Kultur

„Was hat man dir, du armes Kind, getan?“

„Was hat man dir, du armes Kind, getan?“

„Was hat man dir, du armes Kind, getan?“ Diesen Vers singt das knabenhafte Mädchen Mignon in Johann Wolfgang von Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von 1795/96. Sigmund Freud zitierte den Satz später in einem Brief im Kontext seiner Beobachtungen zu sexuellen Übergriffen auf Kinder. Die Figur der Mignon und mit ihr die Frage des Kindeswohls treiben auch in diesen Tagen den Kulturbetrieb um. 

Anlass ist Wim Wenders’ Adaption der Meisterschen Mannwerdung nach einem Drehbuch von Peter Handke, „Falsche Bewegung“ von 1975. Besonders eine Szene in dem Film sorgt für Aufregung: Die damals 13-jährige Nastassja Kinski als Mignon ist darin mit nacktem Oberkörper im Bett zu sehen, wo sie von einem erwachsenen Mann geohrfeigt und gestreichelt wird. Die heute 65-Jährige bittet Wenders um das Streichen der Szene, inzwischen mit Anwalt. Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises Ende Mai erntete der Regisseur begeisterten Applaus, als er auf der Bühne seine Unsicherheit kundtat, wie mit dieser Forderung umzugehen sei. Inzwischen hat er den Film vorläufig zurückgezogen.

Die Debatte betrifft zwei Ebenen: die der Produktion einerseits und die des Inhalts andererseits. Also erstens: Soll man eine Szene entfernen, deren Dreh fahrlässig abgelaufen ist, nämlich ohne hinreichende Aufklärung, Intimitätskoordinator, Eltern oder Angehörige am Set – ganz unabhängig vom Inhalt der Szene? Und zweitens: Soll man eine Szene entfernen, die ein Kind als sexuelles Subjekt und Objekt darstellt – ganz unabhängig davon, wie verantwortungsvoll die Beteiligten bei den Dreharbeiten gehandelt haben?

Wofür steht Mignon?

Mit letzterer Frage landet man schnell bei Goethe. Denn schon in dessen Klassiker ist Wilhelms Verhältnis zum als „geheimnisvoll“ und „unwiderstehlich“ beschriebenen Geschöpf alles andere als einfach: Mignon, was so viel heißt wie „niedlich“, spricht nur gebrochen Deutsch, weiß weder, wie alt sie ist („er schätzte sie auf zwölf bis dreizehn“), noch, wo sie herkommt. Der Held kauft sie für hundert Dukaten einer Gruppe Seiltänzer ab, woraufhin ihm das Kind, dessen „Gestalt und Wesen“ ihm „immer reizender“ erscheinen, in aller Ergebenheit dient. 

Es ist von inbrünstigen Küssen, festen Umarmungen und hingebungsvollen Liebkosungen die Rede, die Wilhelm oft „angst und bange“ machen, was schließlich in der berühmten nächtlichen Verwechslungsszene gipfelt: Als Wilhelm schon im Bett liegt, erhält er unangekündigten Besuch, den er im Dunkeln nicht zu identifizieren vermag. Einiges deutet aber darauf hin, dass es Mignon ist, die nachts zu ihm ins Bett schleicht. Später zerstreut sich der Verdacht wieder, doch die Ereignisse der Nacht lassen das vor Eifersucht kranke Mädchen qualvoll an ihrem Kummer sterben.

In Mignon, jener Allegorie der Sehnsucht (nach der Heimat Italien, dem „Land, wo die Zitronen blühn“, und nach Wilhelm, ihrem „Geliebten“ und „Vater“), verdichten sich Männerfantasien, vor denen auch die Gegenwart nicht gefeit ist: femme fatale, verführerische „Kindfrau“ und Lolita, stumme Projektionsfläche, „Hysterie“-Gebeutelte und für die Kunst, Bildung und Freiheit zu erbringendes Opfer. 

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