Wirtschaft

„Wir sehen eine ganz hohe Attraktivität für die Arbeit im Hafen“

„Wir sehen eine ganz hohe Attraktivität für die Arbeit im Hafen“

Der Gesamthafenbetrieb (GHB) hat die Aufgabe, das schwankende Arbeitspensum im Hamburger Hafen mit seinem Personal auszugleichen. Gegründet im Jahr 1951, stellt der GHB seine Mitarbeitenden den Betreibern der Hafenterminals zur Verfügung. Diese werden dann von den jeweiligen Unternehmen entlohnt und haben währenddessen dieselben Rechte und Pflichten wie deren eigenes Personal. Bei fehlender Beschäftigung bezahlt der Hafenfonds die Männer und Frauen des GHB. Ende 2025 zählte der GHB 858 Festangestellte. Das Non-Profit-Unternehmen wird von den Sozialpartnern der Hafenwirtschaft gemeinsam getragen, dem Unternehmensverband Hafen Hamburg und der Gewerkschaft Verdi. Martin Pieper, 63, ist seit 2023 Geschäftsführer der Gesamthafenbetriebs-Gesellschaft, die für die Steuerung des GHB im Tagesgeschäft zuständig ist.

WELT AM SONNTAG: Herr Pieper, der Betrieb auf den Hamburger Hafenterminals wird seit Jahren deutlich stärker automatisiert, vor allem beim Containerumschlag. Sehen wir morgen noch den klassischen „Hafenarbeiter“ an der Kaikante?

Martin Pieper: Wir werden diesen Typus Hafenarbeiter auch künftig noch sehen – aber eben auch Hafenarbeiter in ganz neuen, erweiterten Berufsbildern. Der GHB hat sich frühzeitig mit den Ergebnissen des Projektes „Portskill 4.0“ auf diese neuen Berufsbilder vorbereitet. Bei den Berufsbildern verändert sich ja insbesondere die Mensch-Maschinen-Kommunikation. Wir sehen zum Beispiel digital ferngesteuerte Containerbrücken und automatische Van Carrier, die sogenannten AGVs. Diese Entwicklung verändert die Tätigkeit und die Berufsbilder der Gesamthafenarbeiter und der Hafenarbeiter enorm.

WAMS: Hat der Hafen heute noch seine alte Faszination, wenn es um Arbeit und Berufe geht? 

Pieper: Wir sehen eine ganz hohe Attraktivität für die Arbeit im Hafen, und wir haben eine besonders hohe Attraktivität für eine breit aufgestellte Arbeit im Hafen – für die Arbeit beim GHB. Wir haben einen Zulauf in einem Umfang, wie wir ihn bisher noch nicht hatten. Das gilt für die Mitarbeiter, die über den Weg als Aushilfe zu uns kommen. Es gilt aber auch für junge Menschen, die beim GHB eine Erstausbildung machen wollen. 

WAMS: Wird die Zahl der Arbeitsplätze im Hafen in den kommenden Jahren eher steigen oder sinken?

Pieper: Die großen Hafenunternhemen, insbesondere die Containerbetriebe, investieren in Automatisierung der großen Umschlagmaschinen, Containerbrücken und Van Carrier. Das wird die Nachfrage nach manueller Arbeit zurückführen. Gleichzeitig sehen wir aber, dass wir im Hamburger Hafen auch wieder Marktanteile zurückgewinnen, also Volumenzuwächse haben. Und es wird neue Flächen geben, etwa bei der Westerweiterung von Eurogate. Entscheidend ist, dass neben der klassischen Hafenarbeit, die es weiterhin geben wird, jetzt auch neue, hochqualifizierte Berufsbilder entstehen.  Vor zwei Jahren haben wir noch nicht über einen Hafentechniker oder einen Hafenadministrator gesprochen. Das sind heute anerkannte Patente. 

WAMS: Sie klingen optimistisch. Lange Zeit verzeichnete die Hamburger Hafenwirtschaft Stagnation.

Pieper: Der Hafen entwickelt sich an vielen Stellen weiter, sowohl technologisch als auch strategisch etwa mit den Beteiligungen von Reedereien an Terminals oder der Hinterlandanbindung. Beide Effekte zielen auf eine stärkere Position Hamburgs im Wettbewerb an der Nordrange ab. Wir als GHB sind dabei Teil der Lösung, wir wollen vorne mitarbeiten, und das tun wir aus unserer originären Rolle heraus. Im Grunde genommen sind wir ein Garant dafür, dass wir den Fachkräftemangel, den wir ja an vielen Stellen sehen und noch stärker sehen werden, dass wir diesen Mangel im Hamburger Hafen abfangen können. 

WAMS: Manch einer sieht den Hafen trotz des Aufschwungs als Teil der „Old Economy“. Sie beschreiben ihn als dynamisches Labor der Hamburger Wirtschaft und Logistik.

Pieper: Mit „Old Economy“ hat der Hafen wenig zu tun, im Gegenteil. Dazu ein Beispiel: Als Gesamthafenbetrieb haben wir im Dezember vom Bundesverkehrsministerium das Förderprojekt „PortConnect“ erhalten. Bei PortConnect werden wir künftig auch mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Mitarbeiterbedarf an den Terminals prognostizieren und unsere Personaleinteiler mittels KI in ihren Entscheidungen unterstützen. Die Qualität der Entscheidung, wann kommt ein Mitarbeiter mit der richtigen Qualifikation zu welchem Zeitpunkt zu welchem Terminal, ist für einen effizienten Umschlagprozess von enormer Bedeutung. Gleichzeitig bringt es auch Vorteile für die Hafenarbeiter, indem die Planbarkeit für sie verbessert wird, da es mehr Transparenz und eine frühzeitige Einsatzplanung bringt. Hinzu kommt: Wir haben beim Gesamthafenbetrieb eine sehr, sehr hohe Freiwilligkeit für Arbeit an Wochenenden. Und wir haben ein hohes Angebot an Mitarbeitern, die bereit sind, zu einer Normalschicht auch noch Überstunden zu leisten, wenn dies von den Kunden gewünscht ist. 

WAMS: Die fortschreitende Automatisierung auf den Terminals hat viel Streit zwischen den Sozialpartnern verursacht, manche Modernisierung wurde dadurch verzögert. 

Pieper: Es ist völlig normal, dass bei den Beschäftigten im Hafen – auch bei den Gesamthafenarbeitern – zunächst mal Ängste aufkommen, wenn es um Automatisierung geht. Es ist unsere Aufgabe, diese Ängste zu nehmen, sie in Chancen umzuwandeln und zu sagen, daraus ergibt sich auch eine Erweiterung Deiner Möglichkeiten. Und das ist uns gut gelungen.

WAMS: Es wird also nicht weniger Berufsbilder geben, sondern mehr Vielfalt. 

Pieper: Auf der Grundlage von Automatisierung und Digitalisierung haben wir für unsere Gesamthafenarbeiter auch neue Berufsbilder entwickelt, etwa den Hafenadministrator oder den Hafentechniker. Für diese Berufsbilder haben wir neue Patente entwickelt. Wir fahren eine zweigleisige Strategie. Bei den großen Containerterminals wollen wir an der Automatisierung mit neuen Berufsbildern teilhaben und haben uns auch an Simulatoren beteiligt, die vom Maritimen Competenzcentrum am DTC in den Räumlichkeiten am Containerterminal Altenwerder betrieben werden. Der andere Weg ist: Der Hamburger Hafen ist ein Universalhafen. Wir haben in der Vergangenheit beim GHB eine sehr starke Strategie in Richtung Containerumschlag verfolgt, gehen jetzt aber viel stärker auch auf neue Kunden mit Gütergruppen zu, die wir in der Vergangenheit in dem Umfang nicht bedient haben. Das betrifft vor allem den Umschlag von Flüssiggut und Massengut, auch dort gehen wir mit neuen Berufsbildern hinein. Wir verbreitern die Beschäftigungsbasis für die Gesamthafenarbeiter und qualifizieren uns sowohl für Bestandskunden als auch für Neukunden. 

WAMS: Was geschieht mit einem klassischen Berufsbild wie dem Lascher, der Container oder Schwergut auf Schiffen sichert, oder dem Festmacher, der die Schiffe am Kai fest- und losmacht?

Pieper: Wir haben eine hohe Anzahl an Mitarbeitern, die wir täglich für die Laschbetriebe stellen, und zwar für alle Laschbetriebe im Hamburger Hafen. Unsere neuen Gesamthafenarbeiter schulen wir immer zuerst im Bereich Laschen. Wir schätzen das Laschen als einen der Bereiche der Hafenarbeit ein, der sehr spät – wenn überhaupt – automatisiert wird. Zwar gibt es schon Laschroboter, aber hier im Hamburger Hafen sehe ich das in den kommenden zehn Jahren nicht. Das bleibt ein Bereich, in dem klassische Hafenarbeiter weiter aktiv sein werden. Der andere Bereich ist die Arbeit der Festmacher. Das umfasst das Festmachen der Schiffe selbst, aber auch das Bedienen der Festmacherboote. Wir können inzwischen auch Hafenschiffer und Hafenschifferinnen stellen, die Festmacher von einem Arbeitsplatz zum anderen befördern. In diesem Betätigungsfeld wollen wir künftig noch stärker aktiv werden. 

WAMS: Welche Unterschiede sehen Sie bei Laschern für Containerschiffe und denen, die teils Hunderte Tonnen schwere Großbauteile auf Schwergutschiffen fixieren?

Pieper: Beide Bereiche bieten wir an. Und insbesondere das konventionelle Laschen von Schwergut muss intensiv geschult werden. Das ist komplexe handwerkliche Arbeit.

WAMS: Sehen Sie logistische Arbeiten mit militärischer Ladung als ein künftiges, neues Betätigungsfeld? Die deutschen Seehäfen werden inzwischen deutlich enger in die logistischen Planungen der Nato einbezogen. 

Pieper: Zum Beispiel hier am O’Swaldkai wird ja viel rollendes Schwergut bewegt, auf eigenen Rädern oder auf RoRo-Trailern. Ob ein Hafenarbeiter einen Panzer lascht oder eine Straßenbahn, ist, glaube ich, nicht so ein großer Unterschied. Dafür zählen die Qualifikationen des konventionellen Laschens. Das Personal hier auf dem Terminal – von Unikai und vom GHB – besitzt die erforderlichen Führerscheine und Lizenzen für alle Geräte, die man auf dieser Anlage fahren kann. Wenn es tatsächlich zum Spannungs- oder Verteidigungsfall käme, würden die Bundeswehr und andere Nato-Armeen wiederum eigenes Personal für die Bewegung ihrer Güter einsetzen.

WAMS: Welche Rolle spielt der GHB überbetrieblich bei der Weiterentwicklung von Berufsbildern im Hafen? Sind Sie der eigentliche Impulsgeber, an dem sich die einzelnen Unternehmen orientieren, oder ist das ein Wechselspiel? 

Pieper: Es ist ein Wechselspiel. Die Besonderheit beim GHB ist die Vielzahl von Patenten, die Gesamthafenarbeiter für die Vielzahl unserer Kunden abbilden können. Das ist der große Unterschied im Vergleich zu den Mitarbeitern einzelner Hafenbetriebe. Ein Mitarbeiter des GHB hat eine hohe Anzahl von Patenten und Funktionen, die er oder sie auch auf unterschiedlichen Terminals einsetzen und ausüben darf. Eine weitere Besonderheit ist die gelebte Sozialpartnerschaft. Unser Betriebsrat wird von Beginn an in Projekte eingebunden, um die Transformation umzusetzen und um zukunftsfähig aufgestellt zu sein. 

WAMS: Steht der GHB bei den Veränderungen im Hafen gewissermaßen an der Spitze der Bewegung?

Pieper: Wir sind mit unserem Personal stärker als die einzelnen Hafenunternehmen in der Breite aufgestellt. Wir haben eine „Atmungsfunktion“ für Spitzenlasten im Hafen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können an einem Tag eine Containerbrücke bei der HHLA fahren, und am nächsten eine bei Eurogate. Das sind unterschiedliche Brückentypen. Ähnlich ist es mit Van Carriern für den Transport von Containern auf den Terminals oder mit Großgerät auf Massen- oder Flüssiggutterminals.

WAMS: Ihre Leute sind gleichermaßen Spezialisten und auch Generalisten des Betriebs im Hamburger Hafen.

Pieper: So ist es. Und wenn man diese „Atmungsfunktion“ abbilden will, dann muss man natürlich die Verfügbarkeit des Personals so gestalten, dass es vor allem auch in den Spitzenzeiten immer verfügbar ist – insbesondere dann, wenn unsere Kunden weniger Personal auf ihren Terminals haben, an Brücken- und an Urlaubstagen, an Feiertagen und in Nachtschichten. Das bilden wir in Abstimmung mit unseren Betriebsräten in Betriebsvereinbarungen so ab. In den Sommerferien etwa, wenn die Kolleginnen und Kollegen in den Hafenbetrieben ihren Urlaub nehmen möchten, sind wir besonders stark verfügbar. Diese Flexibilität ist der Beitrag des GHB, und das ist mit den Sozialpartnern so abgestimmt. Ich halte dieses Geschäftsmodell für besonders zukunftsfähig, gerade wegen der Veränderungen, die wir in dieser Zeit sehen. 

WAMS: Verfügbar sein zu müssen gerade zu den attraktivsten Zeiten zum Beispiel im Sommer oder an den Feiertagen – macht es das nicht schwierig, Personal zu finden?

Pieper: Nicht unbedingt. Die große Bandbreite an Aufgaben, die unsere Gesamthafenarbeiter täglich erfüllen, spricht gerade auch junge Menschen besonders stark an. Man sitzt eben nicht jeden Tag auf demselben Terminal, auf der gleichen Containerbrücke. Diese breite Einsatzmöglichkeit ist auch der Wunsch unserer Mitarbeiter. Das nenne ich oft unsere DNA, das ist Teil unserer Kernkultur. 

WAMS: Welche Menschen arbeiten für den GHB?

Pieper: Wir haben eine Mischform, und das ist für uns ein ganz wichtiger Aspekt. Da sind einerseits zum Beispiel vorqualifizierte Handwerker oder Industriearbeiter, die wir schnell als Lascher für konventionelles Stückgut einsetzen oder sie als Fahrer von Großgeräten qualifizieren können. Wir schaffen es zugleich aber auch, Menschen mit sehr gebrochenen Lebensläufen quasi in die Beschäftigung zurückzuholen. Wir qualifizieren diese Menschen zuerst im Bereich des Laschens, bilden sie dann weiter aus und bieten ihnen in der Regel nach einer gewissen Zeit einen festen, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag als Gesamthafenarbeiter an. Wir bieten Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, die bei uns anfangen, eine klare Perspektive an. Am Jahresende hatten wir 858 Festangestellte. Wir haben eine starke Rolle im Arbeitsmarkt Hamburg und bei der Qualifizierung, gerade mit dem Ziel, Menschen wieder in Beschäftigung hineinzuholen. 

Martin Pieper, 63, machte seinen Abschluss als Diplom-Ökonom an der Universität Witten/Herdecke. Er arbeitete unter anderem als Mitglied der Geschäftsführung beim Logistikdienstleister Leschaco in Bremen, als Zentralvorstand Finanzen bei der J. Müller AG in der Hafenstadt Brake an der Unterweser und als selbstständiger Berater und Interimsmanager für Finanzmanagement, Digitalisierung, Restrukturierung und Firmenzusammenschlüsse. Seit 2023 ist er Geschäftsführer der Gesamthafenbetriebs-Gesellschaft in Hamburg.

Olaf Preuß ist Wirtsdchaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.

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