Immer wieder greift Schuberth zu solchen drastischen Formulierungen, die ätzend sein sollen, manchmal aber die Schwelle zum Rabiaten überschreiten und ein wenig von dem Geist inspiriert sind, gegen den sie sich wenden.
In den 39 Einzelessays des Buches referiert Schuberth pointiert die vielen Versuche, den Antisemitismus zu erklären. Etwa Sartres scharfsinnige „Überlegungen zur Judenfrage“ von 1944, in denen der spätere Liebhaber des Stalinismus noch nicht zu erkennen war. Das ist soweit nicht unbekannt, Schuberth fasst es aber erhellend zusammen. Neu und über Vorgängertexte weit hinausgehend ist seine Darstellung des linken Antisemitismus, der seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 geradezu explosionsartig zugenommen hat. Und die Opfer zu Tätern und die Täter zu Opfern erklärt. Hier wird der linke Autor leidenschaftlich, der bei aller Kritik an Israels Politik fest zum jüdischen Staat steht.
Man verzeiht Israel nicht, dass es kein Opfer sein will
Wie konnte dieser Verrat am Universalismus, der ja auch bei der Geburt der Linken Pate stand, so populär werden? Schuberth trägt die disparaten Elemente einer Erklärung zusammen. Zum einen passen die Juden nicht in die linke Fortschrittserzählung: Sie waren kein Subjekt, das man mit einer historischen Mission ausstatten konnte. Also nicht wichtig. Dass sie allein deswegen, weil sie Juden waren, von den Nazis ermordet wurden, machte sie für linke Zukunftsträumer uninteressant. Das Opfer der Kommunisten zählte, der grund- und sinnlose Tod der Juden im Holocaust nicht.
Aber auch die Neue Linke war mit den Juden bald über Kreuz. Der linke Internationalismus warf glühende, aber ahnungslose Blicke der Bewunderung auf die Unabhängigkeitsbewegungen der Dritten Welt. Und als deren Glanz von Vietnam bis Nicaragua verblasste, blieben nur noch die Palästinenser. Und damit war die Gegnerschaft zu Israel besiegelt. Denn dieser Staat wollte erklärtermaßen nicht Dritte Welt, sondern so westlich wie möglich sein. So wurden ausgerechnet die vormodernen Kampforganisationen, die im Namen der Palästinenser zu handeln vorgaben, zu den Helden der antikapitalistischen Linken des Westens. Jede Gewalttat wurde ihnen gutgeschrieben, zumindest rücksichtsvoll verziehen. Die frühere Sympathie für Israel war erloschen.
Niemand störte sich daran, dass die palästinensische Identität eine rein negative ist, dass sie keinen Keim einer besseren Zukunft trägt. Die antizionistischen Aktivisten wollen ein vormodernes Palästina. Weil sie es in ihrem reaktionären Romantizismus für „authentisch“ halten. Die Vorzüge der westlichen Welt gönnen sie ihnen nicht. Sie empfänden, schreibt Schuberth, „glückliche, zufriedene Mittelstandspalästinenser mit Rasenmährobotern und Elternsprechtagen irgendwie nicht arttypisch“. Diese Pali-Solidarität hat mit Empathie nichts zu tun. Sie ist selbstbezogen, herzlos und letztlich rassistisch. Und nihilistisch.
Es ist schwer zu verstehen, dass Menschen, die kleinste Diskriminierungen empört, in der Hamas eine Kraft des Fortschritts sehen. Schuberth erklärt es so: Der Antikapitalist und die Antikommunistin, die Queerfeministin und der Islamist, weiße Suprematisten und farbige Antirassisten stellen in ihrem Antisemitismus das Verbindende über das Trennende. Er ermöglicht es Judith Butler, mitfühlend auf die Mordbande Hamas zu blicken. „Antisemitismus“, so Schuberth, „hat eine unerhört integrative, ja versöhnende Kraft.“
Dem Autor ist der heilige Zorn über die linken Abwege anzumerken. Zu denen gehört für ihn die french theory ebenso wie die von Baudelaire bis Genet betriebene Ästhetisierung der Gewalt und des Bösen. Hinter den erhabenen Fassaden der kulturellen Moderne kann sich das plumpe Gesicht der Barbarei verbergen. Und wenn man erlebt hat, dass aus einem freundlichen, verständigen Linken im Nu ein enthemmter Aktivist werden kann, dem sein neu- oder wiederentdeckter Antisemitismus überhaupt nicht bewusst ist: Dann kann man sich wie in einem Horrorfilm fühlen, in dem Menschen von Aliens nicht zu unterscheiden sind.
Der Zorn führt indes Schuberth immer wieder auf Abwege. Er ist mit allen Wassern marxologischer Schlaumeiertheorie gewaschen und in Adornos Sprachtricks bewandert. So wirkt er mitunter wie einer jener kritischen Kritiker, die vor einem halben Jahrhundert ihren Schreibtisch für das Weltgericht hielten. Und dann schlägt er einen bewusst derben Ton an, mit dem er sich auf das Niveau seiner Gegner begibt. Er schreibt: „Als auch im eigenen Land sich die Juden nicht als die Engel erwiesen, die sie kraft ihrer Vergasung eigentlich hätten werden sollen, wurden sie zu Symbolen des Satans.“ Ein ganz kalter Ton kommt da auf.
Richard Schuberths Buch ist dennoch ein eindringliches, geradezu flehentliches Plädoyer dafür, dass die Linke ihre hellen Traditionen wiederfinden und dem Staat der Juden ihre Anteilnahme nicht länger verweigern möge. Dabei erstaunt es freilich, dass er – darin doch ein unbeirrbarer Linker – dem liberalen Denken so gut wie nichts abgewinnen kann.
Richard Schuberth: Vom Antisemitismus, der keiner sein will. Edition Tiamat, 312 Seiten, 26 Euro.