Bekleidet mit nichts als einer rosa Badehose und einer übergroßen Babypappnase steigt der 20-jährige Jörg Immendorff im April 1966 in der Galerie Aachen über eine Leiter ins Dachgebälk und fängt damit an, 200 gelb-rote Blumen einzeln ins Publikum zu werfen. Der in der Klasse von Joseph Beuys studierende Immendorff nennt diese dadaistische Performance die „Blumen-Machtaktion“. Es geht um den Vietnamkrieg, in dem statt Blumen Bomben fallen, und eben auch um Riesenbabys.
In der großen Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast sind ein paar von ihnen zu sehen: pausbäckige und sehr dralle Säuglinge verschiedener Ethnien, die Immendorff bei Gelegenheit auch öffentlich wusch und fütterte. Das 1945 geborene Scheidungskind hatte noch andere seltsame Einfälle. Im Jahr 1968 klingelte Immendorff an den Türen Düsseldorfer Wohnhäuser, steckte eine Eisbärfigur an einem langen Stab hinein, nahm kurz Kontakt mit den Bewohnern auf und ging wieder („Den Eisbären mal reinhalten“).
Als er sich am 1. Mai 1968 einen in den deutschen Landesfarben bemalten Holzklotz ans linke Bein bindet und vor dem Bundeshaus in Bonn hin- und herläuft, wird er festgenommen. Diese Performance markierte den Beginn der „LIDL“-Aktionen. Bald darauf schließt Immendorff sich einer maoistischen K-Gruppe an und wird Kunsterzieher an einer Hauptschule. Wie wird aus jemandem, der offensichtlich so viel Unsinn im Kopf hatte, doch noch ein großartiger Künstler? Diese Schau ist die erste Immendorff-Retrospektive seit langer Zeit. Hier kann man es herausfinden.
Der 2007 verstorbene Maler und Bildhauer ist wegen diverser Skandale immer noch ziemlich berühmt, wurde aber lange Jahre kaum noch ausgestellt. Schade. Man ist schnell begeistert von der Bilderfülle, die er hervorbrachte, von der Anarchie und der Lust am Erzählen, Debattieren, Agitieren und Träumen. Drei Jahre vor seinem Tod mit nur 61 Jahren war Immendorff wegen Kokainbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er war da bereits schwer von einer unheilbaren Nervenkrankheit gezeichnet.
Der damalige Skandal und Immendorffs lebenslange Selbstinszenierung haben sein Werk gleichzeitig berühmt gemacht und überschattet. Immendorff malte das Porträt des Bundeskanzlers Gerhard Schröder, mit dem er befreundet war. Da das Bundeskanzleramt es nicht ausleihen wollte, ist in der Schau eine Studie zu sehen. Kein anderes Kanzlerbildnis ist so mutig und zugleich so seltsam: Immendorff hat dem Brioni-Kanzler das Gesicht vergoldet.
Einer wie er fehlt. Viele Künstler wollen heute gern politische Köpfe sein, und doch fühlt es sich oft so an, als würde das Politische an Kunstwerken unverbindlich angeheftet wie ein Auftragszettel. Ganz anders bei Immendorff. Nach seiner dadaistischen frühen LIDL-Phase wird er Maoist.
Im Dienste der bäuerlichen Revolution malt Immendorff scheinbar naive Bilder wie eines, auf dem ein Mann eine KPD-Demonstration verlässt und die Tür zu einem Maleratelier aufreißt. „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“ heißt dieses Werk von 1973. Es formuliert aber keine Frage. Immendorff sagt damit: Es ist unwichtig, was ein Künstler im Atelier macht, wenn es die Gesellschaft nicht verändert. Der junge Künstler malt Agitprop, Propaganda in Acryl. Malerisch ist das banal.
Doch dann passiert etwas Bemerkenswertes: Die Malerei verselbstständigt sich. Der Zündfunke wird ein Gemälde des älteren italienischen Künstlers Renato Guttuso. Dessen 1976 geschaffenes monumentales Bild „Caffè Greco“ versammelt im gleichnamigen römischen Traditionscafé lebende und tote Größen des kulturellen Lebens, von Giorgio de Chirico über André Gide, Apollinaire und Buffalo Bill. Auch ein japanischer Tourist und ein Lesbenpaar sind zu sehen. Gegenwart und Vergangenheit schieben sich ineinander. Der Schokoladenfabrikant Peter Ludwig kauft „Caffè Greco“ dem Kommunisten Guttuso ab und stellt es in Köln aus. Immendorff ist begeistert.
Man kann also doch figurativ und interessant malen und politisch denken, man kann über die Dinge des Lebens verhandeln, streiten und debattieren, aber nicht nur in den Lokalen der Düsseldorfer Altstadt, sondern auch in einem imaginären, gemalten „Café Deutschland“. Dieses wird Immendorff zwischen 1978 und 1982 im Großformat neunzehnmal variieren. Das Café der Nation sieht tatsächlich eher wie ein Nachtclub aus – der Zyklus wird einer der bedeutendsten Beiträge zur Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auf großen Leinwänden schafft der Künstler von vielen Figuren bevölkerte Räume in Zentralperspektive, halb Kneipe, halb Diskothek, halb Alternativparlament. Überall ist was los.
Immendorff sitzt in der ersten Variante des Motivs an einem runden Tisch und streckt die Hand durch eine kleine Mauer, die natürlich die Berliner Mauer ist. Neben ihm spiegelt sich das Brandenburger Tor in einem verspiegelten Pfeiler. Darin sieht er seinen Freund und Kollegen A.R. Penck, der drüben in der DDR dasselbe versucht: eine ganz neue Kunst zu schaffen, die der Verständigung aller mit allen dient. Totempfähle mit starren Gesichtchen symbolisieren Ost und West. Über der Leuchtdecke der Bar hockt Bert Brecht und schreibt alles mit, bei Kerzenschein. Es ist das deutsche Drama. Immendorff malt die Wiedervereinigung herbei, da glauben die meisten schon nicht mehr daran.
Drei Bilder sind hier aus diesem Komplex zu sehen. Man hätte sich sogar noch mehr gewünscht, denn die „Café-Deutschland-Reihe“ wird niemals langweilig. Man wird förmlich eingesogen in diese Höhlen des Sozialen, entdeckt immer neue Details und Anspielungen. Und man wünscht sich, dass es so eine Kunst heute auch gäbe, wo Deutschland wieder einmal auseinanderzufliegen droht, politisch taumelnd zwischen radikalen Rändern und einer erschöpften Mitte. Spätestens vor diesen Leinwänden wird klar, warum Immendorff ein so bedeutender politischer Künstler ist und trotzdem Spaß macht: Alle reden hier mit allen, alles kommt zusammen, und alle dürfen doch ihre jeweiligen Interessen vertreten, ohne denunziert zu werden. Es gibt keine klare Botschaft, das Bild selbst ist die Botschaft.
In den 80ern wird aus Immendorff endgültig, was dieser an Beuys immer bewundert hatte: eine wiedererkennbare Figur, untrennbar vom eigenen Werk. Immendorff wird eine Marke. In der Ausstellung prangen zwei große Porträts an der Wand, das eine entstand 1987 und zeigt Immendorff als Lederjackenmacho mit dicken Ringen, Ohrring und kleinem Flauschhund, eine Art Mickey Rourke der deutschen Kunst. Immendorff schafft seine Holzskulpturen mit der Motorsäge, seine Markenzeichen, die Affen, zierten Prominentenlokale und das Fußballtrikot von Fortuna Düsseldorf. Kunst und Leben fallen in eins. Insofern bleibt er seinem dadaistischen Frühwerk immer treu. Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit war es ja, die Immendorff in die Kunst getrieben hatte.
Doch der politische Impetus verlässt ihn noch vor der deutschen Wiedervereinigung. In den Wimmelbildern der „Café de Flore“-Reihe herrscht nicht mehr die Paranoia des Kalten Krieges, sondern ein gepflegtes Parlando der Geistesgrößen und Weggefährten. Der öffentliche Raum ist nun der Zeit enthoben, immer ist es Nacht, Schwarz mit Neonfarben dominiert.
Die Schau zeigt aus dieser Phase die monumentale Leinwand „Gyntiana“ mit sieben mal dreieinhalb Meter Breite. Immendorff beschäftigt sich nun mehr mit sich als mit Politik. In „Café“ von 1990 hat er am Tisch ganz rechts ein Feuerchen mit Pinseln entfacht. Am Tisch nebenan mit Rauschebart der Künstler A.R. Penck und Markus Lüpertz, ganz links ihr gemeinsamer Galerist Michael Werner. Die Kneipe heißt „Zum Immendorff“ und sieht ein wenig schummrig aus.
Immendorff beginnt, sich und seine Mitstreiter in die Kunstgeschichte hineinzumalen, da weiß er vielleicht schon, dass es ihm nicht gut geht. Er verliert nach und nach die Fähigkeit zu malen, schafft aber mit Assistenten noch ein sehr beeindruckendes, immer geisterhafter werdendes Spätwerk. 2007 stirbt er in Düsseldorf. Warum die Stadt ihn nach einer ersten Soloschau 1982 erst jetzt wieder umfangreich ausstellt, ist ein Rätsel. Aber vielleicht tat die Pause dem Werk auch mal gut. Der Herbst 2026 ist jedenfalls ein guter Zeitpunkt, sich noch mal ins Café Deutschland zu setzen und mit allen zu reden, die gerade da sind. Egal, was sie zu sagen haben.
„Immendorff“, bis 10. Januar 2027, Museum Kunstpalast, Düsseldorf.